Wagnis der Erinnerung

In welche Richtung

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  • Auszug: Übersetzung auf Deutsch
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Eine Kurzgeschichte des Schriftstellers Cem Akaş aus der Türkei in einer Übersetzung von Christoph K. Neumann.

Meltem wachte auf, weil irgend etwas nicht zu stimmen schien: Der Zug hatte angehalten.

Einen Augenblick lang wusste sie nicht, wo sie war.

Onur und sie waren in Istanbul am Bahnhof Sirkeci in den Zug nach Thessaloniki (oder auch Selanik) gestiegen und hatten es sich in ihrem geräumigen und sauberen Abteil gemütlich gemacht; dann hatten sie auf seinem Laptop »Sie liebt ihn – sie liebt ihn nicht« mit Gwyneth Paltrow angesehen.

Sie hatten das Fenster runter- und die Vorhänge zugezogen und sich dann geliebt; dabei hatte sie gemerkt, dass sie aus irgend einem Grunde das so schon immer einmal hatte machen wollen. Dann hatten sie etwas gelesen und waren dabei eingeschlafen.

Sie zog die Vorhänge etwas auseinander und schaute hinaus. Ein kleines Bahnhofsgebäude war zu sehen, mit griechischer Schrift obendran; sie hatten also die Grenze überquert; und als sie hörte, wie Stimmen von Beamten immer wieder das Wort »pasaport« wiederholten, schloss sie daraus: Sie waren beim ersten Halt in Griechenland.

Ihr Geliebter rappelte sich kurz aus dem Schlaf hoch, gerade so, dass er dem Photo in seinem Pass ähnlich sah; als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, war er längst wieder eingeschlafen.

Aber da war etwas Seltsames: Als sie in Istanbul aufbrachen, floss die Aussicht im Fenster von rechts nach links, aber jetzt kamen die Bäume, Häuschen, Strommasten und Fluren von links in ihr Gesichtsfeld und verschwanden nach rechts.

»Wir können doch nicht zurückgekehrt sein,« dachte Meltem. Kehrten sie zurück?

* * *

Als sie einfach keinen Schlaf fand, suchte Necmiye auf dem gesteckt vollen Deck der »İsmet Pas¸a« nach einem Platz, wo sie ihre Ellenbogen aufstützen konnte; schließlich drängte sie sich zwischen irgendwelche Leute und blickte auf die Lichter vorne in der Ferne.

Sie hatte sich aus ihrem Dorf bei Kilkis (oder auch Kılkıs¸) aufgemacht, war mit ein paar Habseligkeiten nach Thessaloniki (oder Selanik) gezogen und hatte nur mit größter Mühe einen Platz auf diesem Seelenverkäufer gefunden, der sie in ihre neue Heimat bringen sollte.

Wenn sie in İzmit ankam, würde sie tun, was ein Baum tut, der da ausgerissen worden ist, wo er Wurzeln geschlagen hatte: ihre gekappten Wurzeln aufs neue in die Erde senken, auf dass ihre Urenkelin eines Tages aufbräche und dann mit ihrem Liebhaber immer wieder durch Griechenland reise, erst, um zu sehen, woher ihre Familie kam, dann, weil sie es dort schön fand und sich wohl fühlte. Jetzt, die Lichter in der abgrundtiefen Dunkelheit des Meeres: wenn das nicht die des Abschieds vom Hafen Thessalonikis (oder Selaniks) waren, dann mussten sie zu ihrer neuen Heimat gehören, die sie begrüßte.

* * *

Das war nicht einmal eine Lampe, was da von der Decke hing; das war bloß eine nackte Birne; aber das Licht, das nicht reichte, das Kaffeehaus zu beleuchten, schaffte es doch, Ali zu blenden.

Jahrzehnte später sollte Sevim, die Tochter seiner Tochter, seinen Namen nicht in den Mund nehmen können, ohne unflätig zu werden, aber jetzt war in Alis benebeltem Kopf kein Platz für derlei Sorgen: Er dachte an den Kasten Wein, den ihm der Zigeuner bringen würde, dem er das letzte Stück des Landes verkauft hatte, das man ihm beim Bevölkerungsaustausch gegeben hatte – und an die rundliche Frau, die Besitzerin der kleinen Weinschenke im Viertel in Kavala (Kavala), in die er immer gegangen war.

* * *

In Thessaloniki (Selanik) war Osman Bey nicht ein einziges Mal in die Schenke gegenüber von dem Gebäude gegangen, wo er als Bankier arbeitete, aber es war vorgekommen, dass er auf dem Weg nach Hause in seine stattliche Villa an ihr vorbei gehend sich angezogen gefühlt hatte.

Er war mit neunzehn Blechkanistern Goldstücken an Bord der »İsmet Pas¸a« gegangen; über das Gold hatte er Olivenöl gegossen, damit es nicht zu sehen war, falls er die Kanister aufmachen musste.

Jetzt, im Garten seines Hauses im Istanbuler Stadtviertel Aksaray, während er mit einem kleinen Teil dieser inzwischen im Abnehmen begriffenen Goldstücke die Beschneidung seiner drei Enkel ausrichtete – unter denen auch Mustafa war, der zukünftige Vater Onurs – dachte er nicht an jene Schenke, sondern daran, wie er sich als Kind auf einem Markt in Thessaloniki (oder Selanik) an einem Stand voller Orangen bemüht hatte, Obst zu verkaufen.

* * *

In Kavala (Kavala), in einer der engen, steilen Straßen der inzwischen »türkisches Viertel« genannten Altstadt blieb Meltem plötzlich stehen: ein bekannter Duft – der von den Paprikaschoten, die ihre Urgroßmutter an Sonntagmorgenden gegrillt hatte –, ein bekanntes Geräusch – der türkische Vers, den der Sucher beim Versteckspiel mit nur halb geschlossenen Augen sagen muss, bevor er nach den anderen fahnden darf:

»Eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss versteckt sein. Hinter mir und vorder mir gilt es nicht, und an beiden Seiten nicht! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht neun, zehn – ich komme!«

* * *

Es war noch nicht lange her, dass sie geheiratet hatten, aber Necmiye war sofort schwanger geworden, und noch ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatten sie erst einen Sohn und dann eine Tochter. Und als Mehmet, der dort als Wächter arbeitete, so auf dem Grundstück der Groß-Weberei Hereke am Meeresufer entlangging, wusste er nicht, dass dies sein letzter Gang sein sollte, dass er aus dem Schlaf nach seiner Rückkehr vom Dienst in den frühen Morgenstunden nicht wieder aufwachen und so gezwungen sein würde, das Versprechen zu brechen, das er Necmiye in Kilkis (Kılkıs¸) gegeben hatte, nämlich sie niemals alleine zu lassen.

Hätte er das gewusst, wäre er möglicherweise traurig gewesen, dass er nie wieder Gelegenheit haben würde, auf seine Kinder zu schimpfen, die zur Essenszeit lieber Verstecken spielten.

* * *

»Du hattest versprochen, langsam zu fahren!« nörgelte Meltem, während sie mit ihrem Auto in Xanthi (oder auch İskeçe) herumfuhren.

Dieses Mal waren sie mit dem Wagen aus Istanbul aufgebrochen, um bis nach Athina (oder Atina) zu fahren, von dort mit der Fähre nach Kos (oder İstanköy) und weiter nach Bodrum überzusetzen, und dann die Ägäisküste entlang nach Norden und nach Istanbul zurück zu reisen.

Onur fuhr auch gar nicht besonders schnell, aber nach ihrer Heirat, und besonders seit sie schwanger war, hatte Meltem vor einer Menge Dingen Angst; und Onur bemühte sich, sie zu nichts zu nötigen – ohnehin fuhr er an unbekannten Orten, auf unbekannten Wegen nicht gerne schnell; man musste dann plötzlich umdrehen, wenn man bemerkte, dass man auf eine falsche Straße geraten war.

So wie jetzt: Der Fahrer des Wagens hinter ihnen rief auf Türkisch »Du Esel aus Istanbul!«; Meltem fühlte sich wie in einer anatolischen Stadt und musste laut lachen.

* * *

Mustafa Kemal hieß zwar noch nicht Atatürk, der Vater der Türken, wurde aber so behandelt und benahm sich auch so; und als Nimet ihm vorgestellt wurde, begann sie laut zu flennen, so dass Ali gar nicht wusste, wohin mit sich selbst und fürchterlich beschämt war, weil er glaubte, wegen seiner Tochter von dem großen Führer getadelt zu werden.

Auf die Frage Mustafa Kemals, warum seine Landsmännin denn weine, erklärte Nimet, sie wolle in die Schule gehen, aber ihr Vater lasse sie nicht; und indem sie aus einer Zeitung, die man herbrachte, ordentlich vorlas, bewies sie, dass sie sich den Schulbesuch wirklich verdient hatte.

Als Mustafa Kemal den Oberschulrat rief und anordnete, Nimet mit der zweiten Klasse beginnen zu lassen, schauten alle auch Ali an, Ali aber blickte auf seine in Thessaloniki (Selanik) gefertigten Hochzeitsschuhe, die ihm immer noch nicht zerfetzt von den Füßen fielen.

* * *

Sie waren vom Regen überrascht worden, gingen aber trotzdem weiter – die Straße von Thessaloniki (Selanik) rochen im Regen wie die von Erenköy in Istanbul.

Als sie um eine Ecke bogen, war es, als seien sie mitten in eine Filmaufnahme hineingelaufen: Aus einer offenen Kirchentür flossen Licht und Freude; da ging auch schon eine Braut in Weiß an ihnen vorbei und schritt mit ihren Begleitern eilig die Stufen zur Kirche hinauf, in der eine beachtliche Gesellschaft sie erwartete.

Während der ganze Reise war das eine der beiden Überraschungen, die Meltem glücklich machten, nach dem Orangenbaum, der in Kavala (Kavala) mitten auf einer kleinen, mit Wohnblocks bestandenen Straße plötzlich vor ihnen stand und noch seine Früchte trug.

* * *

Nach dem Feuer, das ihr ganzes Haus zu Asche hatte zerfallen lassen, bevor es gelöscht wurde, sah Necmiye vom Hügel auf die Lichter der Großweberei und erinnerte sich, wie Saloniki von Franzosen und Bulgaren in Brand gesteckt worden war und wie man aus einem Zeppelin Benzin auf die Stadt gegossen hatte; und während sie sich fragte, wann sie ihren Kindern davon erzählen würde, fiel ihr ein: Wie gleich neben dem lichterloh in Flammen aufgegangenen Justizpalast die stattliche Villa eines türkischen Bankiers das Feuer überstanden hatte, das die ganze Stadt an einem Tag vernichtete.

* * *

Diesmal waren sie zu dritt – bei sich in ihrem Abteil im »Freundschaftszug« hatten sie ihren Sohn, der gerade Sätze zu bilden begann und auf die Frage nach seinem Namen »Kaaniko« antwortete.

Der und Onur schliefen jetzt leise schnarchend; die Reise nach Saloniki hatte beide erschöpft.

Eigentlich war auch Meltem müde, aber sie kämpfte gegen den Schlaf, entschlossen, dieses Mal zu begreifen, an welchem Punkt und warum der Zug die Richtung wechselte, oder so tat, als wechsele er sie, und ob es diesen Wechsel überhaupt gab.

 

Cem Akaş © Esra Ozdogan
Cem Akaş aus der Türkei
Cem Akaş, geb. 1968 in Mannheim /Deutschland, lebt in Istanbul/Türkei; studierte Chemieingenieurwesen an der Bogazici Universität Istanbul sowie Politikwissenschaft an der Columbia Universität, New York, Promotion in Geschichte an der Bogazici Universität; von 1992-2004 arbeitete Cem Akaş für einen der größten Verlage in der Türkei Yapi Kredi Yayinlari und gründete 2005 eine eigene Verlagsgruppe; freier Autor (Romane, Erzählungen und Essays); zahlr. Buchveröffentlichungen, zuletzt: Guarding the State, Politikwissenschaft, (Charleston, SC 2010); 19, Roman, (Istanbul 2009); Gitmeyecekler için Urbino, Roman, (Istanbul 2007); Ausgewählte Erzählungen (Öykü Seçkisi), (Istanbul 2002); Olgunluk Çağı Üçlemesi, Roman, (Istanbul 2001); in deutscher Übersetzung liegt vor Wo ist der Teppich, Erzählung, in: Unser Istanbul, (Berlin 2008).

 

Eine Übersetzung von Christoph K. Neumann
Christoph K. Neumann, geb. 1962, hat an verschiedenen Instituten und Universitäten in Prag und vor allem Istanbul geforscht und gelehrt. Heute ist er Professor für Turkologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Kultur- und Sozialgeschichte des Osmanischen Reiches erschien u.a. Die Kleine Geschichte der Türkei (zusammen mit Klaus Kreiser, Philipp Reclam jun. Stuttgart, 2. Aufl. 2008). Außerdem übersetzt er Literatur aus dem Türkischen (u.a. Orhan Pamuk, Ahmet Hamdi Tanpınar und Şebnem İşigüzel) ins Deutsche.