Wagnis der Erinnerung

Vom Wegsehen und vom Hinschauen
Der Balkan geht mit Unterschieden toleranter um. Und blutiger.

Foto: Peter BusseFoto: Peter Busse

Auch wer sonst vom Balkan nichts weiß, glaubt sich in einem sicher: Hier liegt die Heimat der Intoleranz, des ethnischen Nationalismus und der autistischen Kleinstaaterei. Der Beweis wurde ja erst vor kurzem erbracht, wie es scheint. Alle Sünden, die sich der Nationalismus im Westen des Kontinents im 19. und 20. Jahrhundert hat zuschulden kommen lassen, imperiale Ausdehnung, Unterdrückung, Austreibung und gewaltsame Assimilation von Minderheiten, hat er auf dem Balkan in den Neunzigerjahren noch einmal begangen. Stereotypien, ethnischer Hass, nationale Machtpolitik, die wir in der Europäischen Union nach zwei Weltkriegen endlich hinter uns gelassen haben, konnten sich in diesem schwach entwickelten Rückzugsgebiet offenbar halten und haben sich in den letzten zwanzig Jahren mit typischer Verspätung ein weiteres Mal entfaltet.

Wer sich gründlich und vorurteilsfrei auf die Region einlässt, wird Erfahrungen machen, die in dieses Bild schlecht passen. Nirgendwo in Europa fallen Menschen zum Beispiel so selbstverständlich von einer Sprache in die andere wie auf dem Balkan. In keinem europäischen Land hat ein so großer Anteil der Bevölkerung Verwandte im Ausland wie in Kroatien. Das ist nicht bloß die Folge von Flucht und Vertreibung. Die Gastfreundschaft gegenüber Fremden wird mit Recht gerühmt. In den Dörfern und Kleinstädten der Region wird zwischen den Nationen und Konfessionen auch nach dem Krieg noch eine Kultur des gegenseitigen Besuchens und, vor allem bei religiösen Festen, des Gratulierens gepflogen, die etwa zwischen Protestanten und Katholiken in Deutschland ganz unbekannt war. Sogar die Sitte des Schüleraustauschs, die nach dem Zweiten Weltkrieg Deutsche und Franzosen einander näher bringen sollte, hat in Bosnien eine viel längere Tradition: Eltern gaben schon im 19. Jahrhundert ihre heranwachsende Kinder für ein Jahr in eine Familie der anderen Nationalität, damit sie deren Gebräuche und Denkweisen kennen lernten.

Schnittstelle der Weltreligionen

Foto: Manzara Ulus'danReist man an die Schnittstelle der Weltreligionen Christentum und Islam, so wird man dort weniger den Clash der Kulturen als vielmehr einen eigenartigen Synkretismus antreffen. In einigen Tälern des Kosovo und Mazedoniens ist es bis in unsere Zeit üblich, Kindern sowohl einen christlichen als auch einen muslimischen Vornamen zu geben. Eine Inquisition hat es in ganz Osteuropa nie gegeben. Wo kulturelle Unterschiede wirklich Toleranz erfordern, ist diese Toleranz auch vorhanden. In einem Land wie Serbien, das ja als Epizentrum des Ethno-Nationalismus bekannt wurde, funktioniert etwa das Zusammenleben mit den Roma besser als in Tschechien oder in Frankreich. Selbst die ultranationalistische Radikale Partei ließ auf ihren Wahlveranstaltungen regelmäßig einen Vertreter der Roma auftreten, der dann vom Publikum bejubelt wurde.

Die Kriege der Neunzigerjahre haben allerdings wirklich stattgefunden, und sie wurden auch tatsächlich zwischen den Nationen ausgetragen, nicht zwischen unterschiedlichen Ideologien oder verschiedenen Klassen. Wie passt das zur behaupteten kulturellen Toleranz?

Wer den Widerspruch verstehen will, sollte zunächst zurückgehen zur Debatte über „Multikultur“, wie sie im Westen in den 1980er Jahren geführt wurde. In den USA hatte sich der Brauch entwickelt, von ethnischen und kulturellen oder gar rassischen Unterschieden möglichst abzusehen. Nun verlangte der Kanadier Charles Taylor, ausgehend von Erfahrungen in seinem eigenen Land, das Gegenteil: Man solle hinsehen. Nicht Gleichgültigkeit gegenüber den Besonderheiten der anderen sei die richtige Basis für das Zusammenleben, meinte der kanadische Philosoph, sondern gerade deren Anerkennung. Ein Respekt, für den man seinen Nächsten erst künstlich seiner sozialen Bezüge entkleiden müsse, kann nach Taylor nicht nachhaltig sein.

Wie reagieren wir auf Fremde?

Wir kennen den Zwiespalt aus dem alltäglichen Umgang: Wie reagieren wir auf Fremdes, etwa auf einen Menschen, der uns durch sein Aussehen überrascht? Schauen wir weg oder schauen wir hin? Fragen wir einen schwäbisch sprechenden Menschen mit asiatischen Gesichtszügen, wie der scheinbare Widerspruch zu erklären ist? Sprechen wir Behinderte auf ihr sichtbares Leiden an und erkundigen uns teilnahmsvoll nach dem Befinden? Oder tun wir so, als bemerkten wir die Behinderung gar nicht?

Im alltäglichen Umgang wird die Antwort immer von den konkreten Umständen, von unserem Charakter und von unserer Sensibilität abhängen. Auf einer abstrakteren Stufe aber, auf der Ebene der Moral oder der Politik, sind allgemeingültige Entscheidungen nicht zu umgehen. Im Westen Europas hat sich so über die Jahrhunderte die Kultur des Wegschauens, im Osten dagegen die Kultur des Hinsehens entwickelt. Sie wirken auf den alltäglichen Umgang zurück. Wie man im Osten mit Anderssein umgeht, wird im Westen als plump, direkt, aber auch als unverkrampft und herzlich empfunden, während man im Osten die Abstraktion von der Besonderheit seines Gegenüber zwar für rücksichtsvoll und kultiviert, aber auch für gekünstelt und indolent hält.

Moralisch wird das Absehen von Unterschieden gern mit den Idealen des revolutionären Bürgertums begründet. Aber die westliche Kultur des Wegschauens und der Kult der Gleichheit entstammen nicht erst der Französischen Revolution mit ihrer Égalité und ihren Menschenrechten. Sie sind bereits im Absolutismus angelegt. Der „Sonnenkönig“ beschien alle seine Untertanen gleichermaßen, unabhängig von Geburt und Stand. Schon darin lag ein Element von Gleichheit und Geringschätzung von Unterschieden, das die Jakobiner nur vollendet haben. Die moderne Staatsverwaltung, wie sie sich im Frankreich des 17. Jahrhunderts herauszubilden begann, arbeitete mit zählbaren Subjekten; Besonderheiten, etwa Sonderrechte, waren ihr ein Gräuel. Ethnische und sprachliche Unterschiede hatten für sie keine Bedeutung. Dem König war es egal, in welcher Sprache seine Untertanen den Mund hielten.

Ein Hauch von kollektiver Gleichheit

In den Imperien des europäischen Ostens hat der Absolutismus sich nie durchgesetzt. Das Osmanische Reich, das über 500 Jahre bis zum Ende des Ersten Weltkriegs einen guten Teil des Balkans beherrschte, unterschied seine Untertanen nach Konfession und machte die Unterscheidung zum Kriterium für die Verteilung von Rechten. Muslime, Juden und Christen bildeten je eine Glaubensnation. Gleiche Rechte genossen sie nicht: Christen mussten mehr Steuern zahlen als Muslime und mussten etwa in der Kleidung erkennbar sein. Aber auch die Muslime waren von spezifischen Verboten betroffen, so dass über dem System auch ein Hauch von kollektiver Gleichheit lag, ähnlich wie bei der Anwendung der Separate-but-equal-These der amerikanischen Südstaatler. Die Aufspaltung des Volkes in Glaubensnationen war eine Herrschaftstechnik: Die unterworfenen Völker behielten ihre autonomen Strukturen, damit sie der Hohen Pforte das Eintreiben von Steuern abnahmen.

Foto: Ensa TekelÖsterreich, das sich die andere Hälfte des Balkan eroberte, blieb von der europäischen Aufklärung zwar nicht unberührt. Vor radikaler Modernisierung aber, wie in Frankreich oder im Preußen Friedrichs des Großen, schreckten die Habsburger aus berechtigter Furcht vor den Gefahren der Gleichheit zurück. Maria Theresia hatte die allgemeine Schulpflicht eingeführt, aber auf muttersprachlichem Unterricht für alle Volksgruppen bestanden. Was uns heute fortschrittlich vorkommt, war damals konservativ. Ein Volk, das Deutsch oder Latein sprach und schrieb, drohte ein gefährliches Bildungsbürgertum hervorzubringen. Lernten die Kinder aber Ukrainisch, Slowenisch oder Rumänisch in der Schule, so durfte man in Wien sicher sein, dass ihr Horizont nie über ihren engeren Lebenskreis hinausgehen würde. Auch der österreichische Sonderweg war vom Interesse am Machterhalt diktiert. Das Konzept des „Teile und herrsche“ zahlte sich aus, als der Wiener Hof 1848 die Kroaten zur Niederschlagung der ungarischen Liberalen einsetzte. Hätten sich alle Liberalen im Reiche als Angehörige einer einzigen Nation gefühlt, so hätten sie sich gegen den Kaiser verbündet.

In den reicheren, moderneren Staaten des Westens herrschten im 18. und 19. Jahrhundert Gleichmacherei und Assimilierung ethnischer und sprachlicher Unterschiede, immerhin aber mit dem Ziel, tatsächlich eine Gesellschaft der gleichen Individuen zu schaffen. In den Imperien des Ostens dagegen wurden die Unterschiede systematisch politisiert. Später haben einige Staaten der Region versucht, den westlichen Weg nachzuholen – etwa Rumänien nach 1920, als es unversehens zu einem Vielvölkerstaat geworden war, oder Jugoslawien nach 1929. Aber die Versuche kamen zu spät. Die Türkei, die nie den Pfad der reinen Staatsbürgernation verließ, kämpft heute noch mit dem Ergebnis. Die drei »französierenden« Länder in Südosteuropa (Rumänien, Griechenland, Türkei) konnten und wollten, anders als das Vorbild Frankreich, die Nichtanerkennung kultureller Minderheiten nicht mit Respekt vor dem Individuum wettmachen. Man tat so, als schaue man weg, sah in Wirklichkeit aber dann doch genau hin, nicht um Minderheiten gleichzustellen, sondern um sie gezielt abzuwerten.

Kein Staat in Europa hat die Politisierung der Unterschiede so weit getrieben wie das kommunistische Jugoslawien; nicht an Gleichmacherei ist das Land zugrunde gegangen, sondern an deren Gegenteil. Die Durchquotierung aller Lebensbereiche machte die einstigen Glaubensnationen de facto zu konkurrierenden Parteien, die im verordneten System des ethnischen Gleichgewichts ihre Interessen allerdings stets fein mit einander austarieren mussten. Als diese Einschränkung mit den ersten allgemeinen Wahlen und der Einführung des Mehrheitsprinzips fortfiel, standen die Nationen-Parteien in allem gegen einander. Weil aber Nationen nur ein nacktes Interesse und keine „Sache“ haben, um die sie streiten können, blieb nach kurzer Zeit nur noch der Krieg.

Es geht um Identität, nicht um Verschiedenheit

Fremde Besucher des Balkan haben immer wieder angemerkt, dass ihnen die so blutig ausgetragenen Unterschiede so stark gar nicht vorkämen. So stark sind die Unterschiede tatsächlich nicht. Stehen die „Nationen“ einmal in Konkurrenz zu einander, müssen sie ihre Existenz nicht mehr durch die Pflege von kulturellen Unterschieden beweisen. Dass sie politisch in Konkurrenz zu einander stehen, hält sie ja schon hinreichend auseinander. Nicht um Verschiedenheit geht es am Ende in diesem System, das ja ganz auf Verschiedenheit aufbaut, sondern nur noch um Identität. Es reicht, dass der andere eben der andere ist. Bei einer Bewerbung muss ich ja auch denjenigen Stellenbewerber am meisten fürchten, der mir am ähnlichsten ist. Feindseligkeit und kulturelle Nähe gehen gut zusammen, und Toleranz hebt die Konkurrenz nicht auf. Als zwischen 1992 und 1995 in Bosnien vor allem nicht katholische Kroaten, nicht orthodoxe Serben und nicht muslimische Bosniaken gegeneinander kämpften, trugen sie nicht ihre Verschiedenheit aus, sondern kämpften um ihr nacktes Interesse.

Wer ein Gespür dafür hat, kann den spezifischen Geist der Toleranz und des Respekts vor kulturellen Unterschieden auf dem Balkan auch nach den Kriegsjahren noch spüren. Wer aber glaubt, dieser Geist schütze vor Krieg, ist widerlegt. Der viele Unterricht in multinationaler Verständigung, den zahllose westliche Stiftungen und NGOs den Balkan-Gesellschaften seit den Kriegen angedeihen lassen, ist gut gemeint und gewiss nicht schädlich, auch wenn man sich fragen darf, wer eigentlich hinters Pult und wer auf die Schulbank gehörte. Als Kriegsprävention aber ist die Anstrengung in jedem Falle fehlinvestiert.

Heute sind die Konflikte nicht mehr virulent. Aus den multikulturellen Imperien sind Nationalstaaten geworden, und aus den ethnischen Fraktionen wurden oder werden Nationen im westlichen, staatsbürgerlichen Sinn. Was sich aus der Zeit der Vielvölkerstaaten erhalten hat, sind die Prestigehierarchien, und sie unterfüttern auch heute noch jeden politischen Konflikt mit Ressentiments. Hierarchien im nationalen Prestige kennen wir auch aus Westeuropa: Sie ergeben sich aus dem Bildungsstand und dem Reichtum einer Nation; zwischen dem kultivierten Frankreich und dem wohlhabenden Deutschland stand es entsprechend lange patt.

Auf dem Balkan und in Mitteleuropa sind die Kriterien nicht bürgerlicher, sondern feudaler Herkunft. An der Spitze stehen die „staatsbildenden“ Nationen. Das waren zur Zeit der Vielvölkerreiche nicht nur die (österreichischen) Deutschen und die Türken, sondern bald auch die Serben und die Griechen, die schon früh im 19. Jahrhundert und mittels international beachteter Freiheitskriege zu Trägern selbstständiger Staaten wurden. Obwohl sie es an Bildungsstand und Reichtum mit keinem westlichen Land aufnehmen kann, genießt die Türkei auf dem Balkan als Nachlassverwalterin des Imperiums nicht nur bei Muslimen auch heute noch großes Ansehen.

An zweiter Stelle folgen die „historischen Nationen“. Darunter verstand man in der Habsburger-Monarchie Nationen mit einem eigenen Adel, welcher einst ein Reich getragen hatte, und die erst später, dann aber mit definierten „historischen“ Rechten unter die Kaiserkrone kamen. Vor allen anderen galt das für die Ungarn, die am Ende nur noch durch die Person des Kaisers mit Habsburg verbunden waren. „Historische Nationen“ mit „alten“ (und selbstverständlich umstrittenen) Rechten waren aber auch die Böhmen und die Kroaten, im Osmanischen Reich auch die Griechen, die Serben, die Montenegriner und die Rumänen.

Der stolze, freie Falke

Den Boden der Hierarchie schließlich bildeten die „geschichtslosen Völker“, wie Hegel sie nannte: Gruppen, die von keiner imperialen und staatlichen Geschichte, sondern allein durch Sprache und Gebräuche und vielleicht die Religion und diesen oder jenen nationalen Mythos zusammengehalten wurden. Zu ihnen zählten Slowenen und Slowaken, bosnische Muslime, Bulgaren und Albaner. Dass etwa in Slowenien das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beim Doppelten des kroatischen liegt, mindert das Überlegenheitsgefühl in Zagreb nicht: Für bewusste Kroaten sind die Nachbarn nur ein reich gewordenes Volk von Kleinbauern. Auch der scheue Respekt und die Angst, die überall in der Region Serbien entgegengebracht wird, ist nicht erst im letzten Krieg entstanden. Serbien war ein Jahrhundert lang für die Slawen im Habsburgerreich, der stolze, freie Falke, dem man es gern gleich täte, wenn man sich nur trauen würde.

Dass die neuen Nationen in Südosteuropa eines Tages die Konflikte der westeuropäischen Nationen aus dem Zeitalter des Imperialismus nachholen möchten, muss man nicht befürchten. Sie haben in ihren Aufteilungskriegen nur ein bewährtes Organisationsprinzip für einen Staat, das nationale eben, für sich nutzbar machen wollen. Jetzt haben sie es. Feindschaft und Vorurteil sind somit überflüssig geworden; die Bitternis nach den Erfahrungen des letzten Krieges wird spätestens nach einer Generation überwunden sein. Ganz gegen das Vorurteil pflegen die Balkan-Nationen tatsächlich keine so ausgeprägten Stereotype über einander wie die westlichen Nationen es tun. Auch heutigen Deutschen genügt oft schon ein ererbtes oder aufgeschnapptes Vorurteil, genährt vielleicht von einem flüchtigen Urlaubserlebnis, um alle Franzosen für „arrogant“ oder „hochnäsig“ zu halten. Auf dem Balkan hat man so etwas nicht einmal im Krieg gehört. Man kennt einander eben besser.

Norbert Mappes-Niediek, Jahrgang 1953, arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre als freier Südosteuropa-Korrespondent für zahlreiche deutsche Medien, darunter so namhafte wie Die Zeit und der Deutschlandfunk.