Daring to Remember

Hier bin ichde

  • Auszug: Gelesen auf Türkisch von dem Autor
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  • Auszug: Übersetzung auf Deutsch
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Gedichte des Lyrikers Gür Genç aus Zypern in einer Übersetzung aus dem Türkischen von Dr. Monika Carbe.

Hier bin ich

Hier bin ich –

wie eine Flasche Wein, in die der Korken floh.

Rührt man sie an, werde ich kentern und absacken.

 

Du und alle (selbst sie) ließen mich fallen,

hier bin ich in die Falle getappt,

hier, auf dieser schmalen Insel bin ich gefangen,

ohne Frieden und Liebe.

 

Heute Abend kaufte ich mit dem letzten Kuruş

aus meinen Exkrementen,

den als Kind ich einst schluckte,

ein Bündel billiger Veilchen.

Opferte … wurde geopfert … kroch am Boden.

 

Katzen und Hunde streichen um mich herum,

dicke Ratten fordern ihren Tribut,

Fliegen und Soldaten.

 

Nicht das Gedicht, sondern das Wasser

Für die zypriotischen Dichter

Seit Aphrodite verwandelte sich diese Insel in eine Müllhalde

der Liebe.

Je mehr sich unsere Füße regen,

die sich mit den Wurzeln der Besatzerrassen mischen,

um so mehr krachen Knochenhaufen unter unserer Last.

 

Die Erde ist so belastet mit dem Most des Todes,

dass sie einzige Rettung

nicht das Gedicht ist,

sondern das Wasser!

 

Von der übermäßigen Hitze schmolzen selbst Steine

und strömten mit den Bächen ins Meer.

Fremde Sprachen verbrannten unsere offenen Münder

wie geschmolzenes Kupfer mit sexueller Überflutung.

 

Für eine winzige Insel sind so viele Gedichte zu viel.

Schreibt keine mehr!

Pflanzt Bäume

- oder schöpft Wasser!

 

Stavrakonno, 29 Jahre später

Für meine Eltern

I

An Ort und Stelle steht euer erstes Haus,

doch unbeachtet von Kommenden und Gehenden.

 

Die Kirche wurde zur Schule, riesige Kürbisse

baut der Pope im Hinterhof an.

 

Auch wenn viele Gärten vertrocknen,

fließen immer noch dreißig Quellen.

 

II

Der Friedhof ist so leer, als wären auch die Toten auferstanden

und den Auswanderern hinterher gewandert,

mit ihren Grabschriften.

 

Als ob das Dorf, am Rand des Abgrunds schwebend,

hinüber springen wollte,

wenn jene, die es verließen, nicht heimkehrten.

 

III

Unparteiisch und gastfreundlich ist die Erde,

die Sache der Auswanderer rührt den Himmel nicht.

 

Da ihre Zeit nun mal gekommen ist, blühen die Blumen,

und die Bäume tragen weiter Früchte,

 

zurückkehren und uns zulächeln

werden die Verschwundenen.

 

Küss den Tod

Küss den Tod! Küss ihn, auf dass Azaleen auf deinen Lippen erblühen,

allein, auf dass eine Gitarre eine heitere Weise spielt,

damit eine Mutter den Verstand verliert

und ein Vater auf die Knie fällt,

und auf dass dir das Leben bleibt, mit den Düften eines gepuderten Neugeborenen,

und auf dass euch das Leben bleibt, mit dem Blut,

das aus einer kaputten Tränenflasche rinnt, an die Ader gelehnt.

 

Küss den Tod! Küss ihn, damit zwischen Wiege und Friedhof

ein riesiges Freudenfest beginnt,

auf dass deine Erinnerungen Lust und Farbe ändern,

damit die Haut Falten wirft.

Mit meiner eigenen Kamera fotografierte ich meinen eigenen Tod,

splitternackt, damit ich ihn euch auf dem schweren Bild betrachten lasse,

mit einem erregenden Ruhm,

mit dem Ruhm bin ich bloßgestellt.

 

Küss den Tod! Küss ihn, damit das Echo ohne rotes Blut

von mir auf dich übergeht,

auf dass dir das Erbe bleibt, der göttliche Frieden deiner Sünden –

auf geht’s, nur zu! Küss ihn, küss und lern,

denn man weiß doch, dass die Landstreicher von Dichtern

immer an vorderster Front rennen, dem Tod in die Arme.

 

Nikosia

 

Mit den Ru-i-nen auf deinem Gelände hast du mich verführt,

Nikosia …

 

In den geteilten Hinterhöfen, unter den demütigen Datteln,

gewöhnte ich mich ans Haschisch, mit jenen mit gespaltener Zunge.

Auf dem Friedhof der Armenier hauste ich und sah sie selbst,

Isabel d’Ibelin, im Traum.

Meinen Stolz tauschte ich gegen die Matratze,

aus deinem verschlossenen Bordell geworfen,

und gegen ein altes Fahrradgerippe mit 28 Zoll.

Auch wenn die Alten Jasminduft spürten,

roch ich auf den Straßen militaristischen Schweiß und Wunden.

Selbst wenn ich in deinen stinkenden Bächen einen Reiher aufstellte,

weißer als die Mädchen, die zu Hause blieben,

könnte ich ihn, den V-Ausschnitt, nicht aufstellen.

 

Du führst meinen Namen schon zu lange im Mund, spuck ihn endlich aus,

Nikosia …

 

Gürgenç Korkmazel © Ergenç Korkmazel
Gürgenç Korkmazel from Cyprus
Gürgenç Korkmazel, pen name: Gür Genç, was born in 1969 in Paphos, in the southern part of Cyprus. After the war, he was evacuated to Lysi in the northern part of Cyprus in 1974. In 1987, he began his university studies in Turkey, but returned to Cyprus after the first semester, where he continued his studies, only to be exmatriculated two years later.  In 1996, he moved to Turkey and lived there for four years, after which he lived in England for another seven years. Since 2003, he has been living in Cyprus again, working as a publisher and translator. Since 1992, he has also been a free-lance author (of poetry and short stories). He has published a number of books, most recently including: Yolyutma , poems (Nicosia,  2000), Augur, poems (Nicosia, 2005), Tilki ve Cobanaldatan , translation of Taner Baybar’s complete poetry (Istanbul, 2007), Yagmar Yüzünden,  an initial collection of short stories (Zypern 2008). In 2009, he edited the bilingual book entitled Short Stories From Modern Turkish Cypriot Literature. The following German translations of his work have been published: Ein Ort so fern, dass er unerreichbar für mich, Keine Gedichte, sondern Wasser bitte, Arthur Rimbauds letzter Tag auf der Insel, Schmetterlingsschmetterer (from: ZYPRIOTISCH-TÜRKISCHE POESIE HEUTE, 20 Dichter, Famagusta 2008). He has taken part in numerous international literary festivals and workshops.

 

Translation by Monika Carbe
Monika Carbe was born in 1945 in Meiningen / Thüringen, Germany. She studied German literature,  Indology and Philosophy from 1965 to 1971 at Marburg-Lahn University. She wrote her dissertation on  Thomas Mann. She has published poetry and short stories in anthologies. 1999  saw the publication of her first novel, Das Testament des  Staatsanwalts (The Prosecutor’s Last Will and Testament), and in 2002 a  volume of essays appeared, Hndert Jahre Nazim Hikmet (Nazim Hikmet,  One Hundred Years), co-edited by Wolfgang Riemann. Since the early 1990’s  she has been translating Turkish literature into German: three books by Sait  Faik, classics of Turkish modernism, in collaboration with Enis  Gülegen: Ein Lastkahn namens Leben (A Barge Named Life) -  Medari Maiyet Motoru -,Verschollene gesucht (Kayip  Araniyor- Missing, Wanted) and Der Samowar (Semaver –  The Samovar). In the year 2002, her translation of the novel Resimli Dünya  (Illustrated World) by Nedim Gürsel was published with the German  title Turbane in Venedig (Turbans in Venice) by Ammann in Zürich.