Krieg und Frieden

Dracula und der Mythos vom Wilden Balkan

„Der Balkan hat immer nur dann auf die westliche Vorstellungswelt eingewirkt, wenn Krieg war. Obwohl viele Jahrzehnte niemand vom Balkan Notiz nimmt und niemand verfolgt, was dort vor sich geht, richtet sich das Hauptaugenmerk, kaum dass es dort Schwierigkeiten gibt, sofort auf den Balkan. Und da hat man dann, wenn man so will, die Quelle für den doppelgesichtigen Mythos vom Balkan. Eine Seite dieses Mythos sagt, der Balkan sei wie ein Kind, das zur Ordnung gerufen werden muss, ich nenne das den ‚Ruritanienmythos‘ (Ruritanien: fiktives Balkanland; red. Anm.). Man kennt das ja, diese ganzen kindischen folkloristischen Uniformen und Rituale und so fort. Der andere Mythos ist der von der Bedrohung, der Mythos des Vampirs. Dracula repräsentiert diesen Mythos. Beide sind Schöpfungen aus viktorianischer Zeit. Beide sind typische Produkte der Sehnsucht des späten 19. Jahrhundert nach einem imaginären Ort.

Im 20. Jahrhundert wurden diese Mythen vor allem durch die zahlreichen Verfilmungen des Stoffs weiterentwickelt. In England zum Beispiel, um einmal Bram Strokers Dracula zu nehmen, kennen Kinder den Vampir schon im Alter von vier oder fünf Jahren, also bevor sie lesen können. Die erste Vorstellung, die man sich hier vom Balkan macht, stammt also gewissermaßen aus der Schöpfung eines irischen Schriftstellers, der nie auch nur einen Fuß auf den Balkan gesetzt hat.

Das sind die beiden Seiten des Balkan-Mythos, des Balkans als Metapher – er ist sozusagen ‚proteusartig‘. Da sind also die kindliche und bedrohliche Seite, und beide müssen in Schach gehalten werden, denn sonst bringen sie den Rest der Welt in Gefahr. Aber beide Male steht der Balkan für ‚das Andere‘, das ‚Nicht-Wir‘, für ‚nicht Europa‘.“

 

 

Vesna Goldsworthy ©  Anemon Productions
Vesna Goldsworthy
Die Schriftstellerin und Lyrikerin Vesna Goldsworthy lehrt Englische Literatur an der Universität Kingston. Ihr erstes Buch, Inventing Ruritania: The Imperialism of the Imagination (Yale University Press, 1998), eine preisgekrönte Studie über den Balkan und die europäische Identität in der englischen Literatur, wurde ins Bulgarische, Griechische, Rumänische und Serbische übersetzt.