“Seit ich sprechen kann, leide ich unter stilistischen Sorgen”, heißt es in Birgit Vanderbekes Erzählung “Alberta empfängt einen Liebhaber”. Tatsächlich ist ihre Prosa selbst dort, wo sie kunstlos oder kindlich naiv wirkt, bis ins Detail kalkuliert und gestaltet. Aber dieser Umstand hat Vanderbeke für ihr Debüt “Das Muschelessen” (1990) keineswegs einhelliges Lob, sondern zunächst eher grämliche Kritik eingetragen. Diese wurde möglicherweise noch dadurch verstärkt, dass sie 1990 überraschend den Ingeborg-Bachmann-Preis zugesprochen bekam, weil die Favoriten in jenem Jahr während der Abstimmung disqualifiziert wurden, da ihre Texte bereits gedruckt vorlagen. …
Vanderbekes Erzählung “Das Muschelessen” wirkt zunächst wie ein Familienmelodram. Die Mutter und zwei Kinder erwarten den Vater zu einem festlichen Abendessen, denn es besteht begründete Hoffnung, dass gerade diese Dienstreise, von der er zurückerwartet wird, seine entscheidende Beförderung bewirken könnte. …
Vanderbeke gelingt mehr als nur die Schilderung einer Kindheit im autoritären Spießermilieu. Auf engstem Raum führt sie mit sprachlichen Mitteln eine Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik in den 1960er Jahren vor. …
Erzählte “Das Muschelessen” von den sechziger und “Fehlende Teile” von den siebziger Jahren, so ist “Gut genug” (1993) in den achtziger Jahren angesiedelt. …
Eine junge Frau, die Thomas Mann, Kafka, Poe und Proust gelesen hat, jobbt bei einem unappetitlichen Anwalt, und weil es ein Skandal ist, “daß man eine Biologie an sich hat”, wird sie schwanger von ihrem Freund A. C., einem Taxifahrer und Aushilfsorganisten. …
Das ist alles gar nicht spektakulär, in der Art aber, wie Vanderbeke es beschreibt, entsteht ein Panorama der achtziger Jahre. …
Auch in “Geld oder Leben” (2003) sind die Parallelen zu “Das Muschelessen”, “Friedliche Zeiten” und anderen Büchern unübersehbar. In dem für sie typischen Stil – stilisierte Naivität, kalkulierte Lakonie, Parataxe, sich wiederholende Motive – lässt Vanderbeke eine namenlos bleibende Ich-Erzählerin von ihrem Leben erzählen und versucht nebenbei, auf knapp 140 Seiten, ein Panoptikum bundesrepublikanischer Geschichte von den späten 1950er Jahren bis zum Zusammenbruch der New Economy am Anfang des 21. Jahrhunderts zu entwerfen. “Geld oder Leben” ist eine Erzählung mit moralischem Anspruch. Es geht um die Frage, woran Menschen glauben. ...
Vanderbekes Erzählung “Das Muschelessen” wirkt zunächst wie ein Familienmelodram. Die Mutter und zwei Kinder erwarten den Vater zu einem festlichen Abendessen, denn es besteht begründete Hoffnung, dass gerade diese Dienstreise, von der er zurückerwartet wird, seine entscheidende Beförderung bewirken könnte. …
Vanderbeke gelingt mehr als nur die Schilderung einer Kindheit im autoritären Spießermilieu. Auf engstem Raum führt sie mit sprachlichen Mitteln eine Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik in den 1960er Jahren vor. …
Erzählte “Das Muschelessen” von den sechziger und “Fehlende Teile” von den siebziger Jahren, so ist “Gut genug” (1993) in den achtziger Jahren angesiedelt. …
Eine junge Frau, die Thomas Mann, Kafka, Poe und Proust gelesen hat, jobbt bei einem unappetitlichen Anwalt, und weil es ein Skandal ist, “daß man eine Biologie an sich hat”, wird sie schwanger von ihrem Freund A. C., einem Taxifahrer und Aushilfsorganisten. …
Das ist alles gar nicht spektakulär, in der Art aber, wie Vanderbeke es beschreibt, entsteht ein Panorama der achtziger Jahre. …
Auch in “Geld oder Leben” (2003) sind die Parallelen zu “Das Muschelessen”, “Friedliche Zeiten” und anderen Büchern unübersehbar. In dem für sie typischen Stil – stilisierte Naivität, kalkulierte Lakonie, Parataxe, sich wiederholende Motive – lässt Vanderbeke eine namenlos bleibende Ich-Erzählerin von ihrem Leben erzählen und versucht nebenbei, auf knapp 140 Seiten, ein Panoptikum bundesrepublikanischer Geschichte von den späten 1950er Jahren bis zum Zusammenbruch der New Economy am Anfang des 21. Jahrhunderts zu entwerfen. “Geld oder Leben” ist eine Erzählung mit moralischem Anspruch. Es geht um die Frage, woran Menschen glauben. ...
Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags aus dem
„Kritischen Lexikon der Gegenwartsliteratur“ entnommen.
© edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag GmbH & Co KG
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