Bildende Kunst

Das Bild des Menschen und der Raum des Bildes

Die meisten Werke zeitgenössischer Kunst, die sich mit den Themen des Abendmahls und des Schweißtuches der Veronika bzw. dem Motiv des Turiner Grabtuchs auseinandersetzen, lassen sich, ähnlich wie die Bearbeitungen der letzten Jahrhunderte, nach wie vor aufgrund ihres Bezugs zur Sakralität und zum Christentum deuten. Der wichtigste Unterschied dabei ist, dass die früher eindeutig sakralen Werke inzwischen in einem weiten Feld zu verorten sind, dessen zwei Pole durch die ironischen Paraphrasen bzw. jene Arbeiten definiert werden, die unmittelbar auf den geistigen Hintergrund der christlichen Traditionen bauen. Innerhalb dieses Feldes bestehen natürlich große Unterschiede je nach Thema und Motiv, doch es gibt ein gemeinsames Element: Neben der Sakralität bzw. parallel zu ihr reflektieren die Werke direkt auf die Kunst selbst, auf die immanenten Probleme des Kunstwerks.

Beim Abendmahl bedeutet das, dass für die zeitgenössische Kunst, genauer gesagt, für das zeitgenössische Bildschaffen (von Andy Warhol bis Damien Hirst, von der Installationskunst bis zur Fotografie) nicht mehr unbedingt das biblische Thema selbst im Vordergrund des Interesses steht, sondern fast ausschließlich Leonardo da Vincis Bearbeitung aus dem Jahr 1498. Der überwiegende Teil der Persiflagen, Paraphrasen, Neuinterpretationen und Aktualisierungen nimmt das Gemälde im Mailänder Kloster Santa Maria delle Grazie und somit eine einzige Auffassung und Behandlung des Themas zum Ausgangspunkt. Das Motiv des Turiner Grabtuchs bleibt zwar ebenso an ein einziges Kunstwerk gebunden, nur stehen hier, ähnlich wie beim Schweißtuch der Veronika, das Bildschaffen selbst und die Möglichkeit des wahren Bildes bzw. der Zusammenhang zwischen Bild und Wunder im Mittelpunkt des Deutungsfeldes zeitgenössischer Werke.

Ungewöhnlich ist, wenn jemand diese drei Elemente der sakralen Kunsttradition im zeitgenössischen Kontext miteinander verknüpft und in einem gemeinsamen Assoziationsfeld unterbringt. In Botonds letzter Werkgruppe erscheinen die drei Themen bzw. Motive nebeneinander gestellt, so dass sich die sonst klar trennbaren Deutungsfelder überschneiden bzw. traditionelle Bedeutungen heraufbeschwört und zugleich aufgehoben werden. Die an sich eindeutig sakralen Themen wirken durch diese aufeinander bezogene Darstellung in paradoxer Weise eher profan: Statt der Darstellung des Christusbildes wird die Darstellbarkeit des Bildes selbst zur zentralen Frage. Botond geht vom realen Leonardo-Gemälde, von dem seiner Herkunft nach unsicheren Turiner Grabtuch sowie vom fiktiven Schweißtuch der Veronika aus und macht somit die Geschichte einer mehrfach beschädigten und immer wieder erneuerten Klosterwandmalerei, eines von Legenden umwobenen Grabtuchs sowie eines als Abdruck aus Schweiß und Blut entstehenden Porträts zur Grundlage seiner Arbeiten.


Das dreifache Interesse und die gemeinsame Darstellung unterscheiden sich durch ihre Vielschichtigkeit grundlegend von der fokussierten Fragestellung anderer zeitgenössischer Annäherungsversuche, sowohl von den malerischen und Videobearbeitungen des Abendmahls als auch von den skulpturalen (unter anderem von Gyula Pauer ausgeführten) Varianten des Turiner Grabtuchs oder den Anspielungen auf das Schweißtuch der Veronika in der heutigen Malerei; dafür zeigen sie mit dem komplexen ikonographischen Konzept mittelalterlicher Kirchenräume (unter anderem indirekt mit dem Programm der Santa Maria delle Grazie selbst) Verwandtschaft.Die Gleichzeitigkeit der drei verschiedenen Annäherungsweisen führt uns zu Fragen im Bezug auf das „einzige Bild” weiter: Gibt es das einzige Bild noch überhaupt? Lässt sich über die Rekonstruktion hinaus die vollständige Dekonstruktion des Urbildes vollziehen? Hat das Streben nach dem Erfassen des wahren Bildes noch Relevanz? Ist es noch überhaupt möglich, Bilder zu schaffen? Botond geht in seinem Werk von der streng genommenen Idee des „einzigen Bildes” aus, er löst sie aber sofort auf.

Beim Abendmahl verändert er den Raum. Christus und die Apostel werden ausgeblendet, dadurch ist nur der neugeschaffene Raum, das imitierte Innere des Mailänder Refektoriums präsent, das mit dem Raum in Leonardos Gemälde verschmolzen und in einem heutigen Ausstellungsraum untergebracht erscheint. Botond eliminiert die biblische Geschichte, entfernt den Raum des einzigen Bildes und schafft einen gemalten Bühnenraum, in den er den Zuschauer hineinstellt. Das Material für die gemalten Bilder verstärkt die Tendenz der Profanierung: Die abstrakten Formen, die ähnlich wie in Leonardos Gemälde verschwommen, eher nur zu erahnen sind, wurden auf schlichte Lkw-Planen gemalt, und somit wird im inneren (im klassischen Sinne sakralen) Raum der Galerie der nach außen gekehrte Raum eines Lkws simuliert. Beim Turiner Grabtuch erscheint die erhabenste Geschichte ebenfalls auf dem anspruchslosesten Material. Das Bild des waagerecht liegenden Christus, der aber für den Zuschauer in ungewöhnlicher Position, gleichsam auf die Seite gestellt, erscheint, scheint weniger Abdruck als eher ein dem Material angepasstes Gemälde zu sein. Anstelle des Abdrucks entsteht ein echtes gemaltes Bild, dessen Entstehungsproblem mit dem einfachsten Mittel aus dem entstandenen Werk „herausgeschnitten” wird: Statt des geheimnisvollen Grabtuchbildes entfaltet sich vor dem Zuschauer das vom Künstler gemalte Bild des toten Christus. Beim Schweißtuch der Veronika wird das einzige Bild vervielfältigt, indem vierzehn verschiedene, dennoch identische Gemälde-Abdrücke entstehen. Statt des einmaligen und wundersamen Abdrucks des Gesichts Christi und seines Leidens konfrontiert uns der Künstler mit dem mehrfachen Bild des leidenden Menschen.

Zentrales Element der dreifachen Einheit ist der Raum des Abendmahls, in dem die Bedeutung der ihn bildenden Gemälde durch die Elemente der Schweißtuch-Serie und durch das Bild nach dem Turiner Grabtuch ver-rückt, verändert wird. In den stilisierten gemalten Wandflächen, die sich bei Leonardo aus abstrakten oder kalligraphischen Motiven zusammensetzen und als architektonische Elemente erscheinen, glaubt der Zuschauer im Kontext des zweifachen und auf zweierlei Weise für authentisch gehaltenen Christusbildes unvermeidlich Gesichter oder Abdrücke: fehlende, tote oder lebende Menschen und ihre Blicke zu sehen. Der Raum, dem in der Wirklichkeit seine Figuren genommen wurden, füllt sich kraft der Malerei wieder mit Figuren. Die toten oder lebendigen gemalten Figuren erscheinen in einer sakralen Form eingebettet, durch die Mobilisierung des Glaubens und der Phantasie an der Grenze von Sichtbarem und Unsichtbarem.

In Botonds Kunst spielte das Andeuten der Grenzlinie zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem bzw. die Problematik der sich aus den Umhüllungen entfaltenden wahren Form stets eine grundlegende Rolle. Im Buch- und Bibliothekszyklus, an dem er von 1987 bis zu seinem Tod arbeitete, entsteht das dreidimensionale und monumentale Korpus der Bibliothek aus der Reihe der Metallverkleidungen, die die Bücher gleichzeitig verhüllen und freimachen. Die Räume, die aus den zweidimensionalen Flächen entstehen, deuten auch in der letzten sakralen Werkgruppe die Unterschiede und Verbindungen zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren, zwischen der Hülle und der Wirklichkeit hinter (oder in) ihm, zwischen Abdruck und wahrem Bild an. Botonds Bilder schaffen, von jeder ironischer Paraphrase weit entfernt und von der christlichen Bildtradition ausgehend, einen malerischen Raum, der die Möglichkeit, Bilder (Abdrücke, das wahre, das einzige Bild) zu schaffen, hinterfragt.

Die profanste, oder, wenn man will, sakralste Lesart jedoch ist der gleichzeitig reale und surreale Rahmen, der von der Deutung des bloß malerischen Raums am weitesten entfernt ist. Die auf Lkw-Planen gemalten Bilder könnten nämlich auch auf eine moderne Leidensgeschichte hinweisen: auf die Geschichte der Flüchtlinge, die auf Lkws von Land zu Land geschmuggelt werden. So betrachtet erscheint der Raum des Abendmahls tatsächlich als der Innenraum eines Lkws; der in die Landschaft geöffnete illusionistische Raum erhält somit eine neue Bedeutung, und die Abdrücke der Menschen können auf ganz direkte Weise auf das menschliche Leiden hinweisen. Unter diesem Aspekt wird der malerische Raum wirklich zum Zufluchtsraum für den Menschen, für sein Leiden und seine Erlösung.

Botond: Abendmahl
Die Ausstellung ist zwischen 4. Februar - 27. Mai 2012 zu sehen
im MODEM - Zentrum für moderne und zeitgenössische Kunst
(4026 Debrecen, Baltazár Dezső tér 1.)
Vernissage: 4. Februar 2012, 18 Uhr

Botonds Lebenswerk (1980 bis 2010) wird nun aufgearbeitet und erscheint voraussichtlich im Herbst 2012 als rund 450 Seiten umfassende Werkmonografie. Das Buch zeigt Ausschnitte aus seinen Werkgruppen, begleitet von Thementexten. Der Blick auf Botonds umfangreiches Gesamtwerk eröffnet einen erstaunlichen und geschlossenen Werdegang.
József Mélyi, Kunsthistoriker
Dezember 2011

Übersetzung: Lajos Adamik
Links zum Thema

Bildende Kunst in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen

Dossier: Medienkunst in Deutschland

Geschichte, Strömungen, Namen und Institutionen

Künstlerhäuser

Überblick über diese Form der Künstlerförderung in Deutschland