
Der öffentliche Umgang mit der NS-Zeit in den Nachfolgestaaten des "Dritten Reichs" lässt sich wie folgt charakterisieren: In einem Lernprozess hat sich in der politischen Kultur der Bundesrepublik in konfliktreichen Kontroversen nach und nach ein kritischer Umgang mit der NS-Zeit etabliert. Die DDR sah es dagegen als unnötig an, Verantwortung zu übernehmen, da sie den Ausgang des Krieges als Sieg des Sozialismus über den Faschismus betrachtete und sich zur Mitsiegerin erklärte. Österreich hat eine Mitverantwortung lange verdrängt bzw. geleugnet. Für die meisten mit Deutschland verbündeten Länder wird die Aufarbeitung der von ihnen im Zweiten Weltkrieg verübten Verbrechen ebenfalls als problematisch beurteilt. Das gilt auch für Japan, wo eine offene gesellschaftliche Debatte weiter aussteht.
Der Erfolg der westdeutschen Aufarbeitung ist aber mit Blick auf den Einfluss privater Tradierungen keinesfalls gesichert. Diese über mehrere Generationen weitergegebenen Überlieferungen in weitgehend geschlossenen Erinnerungsgemeinschaften stehen mit Formen und Inhalten des öffentlichen Gedenkens nicht immer in Einklang. Der Mord an den europäischen Juden (in die Begriffe Holocaust, Shoah oder Auschwitz gefasst)1 als bestimmendes Erinnerungsmuster der jüdischen Überlebenden ist zwar seit den 1980er Jahren ins Zentrum des öffentlichen Gedenkens gerückt. Daneben existieren jedoch weitere Überlieferungen und Perspektiven, etwa die Leidensgeschichte der Sinti und Roma, der Deserteure und Zwangsarbeiter sowie von politisch und religiös Verfolgten. Schwer fassbar sind die Zugänge von "Migranten"; sie haben keine familiären Berührungspunkte zur NS-Zeit, müssen sich als Teil der Gesellschaft aber zu dieser Zeit verhalten. Bei der Bevölkerungsmehrheit in Deutschland ist die Tradierung in den Familien, also das Familiengedächtnis, von Leiderinnerungen geprägt, welche ebenfalls Raum im öffentlichen Erinnern beanspruchen; beispielweise die eigenen Kriegstoten, Flucht und Vertreibung, Bombardierung und Gefangenschaft.
Für Westdeutschland und das vereinte Deutschland lassen sich aus der Vielfalt der öffentlichen und privaten Tradierungen zwei Hauptstränge abgrenzen.Einen Strang bildet die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Im Gründungsjahrzehnt der Bundesrepublik wurde der Krieg nicht von den Anfängen (nämlich den damit verknüpften Großmachtideen), sondern vom Ende her erinnert, von der Stalingrader Niederlage über die Bombardierung deutscher Städte bis hin zu Flucht, Vertreibung, Kriegsgefangenschaft und Besatzung. In der Transformationsphase von der Ära Adenauer zur sozialliberalen Koalition verlor diese Form des Gedenkens an Bedeutung. Die jüngeren Generationen kündigten das Schweigegebot über die Beteiligung am Nationalsozialismus auf. Ende der 1960er Jahre verfestigte sich jedoch eine undifferenzierte Anklagehaltung gegen das "System", während die Ereignisse in der NS-Zeit selbst in den Hintergrund traten. Die Bundesrepublik galt nicht wenigen als "faschistisch", geführt von "faschistischen" Kräften. Ende der 1970er Jahre verloren die zwischen den Generationen ausgebildeten Konfliktlagen an Wirkung und die Kriegsgeneration an politischen Einfluss, verstärkt wurde nun die Frage öffentlich diskutiert, ob der 8. Mai 1945 ein Tag der Niederlage oder der Befreiung war. Die Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 bildete hier einen Einschnitt, insofern sie Kriegsende und NS-Verbrechen verknüpfte. Nach der Wiedervereinigung traten die bis dahin vernachlässigten Opfer des deutschen Ostkrieges in den Blick; die Debatte um die Zwangsarbeiterentschädigung 1999-2001 hat diesen Fokus vertieft. Das unter dem Siegel "Kriegserinnerungen" verbreitete Gedenken an die eigenen Leiderfahrungen lebte parallel im (privaten) Familiengedächtnis fort und kehrt in jüngster Zeit wieder in die öffentliche Erinnerungskultur zurück; beispielsweise in Filmen und Veröffentlichungen über den Bombenkrieg sowie die Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Die Wiederannäherung an diese Leiderfahrungen im öffentlichen Gedenken ist zum einen Folge des neuerlichen Generationenwechsels; sie führt zugleich teilweise in eine Opferkonkurrenz und droht die deutsche Verantwortung für die während des Nationalsozialismus verübten Verbrechen zu relativieren. Es ist daher verständlich, dass das geplante "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin so heftig diskutiert wird.
Den anderen Strang bildet das Gedenken an die Shoah. In den Gründungsjahren Westdeutschlands war die Erinnerung an unkonkret gehaltene "Verbrechen in deutschem Namen" Teil der Abgrenzung gegenüber der NS-Zeit und mündete in die Politik der Wiedergutmachung. Die Täter und ihre Taten waren zugleich nach Abschluss der Nürnberger Prozesse verdrängt worden und fanden erst in den 1960er Jahren u.a. durch den Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem und den Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963-1965 wieder öffentliche Aufmerksamkeit. In das (private) Familiengedächtnis fand (Mit)Täterschaft meist in Form von Umdeutung, Verleugnung sowie Exkulpation Eingang. So wurde etwa selbst das Handeln von Tätern im Nationalsozialismus in der innerfamiliären Tradierung häufig in Akte des Widerstands umgedeutet. Nachdem die Shoah ins Zentrum der Gedenkkultur rückte, wurde ihre normsetzende Stellung im Gedenken wiederholt kritisiert, beispielsweise im Historikerstreit von 1986/87 und in der Walser-Bubis Debatte im Jahr 1998/99. 2 Im Ergebnis verschoben sich die Normsetzungen dahingehend, dass die Shoah zu einem Element bundesdeutscher Identitätsbildung geworden ist, wie das 2005 in Berlin eingeweihte "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" beweist. Kritiker dieser Entwicklung befürchten allerdings, dass die Erinnerung an die deutsche Verantwortung für das Geschehen in einer Übernahme der jüdischen Opferperspektive nach und nach symbolisch aufgelöst wird. Konkret heißt das, das im Gedenken an die Opfer die verantwortlichen Täter nicht mehr auftauchen bzw. benannt werden.
Auf gesellschaftlicher wie auf individueller Ebene bleiben das Gedenken an die Shoah und die Kriegsüberlieferungen dennoch weiterhin häufig unverbunden. Die Verknüpfung der Erinnerung an Zweiten Weltkrieg und Täterschaften mit dem Shoah-Gedenken und damit die Verknüpfung von privaten und öffentlichen Erinnerungskulturen bleibt eine uneingelöste Herausforderung für die deutsche Gesellschaft.
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
wrochem@hsu-hh.de








Seite drucken