Lernen aus der Geschichte
Erinnerungskulturen in Deutschland im Umgang mit Zweitem Weltkrieg und Shoah  
Öffentliche Erinnerungskulturen und private Tradierungen
Zwei ältere Herren, die Halstücher von KZ-Insassen tragen, auf der Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung ‚Erinnerung bewahren. Sklaven- und Zwangsarbeiter des Dritten Reiches aus Polen 1939-1945’ in Berlin.
Cop: picture-alliance/ dpaDer öffentliche Umgang mit der NS-Zeit in den Nachfolgestaaten des "Dritten Reichs" lässt sich wie folgt charakterisieren: In einem Lernprozess hat sich in der politischen Kultur der Bundesrepublik in konfliktreichen Kontroversen nach und nach ein kritischer Umgang mit der NS-Zeit etabliert. Die DDR sah es dagegen als unnötig an, Verantwortung zu übernehmen, da sie den Ausgang des Krieges als Sieg des Sozialismus über den Faschismus betrachtete und sich zur Mitsiegerin erklärte. Österreich hat eine Mitverantwortung lange verdrängt bzw. geleugnet. Für die meisten mit Deutschland verbündeten Länder wird die Aufarbeitung der von ihnen im Zweiten Weltkrieg verübten Verbrechen ebenfalls als problematisch beurteilt. Das gilt auch für Japan, wo eine offene gesellschaftliche Debatte weiter aussteht.

Der Erfolg der westdeutschen Aufarbeitung ist aber mit Blick auf den Einfluss privater Tradierungen keinesfalls gesichert. Diese über mehrere Generationen weitergegebenen Überlieferungen in weitgehend geschlossenen Erinnerungsgemeinschaften stehen mit Formen und Inhalten des öffentlichen Gedenkens nicht immer in Einklang. Der Mord an den europäischen Juden (in die Begriffe Holocaust, Shoah oder Auschwitz gefasst)1 als bestimmendes Erinnerungsmuster der jüdischen Überlebenden ist zwar seit den 1980er Jahren ins Zentrum des öffentlichen Gedenkens gerückt. Daneben existieren jedoch weitere Überlieferungen und Perspektiven, etwa die Leidensgeschichte der Sinti und Roma, der Deserteure und Zwangsarbeiter sowie von politisch und religiös Verfolgten. Schwer fassbar sind die Zugänge von "Migranten"; sie haben keine familiären Berührungspunkte zur NS-Zeit, müssen sich als Teil der Gesellschaft aber zu dieser Zeit verhalten. Bei der Bevölkerungsmehrheit in Deutschland ist die Tradierung in den Familien, also das Familiengedächtnis, von Leiderinnerungen geprägt, welche ebenfalls Raum im öffentlichen Erinnern beanspruchen; beispielweise die eigenen Kriegstoten, Flucht und Vertreibung, Bombardierung und Gefangenschaft.

Kriegserinnerung und Shoah-Gedenken in der Bundesrepublik
Cop: picture-alliance / SanderFür Westdeutschland und das vereinte Deutschland lassen sich aus der Vielfalt der öffentlichen und privaten Tradierungen zwei Hauptstränge abgrenzen.
Einen Strang bildet die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Im Gründungsjahrzehnt der Bundesrepublik wurde der Krieg nicht von den Anfängen (nämlich den damit verknüpften Großmachtideen), sondern vom Ende her erinnert, von der Stalingrader Niederlage über die Bombardierung deutscher Städte bis hin zu Flucht, Vertreibung, Kriegsgefangenschaft und Besatzung. In der Transformationsphase von der Ära Adenauer zur sozialliberalen Koalition verlor diese Form des Gedenkens an Bedeutung. Die jüngeren Generationen kündigten das Schweigegebot über die Beteiligung am Nationalsozialismus auf. Ende der 1960er Jahre verfestigte sich jedoch eine undifferenzierte Anklagehaltung gegen das "System", während die Ereignisse in der NS-Zeit selbst in den Hintergrund traten. Die Bundesrepublik galt nicht wenigen als "faschistisch", geführt von "faschistischen" Kräften. Ende der 1970er Jahre verloren die zwischen den Generationen ausgebildeten Konfliktlagen an Wirkung und die Kriegsgeneration an politischen Einfluss, verstärkt wurde nun die Frage öffentlich diskutiert, ob der 8. Mai 1945 ein Tag der Niederlage oder der Befreiung war. Die Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 bildete hier einen Einschnitt, insofern sie Kriegsende und NS-Verbrechen verknüpfte. Nach der Wiedervereinigung traten die bis dahin vernachlässigten Opfer des deutschen Ostkrieges in den Blick; die Debatte um die Zwangsarbeiterentschädigung 1999-2001 hat diesen Fokus vertieft. Das unter dem Siegel "Kriegserinnerungen" verbreitete Gedenken an die eigenen Leiderfahrungen lebte parallel im (privaten) Familiengedächtnis fort und kehrt in jüngster Zeit wieder in die öffentliche Erinnerungskultur zurück; beispielsweise in Filmen und Veröffentlichungen über den Bombenkrieg sowie die Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Die Wiederannäherung an diese Leiderfahrungen im öffentlichen Gedenken ist zum einen Folge des neuerlichen Generationenwechsels; sie führt zugleich teilweise in eine Opferkonkurrenz und droht die deutsche Verantwortung für die während des Nationalsozialismus verübten Verbrechen zu relativieren. Es ist daher verständlich, dass das geplante "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin so heftig diskutiert wird.

Den anderen Strang bildet das Gedenken an die Shoah. In den Gründungsjahren Westdeutschlands war die Erinnerung an unkonkret gehaltene "Verbrechen in deutschem Namen" Teil der Abgrenzung gegenüber der NS-Zeit und mündete in die Politik der Wiedergutmachung. Die Täter und ihre Taten waren zugleich nach Abschluss der Nürnberger Prozesse verdrängt worden und fanden erst in den 1960er Jahren u.a. durch den Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem und den Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963-1965 wieder öffentliche Aufmerksamkeit. In das (private) Familiengedächtnis fand (Mit)Täterschaft meist in Form von Umdeutung, Verleugnung sowie Exkulpation Eingang. So wurde etwa selbst das Handeln von Tätern im Nationalsozialismus in der innerfamiliären Tradierung häufig in Akte des Widerstands umgedeutet. Nachdem die Shoah ins Zentrum der Gedenkkultur rückte, wurde ihre normsetzende Stellung im Gedenken wiederholt kritisiert, beispielsweise im Historikerstreit von 1986/87 und in der Walser-Bubis Debatte im Jahr 1998/99. 2 Im Ergebnis verschoben sich die Normsetzungen dahingehend, dass die Shoah zu einem Element bundesdeutscher Identitätsbildung geworden ist, wie das 2005 in Berlin eingeweihte "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" beweist. Kritiker dieser Entwicklung befürchten allerdings, dass die Erinnerung an die deutsche Verantwortung für das Geschehen in einer Übernahme der jüdischen Opferperspektive nach und nach symbolisch aufgelöst wird. Konkret heißt das, das im Gedenken an die Opfer die verantwortlichen Täter nicht mehr auftauchen bzw. benannt werden.

Ansätze einer Verknüpfung der Erinnerung an Krieg und Täterschaft mit dem Shoah-Gedenken
Wie problematisch das öffentliche Sprechen über die Täter war und bleibt, zeigt der Skandal um die Rede des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger am 10. November 1988 zum 50. Jahrestag der so genannten Reichspogromnacht. Jenninger versuchte, die Perspektive der damaligen Täter mit zu thematisieren, ohne sich unmittelbar davon zu distanzieren und musste daraufhin zurücktreten. Seit Mitte der 1990er Jahre werden die Beteiligung der Deutschen in der Judenverfolgung und die Verbindungen zwischen dem Vernichtungskrieg und der Shoah öffentlich breiter diskutiert. Auslöser waren hier u.a. die Goldhagen-Debatte 3 1996 und der 1997 einsetzende Streit um die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" 4. Die Frage nach Täterschaften wird seither besonders von der dritten und vierten Generation (die Enkel- und Urenkelgeneration) auch literarisch bearbeitet.

Auf gesellschaftlicher wie auf individueller Ebene bleiben das Gedenken an die Shoah und die Kriegsüberlieferungen dennoch weiterhin häufig unverbunden. Die Verknüpfung der Erinnerung an Zweiten Weltkrieg und Täterschaften mit dem Shoah-Gedenken und damit die Verknüpfung von privaten und öffentlichen Erinnerungskulturen bleibt eine uneingelöste Herausforderung für die deutsche Gesellschaft.


1) Als "Holocaust", auch "Holokaust" bezeichnet man heute vor allem den Völkermord an etwa sechs Millionen Juden in der Zeit des Nationalsozialismus (auch Shoa genannt) sowie die systematische und massenhafte Ermordung mehrerer nichtjüdischer Gruppen.
Der Begriff Holocaust = Brandopfer geht allerdings meines Erachtens vom Wortsinn an der realen Mordpraxis im Nationalsozialismus vorbei, zudem umfasst er mehr als nur die Juden als Opfergruppe.
Der Begriff "Shoa" (deutsch: "Zerstörung", "große Katastrophe") ist die hebräische Bezeichnung für den systematischen Völkermord an etwa sechs Millionen (rund die Hälfte) der Juden und jüdischstämmigen Bevölkerung Europas unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. Mit der Bezeichnung "Auschwitz" werden zum einen drei ab 1940 in der Nähe von Krakow im besetzten Polen in Oswiecim (Auschwitz) aufgebauten Konzentrationslager der Nazis zusammengefasst. Weiterhin bezeichnet der Begriff die systematisch durchgeführte Ermordung der europäischen Juden in den Vernichtungslagern des Nationalsozialismus und ist Sinnbild für das Äußerste, was Menschen anderen Menschen antun können.

2) Historikerstreit Dieser Streit wurde ausgelöst durch einen Beitrag von Ernst Nolte, in dem er unter anderem die Frage aufwarf: "War nicht der 'Klassenmord der Bolschewiki' das logische und faktische Prius des 'Rassenmords' der Nationalsozialisten?". Der Philosoph Jürgen Habermas warf ihm sowie drei weiteren Historiker daraufhin vor, sie wollten den Holocaust historisch einordnen und dadurch verharmlosen, um der Bundesrepublik eine rechtskonservative, nationale Identität zu geben. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Historikerstreit)
Die Kontroverse zwischen dem ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, und dem Schriftsteller Martin Walser wurde ausgelöst durch die Friedenspreisrede Walsers am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche. Die Debatte selbst lässt sich hier allerdings kaum in kurzen Worten zusammenfassen.

3) Der amerikanische Historiker Daniel Jonah Goldhagen löste mit der Hauptthese seines Buches "Hitlers willige Vollstrecker", die Ermordung der europäischen Juden sei Folge eines "eliminatorischen Antisemitismus" in Deutschland, eine Kontroverse über die Motivation der Täter aus.

4) Bei dem Streit ging es darum, in welchem Maße die Wehrmacht als Institution für die Ermordung der europäischen Juden verantwortlich zeichnete und aus welcher Motivation heraus sich Wehrmachtssoldaten an Mordaktionen beteiligten.


Literatur

Knigge, Volkhard/Frei, Norbert (Hg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002.

Welzer, Harald /Sabine Moller/Karoline Tschuggnall, "Opa war kein Nazi". Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt am Main 2002.

Althaus, Claudia, Geschichte, Erinnerung und Person. Zum Wechselverhältnis von Erinnerungsresiduen und Offizialkultur, in: Oesterle, Günter (Hg.), Erinnerung, Gedächtnis, Wissen. Studien zur kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung, Göttingen 2005, S. 289-609.


Oliver von Wrochem
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
wrochem@hsu-hh.de

Die Frage nach dem Umgang mit der Vergangen-
heit und verschiedenen Erinnerungskulturen ist in vielen Ländern aktuell.
Schon seit den frühen Achtzigerjahren gibt es in Deutschland Debatten um zeitgemäße und angemessene Formen des Gedenkens.
Zeitzeugen des europäischen Widerstandes berichten in kurzen Filmen