Über das Projekt

Wider die Sprachlosigkeit oder: Wessen Geschichte zählt?

Wer heute, aus der Perspektive des Jahres 2009, auf das Wendejahr 1989 zurückblickt, der steht zunächst vor einem merkwürdigen Paradox. Damals haben die intellektuellen Deutungseliten das annus mirabilis übereinstimmend zur welthistorisch bedeutsamen Zäsur erklärt. Heute, kaum 20 Jahre später, ist von dem damals vorherrschenden Glauben an Wunder nicht mehr viel zu spüren.

War vor gar nicht langer Zeit vom Anbeginn einer neuen Epoche die Rede, so macht in den ostmitteleuropäischen Medien mittlerweile das Schlagwort von der vergessenen Revolution die Runde. Auch in einer Reihe der in dieser Ausstellung versammelten zeitgenössischen Positionen künstlerischer Fotografie und Videokunst wird, zumindest indirekt, darauf Bezug genommen. Bei aller Differenz im Einzelnen treffen sie sich im Ausdruck einer gewissen Distanz gegenüber den hochgestellten Hoffnungen, die manchenorts mit dem Aufbruch in eine neue Ordnung verbunden waren. Fernab großer Projektionen oder gar Synthesen stehen verschiedene Formen des Erzählens im Vordergrund, das irritierende und irritierte Registrieren von Widersprüchlichem in einer Gegenwart, die – um mit Clifford Geertz zu sprechen – offenbar nur noch »in Stücken« gedacht werden kann. Wie schon 1964–1982 unter Leonid Breshnew, als der Sozialismus seinem utopischen Versprechen auf eine neue Welt abschwor, spiegelt ein Teil der Bilder den Rückgriff auf die Privatsphäre oder das ironische Spiel mit den Versatzstücken konkurrierender Identifikationsangebote wider. Es scheint die am ehesten angemessene Strategie in der Auseinandersetzung mit einer Wirklichkeit zu sein, die sich eindeutigen Begriffen schon lange entzogen hat und die wir allgemein als postsozialistisch bezeichnen.

Eine frühe Ahnung davon, wie schwach die Wurzeln sind, die das Wendejahr im kollektiven Gedächtnis geschlagen hat, vermittelte schon das erste runde Jubiläum 1999. Größere Feierlichkeiten fanden vor zehn Jahren nur in Berlin und in Prag statt, wo mit George Bush sen. und Michail Gorbatschow die damals amtierenden Repräsentanten der beiden Supermächte aufeinander trafen. Auf der Ebene der symbolischen Inszenierung wurde die Bedeutung des Jahres 1989 damit fast unbemerkt auf die Überwindung der Ost-West-Spaltung verkürzt. Heute wissen wir, dass die damals öffentlich in Szene gesetzte Lesart von mindestens zwei Seiten in Frage gestellt werden kann. Zum einen wird spätestens seit dem Georgisch-Russischen Krieg vom August 2008 wieder von einer Neuauflage des Kalten Krieges gesprochen. Das ist auch als ein Hinweis darauf zu verstehen, dass man der Erzählung vom Ende der großen Konfrontation offenbar weder im Osten noch im Westen voll und ganz vertraut. Zum anderen wird umgekehrt zunehmend diskutiert, wie stichhaltig die Rede von der Ost-West-Spaltung für die Zeit vor1989 wirklich war. Verwirrung stiftet offenbar auch die Frage, welche Rolle das Jahr 1989 heute noch spielt. Ein Problem ist das insbesondere deshalb, weil es unmöglich ist, Geschichte zu schreiben, ohne der Vergangenheit Bedeutung zuzuweisen. Das gilt auch und gerade für die Zeitspanne, die zwischen den Jahren 1989 und 2009 liegt. Zweifelsohne repräsentieren diese zwei Dezennien eine enorm verdichtete Zeit. Allein 1989 geschah unendlich viel, manches davon ist heute fast vergessen. Der Fall der Berliner Mauer ist zur vieles andere überdeckenden Ikone der Erinnerung geworden. Wer denkt heute zum Beispiel noch an die Life-Übertragungen der Debatten des ersten Volksdeputiertenkongresses vom März 1989 im sowjetischen Fernsehen? Wer erinnert sich noch daran, dass sowjetische Militärs unter Einsatz von Giftgas am 9. April 1989 eine Demonstration in der georgischen Hauptstadt Tbilissi auflösten, bei der 20 Menschen ums Leben kamen? Und wer denkt heute noch daran, dass es im Frühling desselben Jahres im Ferganatal zu blutigen Zusammenstößen zwischen Usbeken und türkischen Mescheten kam, die mit der überstürzten Evakuierung von mehr als 16.000 Menschen in andere Sowjetrepubliken endeten?

Diese und ähnliche Ereignisse sind uns kaum noch gegenwärtig, weil sie nicht in den Rahmen der Geschichten passen, die uns heute präsentiert werden. Und dabei könnte jedes dieser verdrängten Geschehnisse zum Auftakt eigener, auch gegensätzlicher Erzählungen werden. In ihrer schillernden Widersprüchlichkeit und Vieldeutigkeit werfen sie nicht zuletzt die Frage auf, ob es überhaupt möglich ist, diese eine Geschichte zu erzählen, die überall dort Gültigkeit beanspruchen kann, wo das Wendejahr 1989 tiefe Spuren hinterließ. Schließlich ist damit ein Raum angesprochen, der das östliche Europa wie auch das ehemals in der Sowjetunion zusammengefasste Eurasien umspannt, ein Territorium, das von Berlin über Riga, Minsk und Moskau bis nach Tbilissi und Taschkent reicht. Nicht von ungefähr gilt eben dieser Raum, den westliche Beobachter unter dem vagen Begriff des Postsozialismus zu einer künstlichen Einheit zusammenfassen, als eine der heterogensten Regionen der Welt. Um dessen enorme Spannbreite im Rückgriff auf nur einen einzigen Indikator anzudeuten – darunter befinden sich Länder wie Estland, das mit einem Bruttosozialprodukt pro Kopf von 20.000 $ fast das Niveau von Spanien erreicht hat, neben Staaten wie Kirgisistan, das mit knapp 2000 $ dem Stand des afrikanischen Mauretanien entspricht.

Plausibilität, so könnte man aus diesen Zahlen ableiten, gewinnt die Konstruktion regionaler Einheit nur durch den leicht herablassenden Blick des Westens, der auf die sozialistische Vergangenheit fixiert bleibt und überall ein Weiterwirken entwicklungshemmender struktureller wie mentaler Erblasten sieht. Dieser Blick, so ließe sich der Gedanke fortsetzen, kommt nicht nur von außen, er führt auch in die Irre. Wer sich darauf konzentriert, überall den homo sovieticus mit der ihm attestierten Neigung zu angelernter Handlungsunfähigkeit zu entdecken, der verliert das enorme Potential an kreativem Erfindungsreichtum aus dem Auge, mit dem sich die Menschen dieses Raums an die mit dem Zusammenbruch des Sozialismus über sie hereingebrochenen Zeiten der Unübersichtlichkeit angepasst haben. Das gilt insbesondere für Gesellschaften wie etwa in Georgien oder Armenien, wo der Systemwechsel nicht nur von der Auflösung der alten staatlichen Ordnung, sondern auch von Krieg und dem Kollaps der öffentlichen Infrastruktur begleitet war. Der nahezu vollständige Zusammenbruch der öffentlichen Strom- und Wasserversorgung war dort Jahre lang bitterer Alltag. Verheerend und zermürbend für die Menschen war dies auch deshalb, weil diese Katastrophe besonders hart jene traf, die das sozialistische Modernisierungsprogramm erst wenige Jahrzehnte zuvor in die damals schnell expandierenden Städte katapultiert hatte. Wer dort in den mehr und mehr zerfallenden Plattenbauten saß, der konnte bei der Entwicklung von Bewältigungsstrategien nicht einmal auf jene Ressourcen zurückgreifen, die das traditionale Dorfleben bietet. Dies bewirkte den radikalen Einsturz von Lebenswelten, der bis weit in die 90er Jahre hineinreichte und den einige der in der Ausstellung vorgestellten Arbeiten thematisieren. Diese neue Realität kontrastierte denkbar scharf mit den noch gar nicht lange zurückliegenden Erfahrungen der Spätzeit des sowjetischen Sozialismus. Auch wenn sie mittlerweile nur noch als Stagnationsperiode bezeichnet wird, hatten sich gerade die urbanen Mittelschichten damals an einen bescheidenen Wohlstand gewöhnt. Vor dem Hintergrund der durch die Transformation heraufbeschworenen Erschütterungen und Verluste wird deshalb diese Zeit gerade in privaten Erinnerungen, aber auch in manchen öffentlichen Diskursen heute vorzugsweise zum Goldenen Zeitalter verklärt. Dass die dabei immer auch mitzudenkende Zerstörung von Zukunftserwartungen nicht flächendeckend zum Nährboden für einen aus der massenhaften Frustration von gescheiterten Lebensplänen geborenen Radikalismus wurde, ist das eigentlich erklärungsbedürftige Phänomen. Es bleibt dem, der zuallererst nach den Aus- und Nachwirkungen des sozialistischen Paternalismus fragt, jedoch zutiefst verschlossen. Seine Lösung ist nicht zuletzt in zwei unterschiedlichen, eng miteinander verbundenen Talenten zu suchen, die Bewohner der ehemaligen UdSSR in ihrer Eigenwahrnehmung auszeichnen. Wer durch die Schule der an Umbrüchen reichen sowjetischen Geschichte gegangen ist, in der die Regierenden das Leben der Beherrschten stets durch von oben dekretierte Transformationen auf den Kopf zu stellen versuchten, hat in der Regel nicht nur gelernt, sich im Rückgriff auf sein Improvisationsgeschick in widrigen Umständen einzurichten. Er hat auch die überlebenswichtige Fähigkeit zur feinsinnigen Ironisierung teilweise absurder Zwänge und Rituale entwickelt, denen er sich unterworfen sah. Ironie schuf dabei vor allem Distanz – zu nicht selten unerträglichen Zuständen, aber auch Abstand vom Zwang zu Mimikry und Heuchelei, denen jeder unterlag, der seine Loyalität gegenüber einer Sache demonstrieren sollte, an die er schon lange nicht mehr glaubte. Dass das hier verborgene kulturelle Kapital auch zur Bewältigung mancher Zumutungen taugt, die mit der Transformation verbunden sind, das bezeugen einige der künstlerischen Arbeiten in dieser Ausstellung.

In den Rahmen der meist im Westen konstruierten Metaerzählungen wollen all diese Erfahrungen und Deutungen nicht so recht hineinpassen. Abgesehen von wenigen fragmentarischen Ausnahmen gibt es seltsamerweise aus den Ländern des von der Wende erfassten östlichen Europa und Eurasien selbst kaum Gegenerzählungen zum dominierenden westlichen Narrativ, jedenfalls keine, die in der Lage sind, diese Lücke zu schließen. Die Gründe dafür mögen verschiedene Ursachen haben – sei es, weil man vor der Übermacht der im Westen geprägten Narrative kapituliert hat; sei es, weil die mit dem Wendejahr 1989 angebrochene Zeit der neuen Unübersichtlichkeit vor Ort so große Erschütterungen erzeugt hat, dass es immer noch schwer fällt, die vielen widersprüchlichen Erfahrungen zu ordnen und zu kategorisieren; oder sei es, weil zeitgeschichtliche Reflexion ein höheres Maß an sozialer und politischer Stabilität voraussetzt, als gegenwärtig in diesen Regionen und Ländern zu haben ist. Einen Verlust stellt es nicht nur deshalb dar, weil so viele Geschichten unerzählt bleiben. Problematisch ist diese Situation auch, weil man gerade im sogenannten postsowjetischen Raum auch beobachten kann, dass das Fehlen eines gesellschaftlichen Minimalkonsenses über die Deutung der jüngsten Vergangenheit immer wieder zu starken Verunsicherungen und scharfen Polarisierungen beiträgt. Der Mangel an gesellschaftlicher Einigkeit bezieht sich dabei nicht nur auf die Frage, welchen Sinn man bestimmten Ereignissen zuweisen soll. Er berührt vielmehr auch die grundlegendere Frage danach, was eigentlich geschehen ist. Dieser Text will im Weiteren die in Umlauf befindlichen, meistens im Westen entsprungenen Erzählungen hinterfragen.

Die zweifellos wirkungsmächtigste Erzählung, die neben dem bereits erwähnten Narrativ vom Ende des Kalten Krieges lange Zeit die gedanklichen Bahnen bestimmte, in denen wir über die Bedeutung des Jahres 1989 nachdachten, kreist um den Siegeszug von Demokratie und Marktwirtschaft als den beiden Basisinstitutionen der westlichen Moderne. Dieses Deutungsmuster prägte nicht nur die Vorstellungen des deutschen Philosophen Jürgen Habermas von der nachholenden Revolution. Auch die pathetische, in der Folgezeit in Frage gestellte Formel des amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama vom Ende der Geschichte speist sich aus dieser Vorstellungswelt. Gleiches gilt für die von vielen osteuropäischen Intellektuellen, u.a. der Ostdeutsche Jens Reich und der Ungar György Konrád, verkündete Losung der Rückkehr nach Europa. All diesen Denkfiguren eignet die Vorstellung, dass der Sozialismus sich letztlich als ein fataler Fehler erwiesen hat, der korrigiert werden muss. Ein derartig ungebrochener Optimismus erscheint heute kaum mehr vorstellbar. So verweist die amerikanische NGO Freedom House in ihrem 2008 herausgegebenen Bericht über den Stand der politischen Transformation in den Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR auf einen signifikanten Anstieg autoritärer Tendenzen.

Es ist aber nicht nur das Scheitern an der empirischen Realität, das im Nachhinein Zweifel an der Erzählung von der Expansion des westlichen Demokratiemodells aufkommen lässt. Das, was manch kritischer Geist in Osteuropa heute im Sinne einer Gegenerzählung offen als Selbstkolonialisierung durch die Übernahme westlicher Modelle beschreibt, vermochte schon damals nicht, das Selbstverständnis vieler der handelnden Akteure angemessen abzubilden. Es waren nicht nur die Mitglieder der ostdeutschen Bürgerbewegung, die sich auf den Dritten Weg machen wollten und auf die Neuerfindung des Politischen jenseits des klassisch westlichen Parteiensystems hofften. Auch in der ehemaligen Sowjetunion begann in der Zeit der Perestroika der Aufbruch in politischen Wettbewerb und Meinungspluralismus mit der Parole »Alle Macht den Räten!«. Dass daraus nichts geworden ist, wissen wir heute. Gleiches gilt auch für den Import schlüsselfertiger Demokratiemodelle aus dem Westen, die an vielen Orten nur noch als bunte Fassade taugen. Das ist gefährlich, weil der routinierte Rekurs auf westliche Vorbilder immer wieder der lähmenden Ahnung Vorschub leistet, dass Reden und Tun, Diskurs und Praxis nichts miteinander zu tun haben müssen. Eine Ausnahme bildet hier Russland, das mit der Erfindung der Formel von der souveränen Demokratie die Vormacht des Westens auf seinem ureigenen Territorium angegriffen hat. Die begriffliche Innovation erweist sich dabei als folgenreich für die Rekonstruktion der jüngsten Zeitgeschichte. Sie führt unter anderem dazu, dass der erste, frei gewählte russische Präsident Boris Jelzin in der öffentlichen Wahrnehmung der Bevölkerung vom mutigen Vorkämpfer für Freiheit und Demokratie zu einem perfiden oder zumindest blauäugigen Verräter mutiert, der den russischen Staat durch die Institutionalisierung eines beispiellos korrupten Systems geschwächt und damit den imperialen Interessen des Westens in die Hände gespielt habe. Es ist sicher kein Zufall, dass es der größte Nachfolgestaat der untergegangenen UdSSR ist, der die Hegemonie des Westens auch auf der Ebene der Diskurse herausgefordert und mit diesem revisionistischen Blick auf die jüngste Vergangenheit das wichtigste Gegennarrativ hervorgebracht hat.

In dieser Argumentation lediglich eine weitere Spielart einer als typisch russisch etikettierten antiwestlichen Attitüde zu sehen, greift zu kurz. Anzeichen für ähnliche Prozesse, wenngleich unter entgegengesetzten ideologischen Vorzeichen, können wir auch im mehrheitlich antirussischen Baltikum ausmachen. Auch dort wird die Geschichte der Wende teilweise umgeschrieben. Auch da ist von Verrat die Rede. Und auch diesmal zielt dieser Vorwurf gegen die Protagonisten der Jahre 1989 bis 1991, denen nun angelastet wird, in ihren Demokratisierungsbestrebungen nicht radikal genug gewesen zu sein und sich auf einen feigen Pakt mit den alten Eliten eingelassen zu haben. Das, was die westliche Transitionsforschung zum Erfolgsrezept des Systemwechsels erklärt hat, die ausgehandelte Revolution, die sich auf eine Allianz aus moderaten neuen und reformbereiten alten Eliten stützt, erscheint aus dieser Perspektive als der Anfang vom Ende aller Hoffnungen auf einen wirklichen Neubeginn. Einen prominenten Platz nehmen in diesen Erzählungen die Anekdoten über Privatisierungsskandale und Beispiele korrupter Selbstbedienung durch Mitglieder der alten Nomenklatura ein. Im westlichen Diskurs werden solche Argumentationsfiguren oft vorschnell als populistisch abqualifiziert, obwohl sie doch an die Erfahrungen und Erinnerungen vieler Menschen anknüpfen können.

Ein weiteres Narrativ über die Bedeutung des Jahres 1989, das ebenfalls weitgehend in westlichen Diskursen wurzelt und deshalb an dieser Stelle wieder in einen Dialog mit östlichen Gegenstimmen gebracht werden soll, ersetzt die hoffnungsfrohe Geschichte vom Durchbruch zu Freiheit und Demokratie durch die düstere Parabel vom Rückfall in nationalistische Stereotypen des 19. Jahrhunderts. Nicht die Ideale der Aufklärung, so der Tenor einer Reihe von gleichlautenden, vornehmlich westlichen Kommentaren, die aber auch im Osten reproduziert werden, hätten die Menschen auf die Straße getrieben, sondern die von charismatischen Köpfen vom Schlage eines Vytautas Landsbergis in Litauen oder eines Swiad Gamsachurdia in Georgien angestachelten und durch den Sozialismus nur oberflächlich neutralisierten nationalistischen Leidenschaften. Dieser Rhetorik, in der auch eine fast schon wütend anmutende Ausgrenzung des scheinbar lernunfähigen, heillos in der romantischen Wiederholungsschleife gefangenen Ostens aus dem angeblich längst im postnationalen Zeitalter angekommenen Westen mitschwingt, fehlt es durchaus nicht an empirischen Evidenzen. Es ist wahr, im Herbst 1989 in der DDR barg die Parole von dem einen Volk, das nun endlich zueinander kommen sollte, zweifellos mehr Mobilisierungspotential, als die gesellschaftliche Partizipationschancen einklagende Losung »Wir sind das Volk«. In der Rhetorik der neuen baltischen, ukrainischen und kaukasischen Volkstribune fehlte es nicht an Formeln zur Beschwörung nationaler Größe. In Georgien, Armenien, Aserbaidshan und der Republik Moldau wurde daraus der Funke, an dem sich blutige ethnische Konflikte entzündeten.

Und doch – der westlichen Schelte des postsozialistischen Nationalismus entgeht in ihrem Hochmut so manches. Nicht nur, dass sie blind bleibt gegenüber dem eigenen Verhaftetsein in essentialistischen Kategorien. Ignorant bleibt sie insbesondere auch gegenüber den Leistungen, die im Rekurs auf die Legitimationsformel Nation erzielt wurden und die in vielen Gegenerzählungen einen prominenten Platz einnehmen. Wie sonst ließe sich erklären, dass die am stärksten unter Nationalismusverdacht stehenden drei baltischen Republiken gleichzeitig die einzigen Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR sind, in denen das Projekt der Institutionalisierung demokratischer Strukturen weithin sichtbare Früchte getragen hat – gefolgt von der nicht weniger kritisch beäugten Ukraine, die im Unterschied zu Georgien und Kirgisistan ihre Orangene Revolution ungeachtet aller weiter bestehenden Turbulenzen als Chance zur Demontage eines autoritären Präsidialsystems genutzt hat. Jenseits der empirischen Evidenz macht das Tandem aus Nationalismus und Demokratie auch theoretisch Sinn. Nation – so lässt sich trefflich argumentieren – ist offensichtlich der einzige Schopf, an dem man sich aus den Dilemmata der Transformation ziehen kann. Das Projekt der Transformation ist nämlich auf einen stabilen gesellschaftlichen Konsens angewiesen, um sein Reformwerk erfolgreich umsetzen zu können. Im Zuge der Einführung von Marktmechanismen scheint man gleichzeitig alles zu tun, um Gesellschaft zu polarisieren und in Gewinner und Verlierer zu spalten. Es handelt sich so um ein Reformwerk, das immer wieder den schmalen Ast des Konsenses abzusägen droht, auf dem es sich bewegt. Soviel zu der anderen, im Westen oft vergessenen Seite des Nationalismus, deren größtes Verdienst in den östlichen Ländern darin besteht, einen Beitrag zur Etablierung handlungsfähiger staatlicher Strukturen geleistet zu haben. Dort, wo es sich anders verhält und das betrifft weite Teile des Raumes, der einmal durch die Sowjetunion organisiert war, ist das die Ursache für schärfste Probleme, zu denen zweifelsohne auch die Unfähigkeit zur Einschränkung von endemischer Korruption und von egoistischen ­Eigennutzkalkülen mächtiger Partikularakteure gehört.

Aus dieser die Wahrnehmung und Erfahrung vieler Menschen bestimmenden Perspektive verändert sich auch der Blick auf jene Regionen des postsowjetischen Raums, denen zwar in der Regel eklatante Defizite in Sachen Demokratisierung bescheinigt werden, die aber gleichwohl nicht selten auch als Beispiele für autoritäre, aber gleichwohl einigermaßen stabile Staatlichkeit zitiert werden. Die westlich geprägte kritische postnationale Position übersieht vieles, so die Alltäglichkeit von äußerst gewaltsam ausgetragenen gesellschaftlichen Konflikten. Wer jedoch den Blick einseitig auf ethnische Gewalt fixiert, die es zweifelsohne gab und gibt, der verliert andere Dinge wie die unzähligen und extrem gewaltsam ausgetragenen Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Elitefraktionen in vielen postsowjetischen Staaten aus den Augen. Zur Illustration sei hier auf einige Beispiele verwiesen, über die nicht nur erstaunlich wenig gesprochen wird, sondern über die wir auch erstaunenswert wenig wissen. Heute gibt es weder in Tbilissi noch in Harvard ein stimmiges Narrativ über den sogenannten Georgischen Winterkrieg, durch den 1992 der erst wenige Monate zuvor mit überwältigender Mehrheit gewählte georgische Präsident Gamsachurdia aus dem Amt geputscht wurde. Dasselbe gilt für den Sturz von Elcibej in Aserbaidshan im Jahre 1993 oder das blutige Massaker im armenischen Parlament 1999, bei dem acht Parlamentarier, darunter der Parlamentssprecher und der Verteidigungsminister, ermordet wurden. Die Liste dieser oft vergessenen, wenig reflektierten Ereignisse ließe sich fortsetzen. Entscheidend ist jedoch, dass sie alle durch die Brille gängiger Erzählmuster kaum wahrgenommen werden können. Das hat große Auswirkungen. Nicht einmal in den von diesen Gewaltexzessen betroffenen Gesellschaften selbst ist man sich sicher, was geschehen ist. Und so gedeihen auf diesem schwankenden Boden unzählige Verschwörungstheorien, die dazu angetan sind, den – bei aller postmoderner Einsicht in die Unmöglichkeit der einen großen Erzählung – dringend notwendigen Grundkonsens in weitere Ferne zu rücken. Am Ende bleibt nur eine Sprachlosigkeit, die viel damit zu tun hat, dass nicht nur die in den Verfassungen vieler postsowjetischer Länder zitierten demokratischen Normen in eklatantem Gegensatz zu einer davon rasant abweichenden politischen Praxis stehen, sondern auch, dass erzählte und erlebte Geschichte oft gewaltig auseinander klaffen. Die Beiträge von 16 Künstlerinnen und Künstlern aus acht von diesen Transformationsprozessen betroffenen Ländern sehen daran nicht vorbei. Sie stehen mit ihren künstlerischen Botschaften erzählter Zeit mittendrin in dieser bewegten Welt.

Barbara Christophe