2012

Ein Leben ohne Geld mitten in Deutschland

Heidemarie Schwermer lebt seit 16 Jahren ohne Geld. Einmal pro Monat erhält die Deutsche zwar eine Pension, doch diese verteilt sie an Bekannte. Frau Schwermer, die heuer ihren 70. Geburtstag feiert, hat nicht einmal eine Wohnung. Sie besitzt nur einen kleinen Koffer und einen Rucksack. In diesen bewahrt sie ihre Kleidung, das Buch, das sie gerade liest, ihre Zahnbürste und einige andere Kleinigkeiten auf.

Foto: Berliner Büchertisch CC BY-NC © flickr.com
Ich habe mir sie als totalen Freak vorgestellt, die nach den Idealen einer Achtzehnjährigen lebt. Auch ihre Aussagen in einem Interview mit den Deutschen Medien über den unumgänglichen Zusammenbruch des Kapitalismus und die Notwenigkeit, dass sich Menschen umeinander kümmern müssen, erschienen mir banal. Ich war auch davon überzeugt, dass sie ungepflegt aussieht, wie eine Bettlerin in schmutziger Kleidung... Wir trafen uns Ende Dezember, an Heilig Abend. Ich stand mit einer Schachtel Pralinen vor einem Privathaus und dachte: „Bitte, lass es nur keine Verrückte sein.“ Dann öffnete sich die Tür und ich erblickte eine in die Jahre gekommene Prinzessin Diana.

- Guten Tag, Tanja! Ich bin Heidemarie, - sagte die Dame.
Während ich mir meine Schuhe und meinen Mantel auszog und mich langsam an den Gedanken gewöhnte, dass diese betagte Prinzessin Diana wirklich Frau Schwermer war, deckte sie den Tisch. Sie war eine liebe, auf westeuropäische Art freundliche Dame mit einer Perlenkette um den Hals, mit gepflegten Fingernägeln, schön gemachtem Make-up und weißen, fein frisierten Haaren. Eine Dame, die nichts mit dem Freak aus meiner Phantasie gemeinsam hatte.

Gib und nimm

© yamix - Fotolia.com- Wessen Haus ist das?, - fragte ich sie, als ich die geräumige und äußerst gemütliche Küche betrachtete, die mit dem Wohnzimmer verbunden war. - So viel ich weiß, haben Sie Ihres vor vielen Jahren verkauft?“
- Es gehört meinen Freunden. Sie sind über Weihnachten in den Urlaub gefahren und haben mich gefragt, ob ich nicht auf das Haus aufpassen könnte.
- Und wenn Sie wieder zurückkommen, wo gehen Sie dann hin?
- Zu anderen Freunden. Mein ganzer Terminkalender für nächstes Jahr ist schon voll mit Einladungen. Daher brauche ich auch keine eigene Wohnung mehr.
- Doch ist das nicht falsch? - fragte ich empört. - Diese Leute arbeiten, um Geld zu bekommen, damit sie ihr Haus erhalten können und Sie kommen einfach zu ihnen und wohnen hier.
Heidemarie lächelte, doch sagte nichts. An Angriffe dieser Art hatte sie sich schon gewöhnt. Vor 20 Jahren arbeitete Heidemarie als Psychotherapeutin in Dortmund und schon damals erschien ihr die ganze Welt als ungerecht, vor allem aber die große Schere zwischen dem Einkommen von Reichen und Armen. Damals gründete sie „Gib und Nimm“ – die erste Tauschbörse in Deutschland. Dort kann jeder Dienstleistungen anbieten oder im Gegenzug für andere Leistungen Dienste in Anspruch nehmen. Geld wird hier als Zahlungsmittel nämlich nicht akzeptiert. Doch nach und nach tauschten die Dortmunder nicht mehr nur Dienstleistungen untereinander. Es kamen auch Kleidung, Bücher und Möbel hinzu: alles, was einer nicht mehr braucht, könnte für andere nützlich sein. Auch Heidemarie tauschte und merkte bald, dass sie praktisch kein Geld mehr verwendete.

- Mit Kollegen bin ich dann in einen Supermarkt gegangen und habe den Besitzer gefragt, ob er uns nicht jene Produkte überlassen könnte, die bald ablaufen.
So versorgte „Gib und Nimm“ sie auch mit Essen. Das Einzige, ohne das Heidemarie damals nicht leben konnte, war ihr Haus, doch auch da ließ sich ein Ausweg finden. Viele Freunde luden die alleinstehende Frau, deren Kinder schon lange erwachsen waren, zu sich ein, damit sie auf ihre Häuser aufpasste, solange sie weg waren. Im Gegenzug dafür, dass sie ein bis zwei Wochen die Blumen goss und die Haustiere fütterte, ließen ihr die Besitzer einen Essensvorrat da.

Am 1. Mai 1996 traf Frau Schwermer die wichtigste Entscheidung ihres Lebens. Sie schloss ihr Bankkonto (damals war ihr Haus schon verkauft), meldete sich von ihrer Krankenversicherung ab, packte das Nötigste in einen Koffer und zog einfach los. Frau Schwermer hat keine psychischen Störungen. Sie wollte nur ihr Leben ändern und mit gutem Beispiel voranschreiten: Geld ist nicht das Wichtigste und glücklich sein, kann man auch ohne einen Cent in der Tasche. Ihr Traum war es, wenigstens ein Jahr lang ohne Geld auszukommen.

Ein Beispiel für Griechenland

© Tatiana MarschanskichWir betraten das Zimmer, in dem Frau Schwermer vorübergehend wohnte, und hockten uns vor ihrem Koffer hin.
- Ich besitze nicht mehr, als diese Dinge, - meinte Heidemarie, während sie mir ein paar Jeans, Sweater und Kosmetika zeigte.
- Auch keine Fotos?
- Nein, auch keine Fotos.
- Aber das sind doch Erinnerungen!
- Ich bewahre meine Erinnerungen im Kopf auf.
- Wie? Sie haben auch keinen Computer?

Uns war es bis dahin noch nicht gelungen, eine gemeinsame Sprache zu finden. Ich komme schließlich aus einem Land, wo der Materialismus sehr fortgeschritten ist, wo einem Status durch Gegenstände verliehen wird. Und sie verhält sich so, als ob sie von einem anderen Planeten käme, wo Gegenstände keinen Wert haben. Heidemarie hängt nur ein zwei Gegenständen: ihrer Brille und ihrem Handy. Die Brille hat sie von einem Bekannten, der Optiker ist, dafür bekommen, dass sie für zwei Wochen seinen Hund Gassi führte. Und ihr Telefon ist ein Geschenk einer Dame, der sie, als sie noch als Psychotherapeutin arbeitete, aus einer Krise geholfen hatte.

- Ich frage mich mein ganzes Leben lang eines: Warum wird ein Mensch lediglich nach dem Geld beurteilt, das er besitzt, und nach den Sachen, die er sich davon kauft? Und wenn es gar kein Geld gäbe, gäbe es dann auch keinen Menschen mehr?, - Heidemarie schaute mich aufmerksam an und fragte. - Verstehst du, was ich meine?
Zwei Monate vor meinem Treffen mit Heidemarie, hatte ein griechischer Fernsehsender einen Dokumentarfilm über sie gedreht. Denn die Journalisten waren sich einer Sache sicher: Für ihr Land, das in Schulden versinkt, wir sie ein Musterbeispiel werden, das zeigt, dass man auch ohne Geld glücklich sein kann.

- Denken Sie, dass alle so leben sollten wie Sie?
- Nein, das wäre Blödsinn. Die Menschen sind noch nicht dafür bereit, sich gänzlich von Geld loszusagen. Zuerst müssen wir alle viel an uns selbst arbeiten, an unseren Wertvorstellungen. Wir müssen lernen, zu geben und zu nehmen, das heißt, Waren und Dienstleistungen zu tauschen.
- Was geben Sie den Leuten? Jenen zum Beispiel, die Ihnen erlauben, bei ihnen für ein paar Wochen zu wohnen? Ich meine außer, dass Sie Katzen füttern und Blumen gießen?
- Nichts. Es ist nicht richtig, etwas zu bekommen, und sich dann dafür bei den Menschen erkenntlich zu zeigen. Ich lebe einfach so in den Häusern und Wohnungen. Dafür gebe ich aber anderen Leuten, die mir nichts geben können, kostenlose Therapieeinheiten. Auch für meine Pension, die ich jedes Monat verschenke, erwarte ich mir keine Gegenleistung.

16 Jahre Leben ohne Geld haben die unbekannte Psychotherapeutin Heidemarie zu einer Berühmtheit gemacht. Über sie werden Artikel verfasst und Filme gedreht. Sie wird zu Gastvorträgen in verschiedene Länder eingeladen. Ihre Ansichten stießen dabei sowohl auf Kritik als auch auf Befürwortung. Dank Heidemaries Idee sind in Deutschland Dutzende Tauschbörsen für Dienstleistungen entstanden sowie „Gib-und-Nimm-Häuser“. In diesen, kann man kostenlos Dinge bekommen und muss nicht einmal Gegenleistungen erbringen. An den Türen dieser Läden klebt ein Sticker – ein vierfärbiger Kreis, das Symbol des neuen Lebens, das sich Heidemarie ausgedacht hat. Überall, wo man diesen Kreis sieht, wird Menschen geholfen, und das ohne eine Gegenleistung zu erwarten!
Tatjana Marschanskich

Übersetzung: Verena Maier

Copyright: To4ka-Treff
November 2012

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