2012

Erfolg ist ein Mysterium

Benjamin Lebert ist Deutschlands erfolgreichster junger Schriftsteller. Mit 16 hat er seinen weltberühmten Debüt Roman „Crazy“ geschrieben, der in 33 Sprachen übersetzt worden ist und mit Auflage von über einer Million Exemplare verkauft wurde. Literaturkritiker haben diesen Roman mit „Catcher in the Rye“ von J.D. Salinger verglichen – so scharf, frisch, ehrlich und unwiderstehlich ewig jung ist die Geschichte eines Jungen, der sein Leben im Internat anfängt. Jetzt ist Benjamin Lebert 30, hat fünf Romane geschrieben, ist außerdem als Übersetzer tätig. Aber trotz seines Erfolg bleibt er derselbe „Crazy“-Benny aus seinem Erfolgsroman. Noch immer ein ewiger Teeny im besten Sinne des Wortes, nur noch weiser. In einem Interview erzählt er über seine Versuche, Batman zu werden, über den Erfolg, Schwierigkeiten im Alltag, und verrät seinen Plan B.

Foto: Das blaue Sofa / CC BY © flickr.com

Was wolltest du als Kind werden?

Ich wollte als Kind Batman werden. Das hat leider nicht ganz geklappt, war ein bisschen schwierig, weil ich durch meine Behinderung (Benjamin Lebert ist halbseitig gelähmt – Anm. d. Aut.) relativ schnell auch gemerkt habe, dass Batman ein unrealistisches Ziel ist. Aus vielen anderen Gründen auch, aber vornehmlich aufgrund der Behinderung. Ich habe immer außerhalb gestanden und die anderen Kinder beobachtet. Und Beobachten ist der wichtigste Aspekt beim Schreiben. Weil ich nicht so viel selber machen konnte, kam es dementsprechend schnell, dass ich Schriftsteller werden wollte. Und ich habe eigentlich schon geschrieben, seitdem ich schreiben kann. Am Anfang waren es Monster-Geschichten. Monster waren immer überall angesiedelt. In der Schule war immer ein Monster, das die Kinder bedroht hat, in einem Keller oder auf dem Sportplatz im Sand, wo die Weitspringer waren – da kann ich mich erinnern, habe ich eine Monster-Geschichte geschrieben. Später wurden aus Monster-Geschichten dann Geschichten des inneren Befindens (legt sich die Hand auf die Brust) – man hat auch in sich viele Ungeheuer, viele schlimme Instanzen. Dann waren die Monster auf einmal Gefühle. So war diese Entwicklung. Und weswegen ich Schriftsteller werden wollte, war wegen meinen Großeltern (Ursula und Norbert Lebert waren beide Schriftsteller – Anm. d. Aut.). Meine ersten Erinnerungen waren, wie ich im Arbeitszimmer von meinem Opa war, ein blauer Dunst vom Zigarettenrauch in der Luft lag und dieses hackende Geräusch von Schreibmaschine, das war für mich so toll und so atmosphärisch, dass ich das dann auch wollte.

Und falls du nicht Schriftsteller geworden wärest?

Was ich dann gemacht hätte? Ich hätte nochmal versucht, Batman zu werden (lacht). Und da die Chancen da nicht so groß sind, wäre mein zweiter Plan, Gärtner zu werden. Ich mag Pflanzen sehr gerne. Es ist totlangweilig, natürlich, aber das mag ich gerade. Weil das Schreiben immer so in den Wolken ist und so fern von allem und das Gärtnern ist so verbunden mit der Realität, mit der Erde und das Grün ist sehr besänftigend. Und ich fürchte, dass ich leider jetzt schon irgendwie so ein Großvater bin, so ein Rentner. Und das möchte ich nicht unbedingt, ich möchte ein bisschen leben vorher. Deswegen werde ich vielleicht erst ein Garten haben, wenn ich tatsächlich alt bin.

Wie kam es dazu, dass du „Crazy“, deinen Debüt Roman geschrieben hast?

Das hat sehr viel mit Glück zu tun. Überhaupt, Erfolg ist ein Mysterium. Und man weiß nicht, wie viel Erfolg letzten Endes mit der Person, die den Erfolg auslöst, zu tun hat. Bei mir war es so, dass als ich angefangen habe zu ich der Schule schreiben, habe ich Texte und Kurzgeschichten, an ein Jugendmagazin geschickt. Und habe gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, dass ich so eine Art Tagebuch führe aus der Schule – was passiert mit den Menschen, welche Freunde ich habe, welche Unzulänglichkeiten, welche Schwierigkeiten ich habe. Und dieses Jugendmagazin hat gesagt: „Ja, das wollen wir machen“ und da habe ich tatsächlich Tagebuch geführt. Ich glaube, einmal pro Woche ist es erschienen. So war der Anfang. Und dann wiederum, was auch viel mit Glück zu tun hat, ist ein Verlag auf meine Texte aufmerksam geworden, hat mich angerufen und mich gefragt, ob ich nicht ein Roman schreiben will. Und ich habe ins Telefon geschrien und gelacht und gesagt: „Ja, das mache ich sehr gerne, aber sie müssen wissen, dass ich erst 15 bin“. Und die Frau vom Verlag, Kerstin Kleber heißt sie, hat gesagt: „Ja, das ist schön für Sie. Machen Sie es einfach“. Zu der Zeit bin ich ins Internat gekommen und insofern war es klar, worum dieser Roman gehen wird.

Du hast mit 16 ein Seminar übers Schreiben in Amerika gehalten. Wie fandest du es?

© CC-BY-SA-3.0-DE Amrei-MarieVöllig absurd war das. Ich habe es mit Humor genommen, das kann man nur mit Humor nehmen, weil ich den Schülern gesagt habe, dass ich sehr wahrscheinlich von ihnen lernen werde, als sie von mir. Weil sie ja auch alle älter als ich waren. Ich habe es dann mehr zu einem Gespräch werden lassen über das Schreiben. Es war auch nicht so klar in diesem Lehrer-Schüler-Verhältnis, weil ich ja kein Lehrer war und auch kein Lehrer sein wollte. Ich glaube auch, dass jeder Mensch, den man trifft, immer Lehrer und Schüler zugleich ist. Die Studenten sind mit mir ausgegangen, was trinken oder ins Theater. Es war sehr lustig. Und da ich damals zum ersten Mal von meinen Eltern weg war, war es auch sehr abenteuerlich und wirklich sehr schön.

Wie bist du überhaupt mit 16-17 mit diesem Erfolg, mit diesem Ruhm klar gekommen?

Das ist gar nicht so leicht, wie man sich vorstellen kann. Es war in der Tat ein bisschen schwierig, auch weil die Diskrepanz so groß war. Als ich in der Schule war, war ich eher ein Außenseiter und die Lehrer haben gesagt, dass aus mir nichts wird, weil ich so schlecht war. Und ich habe das Leben nicht wirklich berühren können, kann man sagen. Ich war sehr gehemmt und hatte immer Schwierigkeiten, meinen Alltag zu bewältigen. Und dann von einem Tag auf den anderen musste ich Interviews geben und über meine Generation reden und sagen, was meine Generation ist, was sie auszeichnet, und das ist eine große Kluft. In der kürzesten Zeit von einem „Versager“ sozusagen zu einem Held zu werden, ist schwierig, auch für das Selbstbild. Besonders mit 15. Aber ich muss sagen, vor die Wahl gestellt, ob man Erfolg hat oder nicht Erfolg, ist nicht erfolgreich zu sein immer viel schlimmer. Dass bin ich mir bewusst. Es ist auch Jammern auf hohem Niveau, wenn man sagt: „Ich war überfordert von dem Erfolg“. Und trotzdem war es für mich nicht leicht, erfolgreich zu werden.
Anastasia Filimonova

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November 2012

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