2012

"Regenbogenwohnung"

Фoтo: Паулус ПоницакTo4ka-Treff besuchte das Berliner Quartier, lernte die LGBT-Vertreter kennen und erfuhr, warum die Russische Botschaft mit den bunten Konfetti beschossen wurde.

Foto: Paulus Ponizak



Eng und hell, weiße Wände, schwarz-weiße Fußbodengrafiken. Neben dem bemalten Kühlschrank ein Tisch mit bunten Info-Broschüren und einem Berg voller Buttons. An den Wänden Plakate mit den Gesichtern von Rudolf Nurejew, Marina Zwetajewa und Pjotr Tschaikowski – mit zugeklebten Mündern.

Unter hunderten von anderen Ständen auf dem Lesbisch-Schwulen Stadtfest in Berlin, das hier schon seit 20 Jahren alljährlich stattfindet, ist dieses kleine weiße Zelt das einzige einer LGBT-Organisation für Russischsprechende in Deutschland. Auf der ersten Seite der Broschüre dieser zweitägigen Veranstaltung grüßt der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit – ein offen Homosexueller, der durch eine demokratische Abstimmung gewählt wurde. Einige Straßen, die sich an die zentrale Berliner Metro-Station „Nollendorfplatz“ schmiegen, sind durch die Zelte verschiedener LGBT-Organisationen, Mini-Bühnen und Verkaufsstände vollständig besetzt. Während dem Wochenende erwartet man hier ungefähr eine halbe Million Besucher. Nachdem ich ein wenig umhergeschweift bin, finde ich diejenigen, wegen denen ich gekommen bin.

Quartieranten auf der Gay-Pride

Ira, Physikstudentin, liebt Mascha. Morgen verreisen sie für einen Monaten und trampen durch Griechenland. Sie erklärt mir, was das Wort „Quarteera“ bedeutet: Die Kombination von „art“ und „queer“. Plus das russische „kwartira“ (dt.: Wohnung, Quartier“) – für Russischsprechende.

Foto: Andrej Ditzel„Quarteera“ ist insgesamt anderthalb Jahre alt. Doch sie ruhen sich nicht auf ihrer Erfahrung aus, sondern haben auch einen Rainbow-Flashmob, ein aufklärendes russisch-deutsches Camp, die Teilnahme an politischen Protesten, zwei Mal im Monat ein Versammlungstreffen und einen ständig aktualisierten zweisprachigen Blog auf Lager. Am 23. Juni, am Christopher Street Day, hat die russische Kolonne mit „Quarteera“ an der Spitze die Berliner Gay-Pride eröffnet, zu der etwa 700 000 Menschen kamen. In diesem Jahr hat das Organisationskomitee der Veranstaltung den „Quartieranten“ nicht nur ein Auto zur Verfügung gestellt, sondern auch entschieden, die Kolonne etwas länger vor der russischen Botschaft anzuhalten. Das Gebäude wurde mit regenbogenfarbigen Konfetti aus künstlichen Kanonen beschossen.

Kostja scherzt viel, antwortet offen und überzeugt auf jede Frage und lobt gerne die Freunde des Projekts. Auf „Quarteera“ traf er sozusagen durch seine Ausbildung: „Ich habe die Universität in Jekaterinburg absolviert, dann ein Stipendium bekommen und hier zu Ende studiert. Jetzt arbeite ich und beschäftige mich mit Projektmanagement. Als ich von „Quarteera“ erfahren habe, dachte ich, dass das eine gute Sache ist, wo ich helfen kann: Ich habe Erfahrungen in der Organisation von Kulturprojekten“.

Ein Gesetz gegen die Kultur?

Cover von RespectDer Künstler Wanja macht mir einen Platz neben sich am Couchrand frei. Er ist der Autor der Plakate mit den Gesichtern der Kunst-Persönlichkeiten. Sie hängen nicht nur an den Zeltwänden von „Quarteera”, sondern schmücken auch das Nachbarzelt des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland (LSVD) ebenso wie das Cover ihrer Zeitschrift „RESPEKT!“. Die Idee hatte der Künstler im Frühling, als die Hamburger Quarteera-Abteilung sich nach Petersburg zur Woche des Kampfs gegen die Homophobie aufmachte. Doch am 1. April wurde dort das Gesetz über das Verbot der Verbreitung von Homosexualität und Pädophilie angenommen.

„Ich entschied, zu zeigen, dass dieses Gesetz nicht einfach, sagen wir, die Schwulen beleidigt, sondern das ganze Land angreift, alle Leute. Denn im vorliegenden Fall verbietet es einen Teil der Kultur. Ich habe diese Plakate ausgedacht: dokumentarische Fotographien und eine Zeile aus einem Lied oder einem Gedicht, aus denen klar wird, dass Zwetajewa ihrer Geliebten schrieb und Tschaikowski sich in einen Mann verliebte. Das war eine durchdachte Sache: Den Petersburgern zu zeigen, dass dieses Gesetz ihre eigene Kultur verbietet“. Wenn Wanja redet, gibt es - wie bei den anderen hier auch - keine Aggressionen. Obwohl wir über einen Kampf sprechen.

Friedliches Europa

Foto: Andrej DitzelDarüber, dass Russland zum thematischen Zentrum der Berliner Pride wurde, schrieb „Die Welt“, „Der Spiegel“, die „Morgenpost“ und die „Deutsche Welle“. Sie sind nicht die ersten: Nach dem CSD vor einem Jahr war „Quarteera“ plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit der russischen Presse.

Im vergangenen Juni luden die „Quartieranten“ den berühmten russischen Foto-Blogger Ilja Warlamow dazu ein, eine Chronik des Geschehens zu führen. Warlamow machte eine Reportage und sammelte eine Rekordzahl an Kommentaren im „LiveJournal“. Einen davon hinterließ ein Journalist von RIA Nowosti: „Auf sie alle eine Bombe werfen“. Der Journalist wurde entlassen und die Geschichte wirbelte viel Staub auf. Unter anderem kam der TV-Sender „Perwy kanal“ zu den Organisatoren der russischen Kolonne der Berliner Pride.

Wanja wurde eingeladen, an einer Talk-Show teilzunehmen: „Ich bin da nicht als Ankläger hingegangen und wusste, dass diese Sendung ziemlich unsinnig ist und dort viel geschrien wird. Aber es war eine direkte Brücke mit Hamburg und ich habe ein solches friedliches Europa vorgestellt, in dem alle zusammen leben, Freunde sind und nichts Schlimmes passiert. Das hat geklappt: Mir hat man als einziger nicht das Mikrofon abgeschaltet. In der gleichen Sendung war ein Kerl aus Petersburg von „Wychod“ (dt.: Ausgang), eine mit uns befreundete Organisation. Er sprach gut, aber er hatte große Angst. Ich bin in Hamburg, aber er ist dort“.

Doppeldiskriminierung

Slata war von Anfang an bei „Quarteera“ dabei. Für Informationen aus erster Hand schicken mich alle Projekt-Teilnehmer zu ihr. „Hast du schon einen Button?“, eilt Slata hin und her und heftet mir die Symbole „Quarteera. Queer auf Russisch” und „Queer Russian Proud” an den Kragen.

Sie erzählt über die Treffen von „Quarteera“, die zwei Mal im Monat auf einem Gelände stattfinden, das dem Verband der Lesben und Schwulen in Deutschland überlassen wurde. „Es kommen verschiedene Leute. Ein Mädchen sagte zum Beispiel: „Ja, aber wir sind doch hier alle Kranke.“ Sie dachte wirklich, dass das ein Treffen von abnormalen Leuten ist. Vor kurzem kamen Leute und fragten irgendwelche vollkommen einfache Dinge. Etwa, ob es stimmt, dass in Deutschland gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt sind.

Foto: Andrej DitzelBeratende Psychologen und Juristen gibt es unter den „Quartieranten“ bisher nicht. Aber dieses Projekt hat Perspektive. Denn ohne sie kommt man um die Situation einer „Doppeldiskriminierung“ nicht herum. „Wir sind Russen im Ausland, egal wie gut wir die Sprache beherrschen, wir sind trotzdem Ausländer. Und wir sind gay. Unser Ziel ist die Kommunikation nach beiden Seiten: mit russischsprechenden Nicht-Gays und deutschsprachigen Gays.“

Zu dem hell gestalteten Zelt von „Quarteera“ kommen ständig Leute. Sie stellen Fragen, blättern in Broschüren über die Situation der Bürgerrechte der LGBT im postsowjetischen Raum, nehmen an einem Quiz teil und gewinnen Buttons. Einige füllen direkt vor Ort vorbereitete Formulare aus und treten „Quarteera“ bei.

Ihr Zelt hat unter den zwanzig Besten auf dem Lesbisch-Schwulen Stadtfest den dritten Platz eingenommen. In einer Woche feiert Berlin den Christopher Street Day. Die Quartieranten haben gar keine Zeit Luft zu holen. Wanja denkt sich Plakate nach den Motiven der Künstler Pierre et Gilles mit Putin und Medwedew aus, die die meisten Presse-Materialen über die Pride illustrieren werden, zu deren Zentrum Russland geworden ist. Slata wird den Umzug koordinieren. Die Freunde von „Quarteera“ werden aus Russland und vielen deutschen Städten anreisen.

Olga Sokolowa, Berlin

Übersetzung: Fabian Erlenmaier

Copyright: To4ka-Treff
Juli 2012

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