2012

Art-Amnestie: Gefangenentheater

Фото: Никита ПасечниковIm Rahmen des Festivals „Rostower Lesungen“ für moderne Dramaturgie wurde in Rostow am Don die Videoversion des Bühnenspiels „Nje Odin“ („Nicht allein“) gezeigt. Vom Schreiben der Dialoge bis hin zur spezifischen Umsetzung wurde das Stück von den Insassen der Rostower Strafkolonie Nr. 10 verfasst. Es entstand unter der Leitung von den Dramaturgen und Regisseuren Marija Selinskaja, Olga Kalaschnikowa aus Rostow am Don, Wjatscheslaw Durenkow aus Toljatti und Jurij Murawizkij aus Moskau, im Rahmen des Programms „Art-Amnistija“ („Kunst-Amnestie“), das in Russland einzigartig ist, und soll Gefangene in die Gesellschaft integrieren und ihr künstlerisches Potenzial entfalten.

Foto: Nikita Pasetschnikow



„Kolonie“-Theater

Es ist kein Geheimnis, dass das Leben mit dem „Brandmal“ eines Häftlings in der heutigen russischen Gesellschaft alles andere als leicht ist. Allen ist bekannt, dass die russische Rechtssprechung weit vom Ideal entfernt ist; aber für einen Menschen, der einmal vom rechten Weg abgewichen ist oder sogar unschuldig im Gefängnis gelandet ist, ist es nicht nur extrem schwierig, einen Arbeitsplatz zu finden, sondern auch einen Platz in der Gesellschaft. Anstatt einen Menschen, der die ersten Schritte in einem neuen Leben bestreitet, aufzunehmen und zu unterstützen, wird er abgelehnt und stets mit Vorsicht und Misstrauen behandelt.

Foto: Nikita PasetschnikowGerade diesem Problem haben sich die Schöpfer des Programms „Art-Amnestija“ angenommen und nützen Kunst dazu, um es zu bekämpfen. Die Organisatoren des Projekts wurden von der Gefängnisleitung unterstützt, sodass vom Entstehen der Idee bis hin zu ihrer Realisierung nicht mehr als ein halbes Jahr verging. Dabei wurde die ursprüngliche Auswahl der zukünftigen Teilnehmer des Projektes von der Sozialpsychologin Marina Schaporewa vorgenommen. Interessiert haben sie vor allem drei Fragen: „Wer will, wer kann, und wer schadet dabei weder sich noch seiner Umgebung.“ Alle Teilnehmer sind Häftlinge, die gerade ihre erste Freiheitsstrafe absitzen und denen ihre Entlassung in die Freiheit kurz bevorsteht. Berücksichtigt wurde die individuelle Motivation, Kommunikationsfreudigkeit und Aggressionsfreiheit.

Tschernobyl, Gänse und Liebe

Innerhalb einer Woche wurden von den Gefangenen acht Stücke zusammengestellt und aufgeführt. Diese reichten von einer Kriegsgeschichte über Kundschafter, die am Unfallort des Atomkraftwerks von Tschernobyl arbeiten, bis hin zu der in ihrer Wirklichkeit erschreckenden Geschichte „Zwei Gänse“. „Das Stück handelt davon, wie ein Typ zwei Gänse stiehlt, und dafür drei Jahre bekommt. Der Abschnittsbevollmächtigte, der ihn einsperrt, schlägt jedoch am gleichen Tag zwei kleine Mädchen zusammen und bekommt dafür ebenfalls drei Jahre, allerdings nur auf Bewährung. Nun gut, am Ende des Stücks habe ich ihn bestraft“, erzählt der Autor.

Treue, Ehrlichkeit, Liebe, Verrat – das sind die Themen, welche die Häftlinge in ihrem Literatur- und Bühnendebut berühren. Und manchmal sind diese keine erfundenen Geschichten. Es handelt sich dabei um allen verständliche Gefühle und einfache Worte, die viel ergreifender sind als hochkünstlerische Werke. Alle Frauenrollen des Stücks wurden übrigens von Schaustellerinnen des Rostower Jugendtheaters „Na Swobodje“ („In der Freiheit“) gespielt.

Über raue Pfade gelangt man zu den Sternen

Foto: Nikita PasetschnikowDer Film nach den Motiven dieses Theaterstücks wurde von Nikita Pasetschnikow in einer Rekordzeit von nur einigen Tagen aufgenommen und geschnitten. Er besteht aus dem eigentlichen Stück, „Nicht allein“, das in der Strafkolonie selbst von den Häftlingen für andere Gefangene und ihre Verwandten aufgeführt wurde, sowie aus einem Interview mit den Teilnehmern und ihren Erzählungen über das Projekt. Die Zuschauer können sehen, wie die Häftlinge, die zunächst sehr vorsichtig und zurückhaltend über ihre Erwartungen an die Teilnahme am Projekt berichten, sich während des Arbeitsprozesses mehr und mehr öffnen, wie sie Dialoge schreiben, Musik für ihre Stücke zusammenstellen und durch die Arbeit am Material genauso wie durch die Auftritte eine unglaubliche Zufriedenheit erlangen.

„Ich glaube, dass man in jedem Menschen, in absolut jedem, irgendwelche Fähigkeiten entwickeln kann. Wir haben Verbrechen begangen und nicht nach dem Gesetz gelebt. Außerdem haben wir haben nicht einmal daran denken können, dass in uns irgendwelche Talente stecken. Und als wir hierher gekommen sind – ich glaube nicht an zufällige Treffen – wurde uns angeboten, an diesem Projekt teilzunehmen. Ich habe an meinen Fähigkeiten gezweifelt. Aber die Eindrücke, die ich hatte, als alles glatt lief, kann ich mit Worten einfach nicht beschreiben. Das ist unser Erfolg“, äußerte sich einer der Projektteilnehmer direkt nach dem Auftritt.

Foto: Nikita PasetschnikowDer Film wurde bereits zur Teilnahme am Festival „Stalker“ eingeladen. Wie die Schauspielerin, Producerin, Regisseurin und künstlerische Leiterin des internationalen kulturellen Theaterzentrums „Mini-Kult“, Olga Kalaschnikowa, To4ka-Treff mitteilte, könnte „Art-Amnistija“ eine tolle Tradition werden. Denn die Künstlergruppe wird bereits in andere Besserungsanstalten Rostows und des Oblasts gerufen. Die Psychologin Marina Schaporewa stellte positive persönliche Veränderungen bei jedem Teilnehmer des Projekts fest. Wahrscheinlich wird sich nicht jeder in seinem weiteren Schicksal auf die Kunst einlassen, aber ebenso wahrscheinlich ist das Projekt für manchen ein erster Schritt.

Anastasija Filimonowa, 26, Rostow-am-Don

Übersetzung: Kaspar Meyer

Copyright: To4ka-Treff
Juli 2012

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