2012

„Berlin ist für mich ein gutes Omen“

Weite Hose mit mehreren Taschen, Ohrring im linken Ohr, die Angewohnheit das widerspenstige Haar mit der Hand zurück zu werfen, zerlumpte orange-schwarze Turnschuhe: So sieht Juri Andruchowytsch aus, der bekannteste ukrainische Schriftsteller, Dichter, Essayist und Übersetzer, der mit seinen außergewöhnlichen Romanen zum Klassiker der ukrainischen Gegenwartsliteratur geworden ist. Andruchowytsch ist der erste ukrainische Schriftsteller, der bei Suhrkamp, einem der führenden deutschen Verlage, publiziert wurde, und mit einem Schlag in Deutschland berühmt geworden ist. Er wurde mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet und war Gast beim Berliner Künstlerprogramm des DAAD. In seiner Heimat ist Andruchowytsch Vizepräsident des Ukrainischen Schriftstellerverbands.

Foto: PrivatJuri Andruchowytsch nennt sich selbst „ukrainischer Schriftsteller, der in Berlin verliebt ist“. In seinem neuen Buch, dem Lexikon der intimen Städte, das auf Deutsch noch nicht erschienen ist, ist Berlin einer der zentralen Schauplätze. Der Schriftsteller hat eine ziemlich lange Geschichte über seine Beziehung zu dieser Stadt zu erzählen. Sie spielt nämlich in seinem Leben eine sehr große Rolle. Andruchowytsch spricht fließend Deutsch und reiste schon früh in den Westen, um Lesungen zu halten. Er hält sich immer wieder für längere Zeit in der deutschen Metropole auf, die sich sehr tief in seinem Herz verankert hat.

Juri Andruchowytsch, bei einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie Ihre Werke mit Musik im Hintergrund schreiben: Welche Musik haben Sie gehört, während Sie das „Lexikon der intimen Städte" schrieben, insbesondere während des Kapitels über Berlin?

Während ich das Lexikon schrieb, hörte ich mir ethnische Musik, Folk und Post-Punk aus Osteuropa, aber auch rumänische, polnische, serbische und ukrainische Musik an.

Berlin ist Ihre Lieblingsstadt, haben Sie einmal gesagt. Welche Bedeutung hat diese für Sie?

Foto: PrivatBerlin ist für mich ein gutes Omen. Es ist die Stadt, wo man den Schlüssel von einer Wohnung bekommt und plötzlich stellt es sich heraus, dass es der Schlüssel von der ganzen Stadt oder sogar von der ganzen Welt ist. Dank Berlin habe ich viel erreicht, es ist die Stadt meines Erfolgs. Ehrlich gesagt, halte ich Berlin allerdings nicht für eine sehr schöne und komfortable Stadt, aber irgendwie fühle ich mich hier wohl. Ich will nicht von Berlin für immer Abschied nehmen. Ich bin noch nicht erschöpft und habe viel zu tun hier, denn es ist eine facettenreiche, vielseitige Stadt, die mir viel Kraft und Inspiration bringt. Wenn ich die finanzielle Möglichkeit hätte, würde ich mir in Berlin eine Wohnung kaufen, um dort für ein paar Monate im Jahr zu leben.

Sie haben einmal gesagt, dass Venedig Ihnen nicht mehr gefällt, weil es durch Tourismus verdorben ist. Berlin ist auch voller Touristen, doch warum lieben Sie diese Stadt trotzdem?

Weil Venedig durch die Touristen erschöpft ist. Berlin ist aber eine viel größere Stadt. Touristen sind hier nur eine von Dutzenden Komponenten und man kann um sie einen großen Bogen machen, wenn man Ruhe braucht. In Venedig ist das unmöglich.

Warum ist diese Stadt so attraktiv für Schriftsteller und insbesondere für Sie?

Foto: PrivatEs ist nichts Mystisches, nur solide Pragmatik. Berlin schuf die besten Voraussetzungen für ausländische Schriftsteller. Das gehört zur Stadtpolitik und zur Politik des deutschen Staates. Keine andere Hauptstadt oder "Hauptstadt" der Welt hat so viele attraktive Angebote, um sorglos zu leben und zu arbeiten. Und was mich und das Schreiben betrifft, so gelingt es mir in Berlin besonders gut, meine Zeit zu organisieren. Zu Hause wäre ich nicht in der Lage, ein großes Buch, also zum Beispiel einen Roman, oder eine Enzyklopädie wie Lexikon der intimen Städte, zu schreiben. Dort würde ich irgendeine Ausrede finden, um das Schreiben nicht heute, sondern morgen oder übermorgen zu beginnen. Und wenn ich nach Berlin komme, beginne ich meine Arbeit sofort.

Man bezeichnet Sie als eine Art Diplomat, als Botschafter der ukrainischen Kultur im Westen. Wie sieht Ihre Diplomatie aus?

Wenn es eine Diplomatie ist, dann ist sie nicht gut, weil ich das sage, was ich denke, was eben Diplomaten nicht machen sollten. Deutschland gefällt mir deswegen, weil es die Unabhängigkeit des Denkens und der freien Meinungsäußerung schätzt. Das ist die Diplomatie (lächelt).

Ein Ausschnitt aus seinem aktuellen Buch „Lexikon der intime Städte“ - aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr

Berlin erscheint mir wie ein Tagebuch, man will etwas hineinschreiben. Meine Tage in Berlin sind immer gezählt, selbst wenn es 365 sind, und auch das ist eine Motivation, Tagebuch zu führen. 365 Tagebucheintragungen könnten sich plötzlich als Roman erweisen – wenn man Glück hat. Aber selbst wenn man kein Glück hat, ist es zumindest den Versuch wert. In Berlin ist alles einen Versuch wert, es ist eine Stadt für Versuche. Diese Aufzeichnungen hier müssen von Liebe und Dankbarkeit durchdrungen sein, denn in Berlin geht es mir immer besonders gut. In Berlin beobachte ich, was mir in keiner meiner anderen Städte zu beobachten gelingt – es ist vegetativ und voller Hohlräume, es existieren riesige Lücken, die man immer irgendwie füllen kann, am besten aber mit nichts als Literatur. Ich beobachte, wie Berlin sich mit Schriftstellern füllt. Sie stammen aus der ganzen Welt, und manche, die vielleicht nur zufällig für drei Tage kamen, sind ihr Leben lang geblieben. In dieser insgesamt nicht schönen Stadt, in der es neben der Unansehnlichkeit so viele Bäume und so viel Wasser gibt, möchtest du plötzlich glauben, dass gerade hier dein Platz sei.
Das Gespräch führte Galina Gulii, 29, Journalistin des ukrainischen Nachrichtenportals "Korrespondent.net", Kiew

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August 2012

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