2013

Russlanddeutsches Dialektbuch

In ihrem „Russlanddeutschen Dialektbuch“ dokumentiert Nina Berend, Germanistik-Professorin und Leiterin des Projekts „Migrationslinguistik“ am Institut für Deutsche Sprache, eine ehemals blühende und bis heute faszinierende Sprachlandschaft.
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Nina Berend sprach in ihrer Kindheit einen pfälzisch-südfränkischen Dialekt – wie es in ihrer Familie, unter Freunden und auch bei den Nachbarn in ihrem Heimatdorf üblich war. Doch Berends Heimat befand sich nicht etwa bei Kaiserslautern oder Landau und auch nicht bei Nürnberg oder Schwabach, sondern in der rund 6.000 Kilometer entfernten russischen Altai-Region. Die Bewohner des Dorfes waren allesamt Russlanddeutsche: Ihre Vorfahren waren Jahrhunderte und Jahrzehnte zuvor aus Deutschland ausgewandert und hatten ihre Dialekte in der neuen Heimat weiter gepflegt. Als Kind war Berend also schon im Heimatdorf mit russlanddeutschen Dialekten vertraut, bevor sie in der Schule die deutsche Hochsprache und das Russische als Fremdsprache lernte. Jahre später beschäftigte sie sich – zunächst als Studentin, dann als Doktorandin und schließlich als Dozentin in Omsk – aus wissenschaftlicher Perspektive mit den verschiedenen deutschen Mundarten, die zwischen Wolga und Sibirien in den unterschiedlichsten Gegenden der ehemaligen Sowjetunion gesprochen wurden.

Kostprobe für die Ohren: Russlandhessisch, -bairisch, -niederdeutsch

Bascht, Botscht oder Borschtsch?  Foto: gem-in-i © iStockphotoSie besuchte also die teils jahrhundertealten und teils neueren deutschen Sprachinseln, sprach dort mit alten Menschen wie auch mit Kindern, hörte hessische, bairische und niederdeutsche Dialekte. Alle Interviews und Gespräche nahm sie auf, um sie später zu untersuchen und die Merkmale der verschiedenen Dialekte zu beschreiben. „Das Besondere an den russlanddeutschen Dialekten ist, dass alle deutschen Dialekte in dieser Region verbreitet waren, während in den deutschen Sprachinseln in den USA beispielsweise nur vereinzelte deutsche Dialekte verbreitet sind“, erzählt die heute 60-Jährige. „Schon immer faszinierte mich vor allem die Buntheit der russlanddeutschen Dialekte.“

Drei Jahrzehnte nach ihrer Promotion hat Nina Berend die Ergebnisse ihrer Arbeit jetzt in einem Überblickswerk so aufgearbeitet, dass diese Faszination für jeden erfahrbar wird. Berend zeigt in ihrem Russlanddeutschen Dialektbuch auf, welche Mundarten es in Russland seit dem Zarenreich gab, wo sie verbreitet waren und wie sie sich im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte verändert haben, wobei alle Erklärungen, Karten und historischen Dokumente sehr anschaulich und für Laien verständlich sind. Mit der beiliegenden CD vermittelt sie auch einen Höreindruck von den – für Sprecher des Hochdeutschen – auf eine Weise vertraut und doch wieder fremd erscheinenden Klang dieser unterschiedlichen Mundarten.

Wie vor hundert Jahren?

Prof. Dr. Nina Berend  Foto: © Autorin„Ich habe in Deutschland viele russlanddeutsche Studenten kennengelernt, die sich sehr für ihre Vergangenheit und die Sprache ihrer Vorfahren interessieren“, erzählt Berend. Das Russlanddeutsche Dialektbuch hilft ihnen, eine Vorstellung von ihrer eigenen sprachlichen Identität zu bekommen.“ Aber auch für andere interessierte Laien hat das Buch jede Menge zu bieten: Spannend sind die russlanddeutschen Mundarten zum Beispiel, weil sie zum Teil Ähnlichkeiten mit den vor hundert Jahren gesprochenen Dialekten in Deutschland aufweisen. Doch wie sich auch die Dialekte in Deutschland weiterentwickelt haben, so haben auch die russlanddeutschen Dialekte zahlreiche Veränderungen mitgemacht: „Die Dialekte in Deutschland wurden stark von der deutschen Hochsprache, aber auch vom Englischen beeinflusst“, erklärt Berend. „Die russlanddeutschen Dialekte dagegen haben sich teilweise untereinander gemischt und auch Kontakt zu den Umgebungssprachen wie Ukrainisch, Kasachisch, Kirgisisch und vor allem Russisch gehabt.“

So haben beispielsweise viele russlanddeutsche Dialekte die Bezeichnung für die typische russische Suppe борщ (Borschtsch) übernommen, die dann aber Boscht, Bascht, Bortsch, Borsch, Borscht oder Botscht genannt wurde. Berends russlanddeutsches Dialektbuch enthält auch einen Brief einer russlandpfälzischen Sprecherin, in dem lateinische und kyrillische Schriftzeichen gemischt werden. Trotzdem legt Berend Wert darauf, dass es sich bei den russlanddeutschen Dialekten nicht um echte Mischsprachen handelt: „Die Dialekte unterscheiden sich von ihrer Aussprache und Grammatik immer noch wie das Pfälzische oder Schwäbische in Deutschland. Es sind im Kern nach wie vor deutsche Dialekte“.

Der Einfluss der Geschichte

Russlanddeutsches Dialektbuch  Foto: © Projekte Verlag CorneliusAuch auf anderen Ebenen gewährt Berends Russlanddeutsches Dialektbuch spannende Einblicke: Im Kapitel zur Geschichte der russlanddeutschen Dialekte zeigt die Autorin eindringlich, welchen Einfluss historische Entwicklungen auf Sprache haben können. So führten beispielsweise Deportationen während des Zweiten Weltkrieges dazu, dass bis dahin relativ homogene Sprachinseln durchmischt wurden und die Sprecher zur gemeinsamen Kommunikation auf ein pfälzisch beziehungsweise fränkisch oder bairisch gefärbtes Hochdeutsch auswichen. Unterhaltsam sind Berends Beispiele dafür, wie die Sprecher der unterschiedlichen russlanddeutschen Dialekte übereinander sprachen: So wurden alle anderen Russlanddeutschen von den Sprechern des Russlandschwäbischen als „Russläntr“ bezeichnet, während das Russlandbairische aufgrund seiner Eigenarten als „sonderbar“ betrachtet wurde. Schließlich reißt Behrend auch an, wie sich die russlanddeutschen Dialekte der inzwischen rund Dreimillionen „Rückkehrer“ und ihrer Nachkommen hier in Deutschland weiterentwickeln.

Literatur:

Nina Berend:
Russlanddeutsches Dialektbuch. Die Herkunft, Entstehung und Vielfalt einer ehemals blühenden Sprachlandschaft weit außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachraums (Projekte Verlag Cornelius GmbH, Halle 2011)

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2013

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