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Umweltaktivismus als Lifestyle

© privatSagt man „Ökologie“ meint man meistens „Problem“. Möglicherweise gibt es keinen Ort auf dem Planeten, an dem das nicht so wäre. In Russland verfinstern sich überhaupt die Gesichter beim Wort Ökologie und man bemüht sich, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Die Mehrzahl zuckt nur mit den Schultern: Hoffnungslos. Die Regierung nimmt sich des Problems nicht an, die Initiativen einzelner Öko-Freaks sind ein Tropfen auf den heißen Stein…Tatjana Kargina lässt sich von einer solchen Haltung nicht einschüchtern. Die Co-Vorsitzende der grünen Bewegung Russlands ЭКА, Koordinatorin des Marathons „Mach es selbst“ und Direktorin der Entwicklung des Projekts Ecowiki ist sich sicher, dass die Situation geändert werden kann.

© privat

Tatjana, wie sind Sie zu diesem Lebensstil gekommen, wie hat ihr professionelles Interesse an der Ökologie angefangen?

Ich habe 10 Jahre in Irkutsk gelebt und im Studentenalter angefangen für den gemeinnützigen Fonds „Erneuerbarer sibirischer Boden“ zu arbeiten. Ein Kurs des Fonds war „Nachhaltige Entwicklung der Region“, im Rahmen dessen wir Seminare in ländlichen Gegenden begleiteten, den Tag des Baikal-Sees und andere Aktionen organisierten. Wir gaben alles für den Fonds und sammelten Altpapier für die Abfallverwertung, verwendeten Öko-Taschen und nur Mehrweggeschirr auf unseren Ausflügen.

Als ich nach Moskau kam, wurde ich gefragt, ob ich ein Programm für Lehrer zum Thema Ausbildung für die Zukunft leiten wolle, wofür ich mit meinen Freunden das Projekt Ecowiki gründete. Daraufhin hat man mich gefragt, ob ich nicht in der Bewegung ЭКА arbeiten wolle. Ich sehe mein Leben im untrennbaren Zusammenhang mit dem Öko-Aktivismus. Jetzt promoviere ich bei der Abteilung für Umwelt und Natur an der ökonomischen Fakultät der staatlichen Universität Moskau (MGU). „Grüne“ Wirtschaft ist die Wirtschaft der Zukunft, die Förderung des Verständnisses dafür in Russland interessiert mich sehr.

Heute gibt es bürgerliche Umweltinitiativen auf städtischer und föderaler Ebene in rauen Mengen. Wie bewerten Sie diesen Umstand?

In den letzten paar Jahren habe ich einen regelrechte Wachstumsexplosion verschiedener Öko-Initiativen beobachtet. Die Arbeit mit institutionalisierten, gemeinnützigen Organisationen – russischen und internationalen – hat eine große Anzahl neuer Initiativen hervorgebracht, tendenziell von unten nach oben. Sie werden von Leuten mit den unterschiedlichsten Berufen entwickelt, die nicht unmittelbar Zusammenhänge mit der Umweltthematik haben. So kommen sie mit Öko-Projekten in Berührung und entwickeln neue Visionen und Fähigkeiten. Viele von ihnen folgen einem nicht-trivialen Ansatz in Bezug auf das Öko-Thema und verwenden aktiv das Internet – meine Freunde zum Beispiel haben das erste Öko-Verlagshaus Grünes Buch eröffnet, mein Kumpel Roman Sablin, mit dem ich Ökoloft gegründet habe, hat das Buch Grüner Treiber herausgegeben, seine Einkünfte an den Verlag gespendet und Crowdfunding betrieben. Meine Freundin Lelja Schwirblis entwickelt eine Guerilla-Gardening-Community in Russland. Es erscheinen Online-Karten, Crowdsourcing-Instrumente und Handy-Apps zu Umwelt-Themen. Es ist gut, dass es viele solche Projekte gibt – das ist wie die Biodiversität in der Natur.

Neben dem Programm von ЭКА gibt es noch die Aufklärung Studierender, die Verteidigung des Rechts auf eine intakte ökologische Umwelt und kreative Aktionen… ich frage ja nicht, woher Sie diese Ideen nehmen. Aber wie steht es bezüglich der Finanzierung?

© privatEiner von unseren Hauptfinanzpartnern, die Firma Faberlik, finanziert, einen großen Teil des Programms der Bewegung Mehr Sauerstoff! für die Pflanzung von Bäumen und die Gründung von Pflanzenschulen. Viele Aktionen werden durch den Einsatz Freiwilliger realisiert, unsere jeweiligen Regionalleiter beziehen unabhängige Fonds in ihre Aktionen und Projekte ein. Wir erhalten einige kleinere Zuschüsse aus staatlichen Behörden, aber im Großen und Ganzen reicht die staatliche Förderung der Bürgerinitiativen in Russland nicht aus. Sie steht in keinem Verhältnis zur Größenordnung des Problems und der Anzahl der Initiativen, während die Transparenz bei der Verteilung dieser Fonds ziemlich zweifelhaft ist. Wir hoffen, dass das besser wird und sich die Kultur der Privatspenden weiter entwickelt.

Für die Leute, die sich schon für einen ökologischen Lebensstil entschieden haben, ist es nicht schwierig, irgendwie an Informationen heranzukommen, die einem in einfachen Schritten erklären, mit den Ressourcen des Planeten sparsam umzugehen. Aber wohin wenden sich diejenigen, die nur einen Teil ihrer eigenen Zeit der Öko-Bewegung widmen wollen?

Auf der Website der Bewegung ЭКА gibt es einen Button „Mitmachen!“. Die Leute füllen einen Fragebogen aus, geben ihre Region an, den Beruf, Interessen und die Menge der Zeit, die sie für das Öko-Projekt aufwenden können. Danach melden sich unsere Regionalleiter bei diesen Menschen und gehen gemeinsam mit ihnen Partizipationsmöglichkeiten durch. Falls jemand bereit ist, sich aktiv und verbindlich mit Öko-Projekten zu befassen, kann er selbst eine Gebiets- oder Regionalgruppe von ЭКА gründen und an der Umsetzung unseres Programms arbeiten. In der Rubrik „Mach’s wie wir“ sind Anleitungen, Layouts und Empfehlungen für die Organisation einfacher Aktionen veröffentlicht.

© Anna Nafijewa

Was denken Sie: Wird Mülltrennung irgendwann für unser Land ebenso selbstverständlich sein, wie für Europa?

Einerseits ist das unausweichlich, weil alle großen Städte auf das Problem von überfüllten Mülldeponien zusteuern. Für Moskau und die Moskauer Region nimmt das schon katastrophale Züge an. Wie man Mülltrennung unter Berücksichtigung unserer Mentalität organisiert, ob das nun zwei oder zehn Container sind, ist eine andere Frage. Der technologische Verwertungsprozess und das dazugehörige Geschäftsmodell in diesem kommen durch das „dunkelgraue“ Schema und die Korruption zum Erliegen. Der Öffentlichkeit und den progressiven Kräften der Wirtschaft ist es sehr wichtig, zusammenzuarbeiten, um Mülltrennung und –Verwertung in der ganzen Welt umzusetzen. Schon ich persönlich und viele meiner Freunde haben nicht ab dem ersten Jahr den Müll getrennt und die Müllverwertung aufgegeben, das ist realistisch.

Was sind Ihrer Ansicht nach die dringendsten ökologischen Probleme vor denen Russland zum heutigen Tage steht?

Das und die Zurückdrängung der Wälder, die Wasserverschmutzung, wilde Müllhalden und die Entsorgung der Hausabfälle und vieles mehr. Die Ursachen dieser Probleme sind die Schwächung der Umweltschutz-Gesetzgebung aufgrund der Rohstoff-Lobby, Korruption in den Organen der Staatsmacht, ein fehlender gesetzlicher Rahmen für gesellschaftliche Kontroll-Organe, der „Fluch der Rohstoffe“…[Anm. d. Übersetzers: gemeint ist hier, dass Russland als ein rohstoffreiches Land keine Notwendigkeit zum Ressourcensparen, hat um die ausreichende Versorgung sicher zu stellen]. Eine konstruktive Lösung sehen wir in der Aufklärung einer größerer Anzahl von Leuten über die Tragweite ihrer Entscheidungen auf allen Ebenen – vom Bewusstsein des Stellenwerts individueller Öko-Gewohnheiten bis hin zu öffentlichen Öko-Kontrollen und der Teilnahme an der Arbeit von Umweltschutzorganisationen.

Einheitliche Aktionstage, also die Aufmerksamkeitsgewinnung für diese oder andere ökologische Probleme in kreativer Form, klingen ja erst einmal ganz gut. Aber welche praktischen Ziele lassen sich so erreichen?

© privat Einheitliche Aktionstage wie auch einmalige Aktionen können Nährboden für regelmäßige, systematische Arbeit sein. Beispielsweise, die Jahresaktion Subbotka-Pereranotka, in deren Rahmen einmal im Monat Aktivisten Abfälle bei der Bevölkerung abgeholt haben, hat mehr als 2.000 Tonnen Müll eingebracht. Einzelne Aktivisten in den Regionen haben angefangen, regelmäßig Wertstoffe entgegenzunehmen. In Ischewsk, Nowosibirsk, Birsk (Baschkorstostan) haben unsere Aktivisten damit begonnen, Gefahrstoffe aus der Bevölkerung einzusammeln, spezielle Boxen an Schulen einzurichten oder Ökomobile einzusetzen. In Uljanowsk gibt es einen einheitlichen Fahrrad-Tag. Als dieser zum ersten Mal stattfand, wurden der Stadt einige hundert Fahrräder zur Unterstützung der Fahrradinfrastrukturen übergeben. Das hat sie dann dazu angespornt, die weitere Entwicklung voranzutreiben: In der Stadt sind immer mehr Fahrradstellplätze aufgetaucht, bei der letzten Fahrradparade hat der Gouverneur teilgenommen, der die Errichtung der ersten Fahrradwege angekündigt hat. Die Aktion Darmarka, in deren Zuge die Leute kostenlos Gegenstände und Dienstleistungen austauschen konnten, wurde überraschend populärer und findet nun regelmäßig statt: bei Leuten aus Russland ist mehr Bedarf an Nachbarschaft und Umgang miteinander. Das Ziel eines einheitlichen Aktionstags durch einfache Aktionen ist es, den Leuten die Möglichkeit zu bieten, aktiv etwas auszuprobieren, das im Öko-Bereich angesiedelt ist und das danach in systematische Arbeit zu überführen.

Was glauben Sie, wieso ist bis heute die Partei der Grünen nicht ins Russische Parlament eingezogen?

Ein Freund von mir sagt zum Spaß: Wenn bei uns erst einmal Politik stattfindet, dann fangen wir auch an, uns damit zu beschäftigen. Es ist ein breites politisches Problem, dass unabhängige Parteien nicht ins Parlament kommen. Es besteht ein gewaltiges Problem mit dem regelkonformen Ablauf der Wahlen. Ich orientiere mich an dem Weg, den die Europäischen Grünen seit ihrer Gründung gehen: Sie fingen von unten, bei den richtigen Problemen an und packten sie bei der Wurzel. Danach wurde diese Kraft politisch wahr- und ernstgenommen. Ich hoffe, dass Russland in Zukunft einen ähnlichen Weg geht, wenn die grundlegenden Initiativen an Stärke gewinnen.

Was braucht man, außer guten Absichten, um Öko-Aktivist zu werden?

Aufgeschlossenes Denken und Zuversicht, dass man es schaffen kann, in der Gegenwart schon so zu leben, wie die Leute in Zukunft leben sollten. Dazu Enthusiasmus und kontinuierliche Selbsterziehung. Die Bereitschaft zur sorgfältigen, täglichen Arbeit und die Fähigkeit, nicht in den Öko-Faschismus und Moralaposteltum zu verfallen.

An welchen ökologischen Aktionen und Marathons könnten Moskowiten denn noch teilnehmen?

Es gibt sehr viele, am besten verfolgt man das im Newsletter des Ecowiki, dort herrscht ein ununterbrochenes Sprudeln von Nachrichten und Annoncen. Als nächstes Aktionsziel haben wir die russlandweite Aktion „Tun wir‘s!-2013“, bei der die liebsten Freizeitort geplant wird. Die Annonce der Aktion in Moskau ist schnell auf der Wensite von ЭКА aufgetaucht. Am 22. September kann man den weltweiten Tag ohne Autos unterstützen und vom 16. bis 22. September wird für die Teilnehmer die Woche der erhöhten Mobilität beginnen.

Polina Mandrik

Übersetzung: Tobias Betzin
To4ka-Treff
August 2013

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