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Montagsdemos – Ein Erlebnisbericht

© Tim JungeblutSeit die Krise in der Ukraine immer dramatischere Formen annimmt, machen sich auch hierzulande viele Menschen Sorgen, dass der Frieden in Europa in Gefahr ist. To4ka-Treff hat eine Demo in Hamburg besucht und berichtet über die Stimmung auf der Veranstaltung.

Weltpolitik und Widerstand

Seit nunmehr Ende März demonstrieren in mittlerweile knapp 40 deutschen Städten Menschen bei Mahnwachen für den Frieden. Dort bringen sie ihre Missbilligung einer als eskalierend wahrgenommenen westlichen Ukraine-Politik zum Ausdruck, kritisieren die einseitige Berichterstattung der Mainstreammedien und das gesamte Weltfinanzsystem. Gerade letztgenannter Punkt ruft allerdings Erstaunen hervor: Was hat das Weltfinanzsystem und insbesondere die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) mit der Ukraine-Krise zu tun? Ist es sinnvoll, eine so simple wie einleuchtende Forderung wie die nach Frieden mit einer ambitionierten Kritik eines ultrahochkomplexen Gebiets wie dem Weltfinanzsystem zu verbinden? Oder verbirgt sich dahinter, wie Kritiker mutmaßen, rechtes Gedankengut? Ist die Fed vielleicht nur eine Chiffre für das „jüdische Finanzkapital“? Sind die Montagsdemos mithin antisemitisch?

© Tim Jungeblut

To4ka-Treff beschloss, diesen Fragen nachzugehen und sich auf der Demo am zentralen Hamburger Jungfernstieg umzuschauen. Bei meiner Ankunft herrscht noch eine peacige Atmosphäre. Ein langhaariger Hippie spricht über inneren Frieden, wie man mit seinen eigenen Konflikten umgehen sollte und wie man einen harmonischen Einfluss auf sein Umfeld ausübt. Doch da kommen auch schon die Gegendemonstranten. Mit dem schmetternden Tataa einer Blaskapelle („Bella Ciao“ – was sonst?) marschiert plötzlich die Linkspartei auf breiter Front der Mahnwache entgegen. Vorweg ein leuchtend rotes Banner, das Hartz IV verurteilt. Der Redner der Montagsdemo nimmt den Impuls sogleich auf, versichert, auch sie seien gegen Hartz IV, da das „unmenschlich“ sei und bemerkt schließlich, als seine verbale Umarmung ohne Resonanz bleibt, traurig, dass natürlich jeder seine eigene Meinung haben könne und sie hier ja bekanntlich alle „Neurechte“ seien.

© Tim Jungeblut

Nazi-Techtelmechtel?

Ob das wohl stimmt? Na, wo sind die Nazis? Ich blicke mich um und halte Ausschau. Ah, da ist ja schon der erste! Ein klobiger Mann mit Walrossgesicht hält kettenrauchend am Rande der Versammlung ein Schild in die Höhe, auf dem sinngemäß tatsächlich etwas wie „Hallo, ich bin ein Nazi!“ draufsteht. Neben ihm, in der Qualmwolke der Zigarette, klärt ein junger Mann einen anderen vehement über die Politik der „Blockparteien“ auf. Ich überlege, ob ich mich dazugesellen und nachfragen soll, verspüre aber einen gewissen Widerwillen. Stattdessen mische ich mich ins eigentliche Zentrum der Versammlung und höre den Reden zu. Da wiederum klingt alles sehr vernünftig, was erzählt wird. Bald geht man dazu über, eine Schweigeminute für die Opfer der Tragödie von Odessa zu halten, denen in den hiesigen Medien, da sie nun einmal für die „falsche Seite“ starben, wenig Aufmerksamkeit gezollt wurde.

Als nächster Programmpunkt steht ein Open-Mic an, bei dem jeder ans Mikrofon treten und seine Message abgeben kann. Auch die Organisatoren machen davon Gebrauch, ein Musiker aus der Goa-Szene und eine sympathische Punkerin. Trotzdem halte ich, auf einem Geländer sitzend, weiter Ausschau nach Nazis. Je hässlicher und je deutscher jemand aussieht, umso eher halte ich ihn für einen Nazi. Ich schließe von der Physiognomie auf das Wesen des Menschen und bin damit selber mehr oder weniger im dämonischen Denken der Nazis gefangen. Gleichzeitig steigt das Bedürfnis, die zweifellos vorhandenen Nazis zweifelsfrei zu identifizieren, ins Unermessliche an. Schon ertappe ich mich bei dem Gedanken, eine Kennzeichnungspflicht für bekennende Nazis einführen zu wollen, damit diese quälende Ungewissheit ein Ende hat. Vielleicht, so denke ich mir, ist die Idee zum „Judenstern“ damals aus einer ähnlichen Paranoia entstanden. Krass, wie schnell man, wenn auch unter umgekehrtem Vorzeichen, auf solche Gedanken kommen kann!
Auch in der allgemeinen Stimmung schwingen hinter der Friedensforderung noch andere Nuancen mit: So die Klarheit einer Orientierung am eigenen Willen (man ist als Volk ja schließlich souverän), als auch der dunkle Schatten der stillschweigenden Übereinkunft, in einem ersten Schritt offen für Verschwörungstheorien und in einem zweiten Schritt auch offen für explizit rechtes Denken zu sein.

© Tim Jungeblut

Vom Weltfrieden zur Weltformel

Nun ja, einer, der ans Open-Mic schreitet, will mit den Leuten ein Lied singen, dessen Sinn und Herkunft er ausführlich erklärt und dessen Text er, obschon nicht sonderlich kompliziert, verteilen lässt, damit wirklich jeder mitsingen kann, auch wenn er selber vielleicht noch nie etwas von diesem Lied gehört hat: Hewenu shalom alechem ...
Es klappt mehr schlecht als recht, doch gerade, bevor es wirklich herzöffnend wird und die Leute in Fahrt kommen, verliert der Vorsänger die Lust. Dann betritt der lang erwartete Hauptredner die Bühne. Ein vielleicht 25-jähriger Physikstudent, der das Weltfinanzsystem reformieren will. Bald schon jongliert er wie ein Börsenhai mit Zahlen und Prozenten und außer der nett gemeinten Absicht, dass er uns allen ein bedingungsloses Grundeinkommen schenken will, versteh ich nichts. Trotzdem klatsche ich mehr als nur höflich. Einfach, weil ich ein Faible für überspannte und weltfremde Ideen habe und es bewundernswert finde, diese ohne Rücksichtnahme auf die eigene Schamgrenze einem großen Publikum vorzustellen. Das erinnert mich immer an meine eigenen Lesungen aus meinem unvollendet gebliebenen Roman „Fragmente gescheiterter Romanversuche“. Doch als kurze Zeit später jemand die Sprache auf die Außerirdischen bringt, scheint mir, dass es an der Zeit ist, den Abflug zu machen.

© Tim Jungeblut
Tim Jungeblut, 33, Hamburg
Schriftsteller

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Juni 2014
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