Umwelt

Alle To4ka-Videos und Audios findet Ihr in der Mediathek!

Das Haus am See

Der Hauptverschmutzer des Baikalsees, eine Zellulose-Fabrik, wurde erst geschlossen und dann auf Initiative von Wladimir Putin wieder in Betrieb genommen. Heute versucht das vielgeplagte Werk, zu beweisen, dass es dringend modernisiert werden muss – während Umweltschützer für seine Schließung kämpfen. To4ka-Treff hat sich die Kräfteverteilung vor Ort genauer angesehen.

Zeit für eine Abrechnung


Vor gar nicht langer Zeit war der Baikalsee Thema auf der Sitzung einer zwischenbehördlichen Kommission, die sich mit Fragen rund um den Schutz des Gewässers auseinandersetzt. Unter Bezugnahme auf das föderale Programm zu dessen Schutz hatten die Beamten versprochen, die Ableitung von Abwasser in den Baikalsee bis zum Jahre 2020 um 70% einzudämmen. Ob die Regierung allerdings wirklich vorhat, das Zellulose-Werk zu schließen, ist noch unklar. Jurij Trutnjew, der Minister für Umweltressourcen, hat sich sowohl für eine Schließung als auch für die Umgestaltung des Werks ausgesprochen.

Zwischenzeitlich versucht das Zellulose- und Papierkombinat am Baikal (BZBK) mit allen Mitteln, wenn schon nicht das Wasser, dann doch wenigstens seinen Ruf zu retten. So hat zum Beispiel die Aktiengesellschaft „Zellulose- und Papierkombinat am Baikal“ von Februar an, als das Kombinat nach einem langen Stillstand wieder den Betrieb aufgenommen hatte, für Verstöße gegen die Abwasserordnung Strafen in Höhe von 12 Millionen Rubel gezahlt. Man könnte fast den Eindruck bekommen, dass sich auch das Werk selbst durch sein Erbe aus Sowjetzeiten und das Fehlen von Standards in Punkto Umweltschutz am Kombinat belästigt fühlt. Dazu kommt noch, dass das Zellulosewerk mittlerweile quasi bankrott ist. Von dem Geld, das es einmal eingebracht hatte, mussten bereits 250 Millionen Rubel für Schulden und Steuern gezahlt werden. Und weitere 150 Millionen fordert der ehemalige Eigentümer des Werks, Oleg Deripaska, zurück.

Übrigens sind, wie der Pressedienst des Werks bekannt gegeben hat, mittlerweile alle Bedingungen für die Durchführung einer Modernisierung geschaffen worden. Diese würde es erlauben, einen modernen Technikpark mit ökologisch sauberen Technologien einzurichten. Das Projekt wurde bereits von Spezialisten führender Institute aus dem Bereich der Zellulose- und Papierindustrie ausgearbeitet: Von „SIBGIPROBUM“ und „ZNIIB“. Insgesamt ist geplant, innerhalb von zwei Jahren 350 Millionen Rubel in die Entwicklung einer umweltfreundlichen Technologie zu investieren. Übrigens waren 2011 schon mehr als 50 Millionen Rubel in die Modernisierung der Zeche zur Weiterverwertung des Abwassers gesteckt worden.

Anstelle von Nutzholz: abgefülltes Baikal-Wasser

Um sich auf die Modernisierung vorzubereiten, waren die Mitarbeiter des russischen Werks nach Schweden geflogen, um dort an dem vom Pech verfolgten Werk „Domsjö Fabriker“ von der Erfahrung ihrer Kollegen zu profitieren. Dieses Kombinat in der Stadt Örnsköldsvik stellt gebleichte Viskose und Zellulose aus Zapfenbäumen her. In den 80ern hatte sich hier – genauso wie beim BZBK – dringend die Frage nach der Umweltverträglichkeit gestellt, da die Ausrüstung damals schon relativ veraltet war. Die Einwohner der Stadt und der Kommune hatten ihr Einverständnis für die Modernisierung des Unternehmens gegeben. Dabei waren sie von der Regierung und selbst von Umweltschützern unterstützt worden.

Für die Realisierung des Projekts waren, nach der Modernisierung seiner Produktion, einige Jahre ins Land gegangen. 1991 war dann das weltweit einzige Werk für Zellulose-Bleichtechnik ohne Verwendung von Chlor in einem geschlossenen Wasserkreislauf eröffnet worden. Unter höchstmöglichem Umweltschutz war es gelungen, nicht nur das Produktionsvolumen zu erhöhen, sondern auch das Angebotssortiment spürbar auszubauen. Über dem Unternehmen hängt heute die Losung: „Aus Holz kann man sehr viel machen“. Das Werk hatte seine Bereitschaft erklärt, mit dem BZBK zusammenzuarbeiten, und in nächster Zeit werden die schwedischen Kollegen für einen Gegenbesuch in Russland erwartet.

Aleksej Gontscharow, der leitende Direktor des Werks „SIBGIPROBUM“, hat berechnet, dass die Modernisierung des Unternehmens ungefähr 5 Milliarden Euro von russischen und ausländischen Investoren in Anspruch nehmen würde. Dabei könnte kann die Produktion praktisch ungefährlich machen – und die schädlichen Abfallprodukte in der Atmosphäre genauso wie die Abwasserausschüttung fast komplett einschränken. „Wir trennen uns von der Chlororganik und ersetzen sie durch eine neue Bleichtechnologie – die allermodernste, die es weltweit gibt“, so Gontscharow.

Als alternative Varianten für die Modernisierung des BZBK war auch die Gründung eines Unternehmens zur Abfüllung von Baikalwasser und zur Verarbeitung von Nutzholz vorgeschlagen worden.

Dem Spuk ein Ende bereiten

Auf der anderen Seite der Barrikaden stehen Umweltschützer, die genau wie früher fordern, konkrete Schritte in Richtung einer Schließung des Kombinats zu unternehmen. Marina Richwanowna, Vorsitzende der „Baikaler Umweltwelle“ und erklärte Gegnerin des Werks, ist überzeugt davon, dass hier „keine Umstrukturierung mehr helfen kann, und das Werk einfach geschlossen werden muss.“

Im Gebiet Irkutsk ist eine spezielle Arbeitsgruppe zusammengestellt worden, die mittlerweile eine Grundlage für die Liquidierung des BZBK ausgearbeitet hat. „Wir arbeiten gerade die Schließung des BZBK aus – unter Angabe von Etappen, Fristen, Volumen und Finanzierungsquellen. Der Entwicklungsplan der Stadt muss korrigiert, und das Ganze mit den bestehenden Regierungsprogrammen abgestimmt werden“, weiht uns Marina Richwanowna in ihre Pläne ein. „Hierfür müssen auch die Einwohner der Stadt mit eingebunden und beteiligt werden. Dadurch wird auch die Entwicklung von Tourismus und Naherholung frischen Schwung bekommen.“

Die Einstellung der Zelluloseherstellung könnte nach Informationen von Umweltschützern schon in diesem Jahr erreicht werden, doch noch hängt alles von den Beamten auf Regierungsebene ab. Richwanowna ist sich sicher, dass das Zellulose- und Papierkombinat am Baikal auch selbst daran interessiert sein könnte, das Schließungsprojekt zu unterstützen – wenn denn eine staatliche Finanzierung dafür bewilligt würde. Übrigens ist, nach Auskunft von Richwanowna, auch die Gebietsverwaltung dazu bereit, ihre Hilfe in Bezug auf die Lösung des Angestelltenproblems anzubieten, wenn auf föderaler Ebene die Entscheidung getroffen werden sollte, das Werk zu schließen.

Am 16. März ist die prekäre Frage um das Zellulose- und Papierkombinat am Baikal auf einem Treffen mit Dmitrij Medwedjew erörtert werden. Damals hatte Irina Maximowa, die Sekretärin des Baikal-Wissenschaftsrats an der sibirischen Abteilung der Akademie der Wissenschaften, während der Sitzung des präsidialen Rats der Russischen Föderation zur Entwicklung von Zivilgesellschaft und Menschenrechten, einen Appell vorgebracht. Sie hatte Medwedew Projekte vorgeschlagen, die man im industriellen Bereich des BZBK realisieren könnte, wobei das Werk selbst nach Karelien verlegt werden würde.

Vier Monate Bedenkzeit

Doch die Schließung des Kombinats ist nur die halbe Miete. Während des ersten Jahres seiner erneuten Inbetriebnahme hat das Kombinat derart viele schädliche Abfälle produziert, dass deren Verbrennung – nach Berechnungen des BZBK – etwa 45 Jahre in Anspruch nehmen würde. Das aber könnte die Umwelt am Baikal nachhaltig zerstören – denn bei der Verbrennung von Schlamm-Lignin in der Atmosphäre wird eine große Anzahl schädlicher Stoffe freigesetzt, darunter auch ein tödliches Gift: Dioxin. Die Gesamtmenge der bereits angesammelten Abfallstoffe beträgt schon heute 6,6 Millionen Tonnen Schlamm-Lignin und 2,2 Millionen Tonnen Asche.

Spezialisten haben ein Projekt zur Weiterverarbeitung von Ausschussprodukten vorgeschlagen, im Laufe dessen die Ligninspeicher mit feuchter Asche zugeschüttet würden, was es ermöglicht, eine ergiebige Bodenschicht daraus herzustellen. Dabei wird das Lignin sozusagen für bessere Zeiten „beigesetzt“. Die Kosten des Projekts belaufen sich auf etwa drei Milliarden Rubel.

Übrigens wird das Lignin im genannten schwedischen Werk ebenfalls nicht verbrannt, sondern aufgearbeitet – und daraus werden wiederum Baumaterialien hergestellt: Ziegel und Fliesen aus Keramik. Wie es bei uns weitergeht, ist bislang aber noch unklar.

Allerdings muss das Problem schon bald gelöst werden – denn schließlich läuft am 15. August 2012 die rechtliche Frist für die Nutzung des Baikal-Gewässers ab. Und das bedeutet, dass schon am Tag darauf die Ableitung von Abwasser in den tiefsten See der Welt ein Ende haben könnte.

Text und Fotos: Anna Andrijewskaja
Übersetzung: Anna Brixa

Copyright To4ka-Treff
Mai 2012
Links zum Thema

Facebook

To4ka-Treff bei Facebook

Newsletter „Neue Themen auf To4ka-Treff“

Anmelden und informiert bleiben!

Online-Magazin „Deutschland und Russland“

Aktuelle Themen aus Kultur und Zeitgeschehen

To4ka-Treff bei vkontakte

© Colourbox
Bist du schon in der To4ka-Treff-Gruppe? Schau mal vorbei!

to4ka-treff per RSS

Fresh, Free and Gorgeous RSS/Feed Icons
Immer am Ball: mit den neusten Artikeln von to4ka-treff.

YouTube

To4ka-Treff auf YouTube