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Thomas Melle: Sickster

Foto: Tim JungeblutFoto: Tim JungeblutWenn die Dreißiger beginnen und das Nachtleben nicht mehr Vergnügen sondern Flucht ist, wird der Hipster zum „Sickster“. Thomas Melle beschreibt in seinem gleichnamigen Roman das Schicksal derer, die den Absprung nicht schaffen.

Es ist es nicht so, dass die Protagonisten aus Thomas Melles Erstlingsroman Loser wären. Den Wechsel in die Berufswelt haben sie sehr wohl geschafft, mit Bravour sogar. Thorsten Kühnemund ist Manager bei einem Mineralölkonzern und geht schon auf die Vierzig zu. Seine mehr als zehn Jahre jüngere Freundin Laura, mit der er neuerdings in einem chicen Appartment in Berlin zusammenlebt, ist als Nachwuchsjuristin der Darling ihres Professors. Sympathieträger des Romans ist allerdings Magnus Laue, der nur noch müde seinem Traum, ein großes Drehbuch zu schreiben, nachhängt und sich stattdessen als Texter - „Worthure“, wie er es nennt - für eine Firmenzeitschrift verdingt: Die Werbezeitschrift eben jenes Mineralölkonzerns, für den auch Thorsten arbeitet.

Foto: Tim JungeblutThorsten ist dort für die Shopoptimierung zuständig: Wo stehen am besten die Energy-Drinks, die alkoholischen Getränke und das Mineralwasser? Wie viele Pizzen braucht es und wie sollten die Regale möglichst Umsatz fördernd platziert sein? Für Thorsten keine Frage: Flachmänner (Jägermeister, Berentzen, Kümmerling) bringt er am liebsten in der Innentasche seines Jackets unter. So kann er bequem auf der Büro-Toilette trinken und Longdrinks wie Wodka RedBull gibt es dann nachts im Club. Als sein Trinkgenosse ihn auf Laura anspricht, zieht er sich auf die Tanzfläche zurück, tanzt manisch unter einem Deckenstrahler, dessen Scheinwerferlicht ihn praktisch erleuchtet – und macht kurz darauf eine Popjournalistin klar, mit der er sich später eine „Fickbude“ in einem Ostberliner Plattenbau mietet.

Ein dreifacher Zusammenbruch

„Keks“, wie Thorsten Laura nennt, verfällt angesichts seiner Gefühlskälte und Sprachlosigkeit in immer tiefere Depressionen, kann sich aber nicht von ihm befreien. Bei einer Adelsparty bricht sie schließlich zusammen – doch Thorsten kümmert sich nicht um sie, sondern besäuft sich weiter. Als Laura sein Handy und damit seine SMS an die Popjournalistin findet, ist ihr Niedergang unvermeidbar: Sie beginnt, sich zu ritzen – und die Wunde alle zwei Tage wieder zu öffnen. Ihr Mund bleibt jedoch verschlossen: Weder ihrer Schwester, die frischverliebt mit ihrem Freund zu Besuch ist, mag sie sich anvertrauen, noch Thorsten zur Rede stellen. Ihr Tagebuch dokumentiert ihren fortschreitenden Verfall, während Thorsten sie routiniert weiter hart durchvögelt um die Fassade zu wahren.

Magnus ist da bedeutend sensibler. Doch als er an Weihnachten in seine und Thorstens gemeinsame Heimatstadt Bonn zurückkehrt, ist es mit seinen alten Freunden nicht mehr so, wie es immer war. Jonna, seine alte Jugendliebe, mit der er nie zusammen gewesen ist, die aber immer mit ihm das Spiel von Anziehung und Abstoßung gespielt hat, ist etwas erwachsener geworden ...

Foto: Tim JungeblutWas folgt, ist nicht nur die Geschichte eines Zusammenbruchs, sondern gleich dreier. Denn Magnus war sowieso schon geschädigt: Seit dem Abi plagt ihn ein Tinitus und auch seine sprachliche Wahrnehmung ist verschoben. So muss er sich Metaphern immer im buchstäblichen Sinn vorstellen – und das geht ihm unter die Haut. Später verbringt er seinen Urlaub im abgedunkelten Zimmer vorm Computer und manipuliert das Gästebuch einer Seite, auf der ein Mädchen namens Villa sich in ihrer Wohnung filmen lässt. Nachdem er eine Sex Story mit ihr fingiert hat, hagelt es empörte Kommentare anderer User, hinter denen Magnus im Delirium der Großstadthitze Doppeldeutigkeiten wittert. Wird nicht etwa er selbst beobachtet? Muss nicht jeden Moment der Vorhang aufgehen und die Überraschungsparty für ihn steigen?

Foto: Tim JungeblutAtemlos und in einem brillianten Sprachgewitter flieht Magnus in die Clubs und in die Straßen Berlins. Volltrunken wie Thorsten und neurotisch wie Laura. Jede Körperempfindung wird mit medizinischer Minutiösität beschrieben. Unerträglich qualvoll fließen die Worte wie der Eiter aus Lauras Wunde...

Das Glück der Destruktivität

Wenn man als Leser nicht gerade die Konsequenz, mit der die Protagonisten ihren Untergang zelebrieren, bewundert, ist man doch das ein oder andere Mal versucht, sie am Kragen packen und wachrütteln zu wollen. So geht das nicht! Ihr könnt doch nicht ernsthaft auf Adels- oder Burschenschaftspartys gehen und dann erwarten, glücklich zu sein! Und überhaupt: Wieso diese Destruktivität? Wieso vertraut niemand niemandem? Wenn wenigstens einmal so etwas wie Mut zur Herzlichkeit aufschimmern würde! Immer nur diese kalte diagnostische Beschreibung von Körperfunktionen. Magnus ist doch groß. Muss nicht so jemand ein Sinnsucher sein? Muss er nicht wenigstens einmal die Kraft und die Poesie des Lebens gespürt haben, auf dass er wenigstens über den plattesten Materialismus hinaus gekommen wäre?

Foto: Tim JungeblutAndererseits ist es nur plausibel, dass die ganze humanistische Bildung und alle Träume mit dem Eintritt ins Berufsleben wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. In dieser Perspektive verkörpert Magnus wohl den Prototypen dessen, der dem ambitionierten Traum vom Opus magnum zu lange nachhing und sich nicht mit seiner Niederlage abfinden konnte.

Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, überlässt es dem Leser, sich die Gefühlsebene vorzustellen. Gerade das macht den Roman wohl so quälend. In den Momenten aber, in denen die Alternativen zum Unglück vorgestellt werden, wenn über Lauras Psychotherapie und ihre Entspannungs-CD, über Magnus‘ Begegnung mit der Esoterik-Tante Rieke und über seine Mitbewohner in der „Links-Spießer WG“ gelästert wird, läuft der Roman zur Hochform auf. Der Leser wird zum Komplizen und kann wunderbar der eigenen Böswilligkeit und Destruktivität frönen, bevor am Ende alle Fäden in der Psychiatrie zum großen Finale zusammen laufen.

Thomas Melle: Sickster. Rowohlt 2011, 331 Seiten.

Tim Jungeblut, 32, Hamburg

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August 2012
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