Wolfs Welt der Bücher

Wolf liest Uwe Timm

© CC BY-SA 2.0 flickr / Wolf GangEnde der 90er Jahre in Deutschland. Viele Universitätsstädte erleben überraschend massiven Widerstand der Studenten gegen die geplanten Veränderungen im Bildungssystem. Unter anderem soll der bis dahin existierende Magister durch das Sprint-Format „Bachelor“ ersetzt werden. Diverse Hochschulen holen sich freiwillig Mitbestimmung durch die Wirtschaft in Form von Hochschulräten ins Haus. Und ganz allgemein geht es um Mittelkürzungen bei den sowieso notorisch unterfinanzierten Universitäten. 

Uwe Timm © Inge Zimmermann

Eine „Diskussion“ mit dem Kulturpolitiker

© By Holger.Ellgaard (Own work) [CC-BY-3.0 (www.creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia CommonsIch promovierte zu der Zeit in München. Damit betraf mich die ganze Bachelor-Diskussion zwar nicht, doch ich zog mit auf die Straße und bekam eine Ahnung davon, welche Macht eine gemeinsame Idee ausüben konnte. Fieberhaft gründeten wir Arbeitskreise für die verschiedenen logistischen und inhaltlichen Aufgaben des Uni-Streiks, so genannte AK’s, deren entschlossenster sich etwas prahlerisch AK 47 nannte und vehement dafür eintrat, das Universitätsgebäude einfach mit schweren Vorhängeschlössern unbetretbar zu machen. Kein Zugang zur Uni, keine Lehre. Und alle Studenten müssen mitmachen, auch die, die dagegen sind. So einfach stellte man sich das vor. Die kurze Zeit war tatsächlich eine Art Ausnahmezustand. Alles war dicht, außergewöhnlich. Man machte spontane Bekanntschaften mit Leuten, die man unter normalen Umständen nie kennen gelernt hätte. Man plante immer neue Aktionen, die der Öffentlichkeit das Anliegen vor Augen führen sollten. Und man tat Dinge, die man sonst nicht so ohne weiteres tat. Während einer Podiumsdiskussion mit einem Staatssekretär der bayerischen Landesregierung lärmte ich, ob er denn überhaupt kapiere, was er da einführen wolle oder doch eher so wenig Ahnung davon habe, wie von allem anderen. Und schob dann hinterher, dass ich mit selbst einem Bachelor hier wäre, in Slawistik immerhin, und trotzdem nicht mal Turgenjew oder Goncharow anständig gelesen hätte. So viel wert sei das, was er hier als große akademische Errungenschaft preise. Und wie er sich denn eigentlich die Studenten vorstelle, als kleine Röhrchen vielleicht, in die man einfach den Inhalt reinkippe, oder was? Ich redete, glaube ich, noch eine ganze Weile so weiter.

Heißer Sommer in Deutschland

© Deutscher Taschenbuch VerlagEin paar Wochen später, nachdem die Sache bereits verebbt und ohne Folgen geblieben war, stieß ich auf Uwe Timms Roman Heißer Sommer. Der Autor schildert darin die Studentenunruhen in Hamburg und München im Jahre 1968. Und nicht nur, weil mir diese beiden Städte selbst so gut bekannt waren, überkam mich bei der Lektüre Schwermut. Wie viel größer die Utopien und wie viel politischer der Anspruch damals doch waren. An einer Stelle sagt Ulrich, der Protagonist des Romans: „Ich hab versucht mir vorzustellen, wie das wäre, eine Welt, in der niemand gequält würde. Ein ruhiges, anhaltendes Glück wie in einem heißen Sommer, wenn man in einer Wiese liegt und über sich die Wolken ziehen sieht. Als ich älter wurde, habe ich nicht mehr daran denken mögen. Da war dann dieses Wort Kitsch dazwischen.“ Trotzdem, der Anspruch war da, anders als bei unseren Aktionen, die sich nur gegen ein paar allerdings fatale Verwaltungsmaßnahmen richteten. Heißer Sommer wurde zu einem absoluten Lieblingsbuch von mir.

… und vor den Toren Moskaus

© colourbox.comZeitsprung ins Jetzt. Auf einer Datscha vor den Toren Moskaus treffen wir einen Russen und seine deutsche Frau. Es stellt sich heraus, dass sie auch in München studiert hat. „Ich erinner mich an dich“, sagt sie plötzlich. „Du hast doch mal während des Streiks so rumgepoltert, auf der einen Veranstaltung da, mit dem Typ aus der Staatskanzlei.“ Ich nicke stumm. „Schade eigentlich, dass das so schnell versandet ist“, sagte sie. „Dabei hatten wir doch eigentlich recht.“ Ich nicke wieder. Eine Weile schweigen wir. „Kommt ihr mit auf nen Spaziergang? Wir können doch die Kinder alle in den Bollerwagen tun.“ Ich schüttele den Kopf. Erinnerungen überkommen mich, die mich schwermütig stimmen. „Ich kann grad nicht. Muss mich n bisschen ausruhen. Ich leg mich in die Wiese und schau mir die Wolken an.“
Wolf Iro

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Oktober 2011

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