Wolf liest Uwe Timm
Ende der 90er Jahre in Deutschland. Viele Universitätsstädte
erleben überraschend massiven Widerstand der Studenten gegen die geplanten
Veränderungen im Bildungssystem. Unter anderem soll der bis dahin existierende
Magister durch das Sprint-Format „Bachelor“ ersetzt werden. Diverse Hochschulen holen sich freiwillig Mitbestimmung durch
die Wirtschaft in Form von Hochschulräten ins Haus. Und ganz allgemein geht es
um Mittelkürzungen bei den sowieso notorisch unterfinanzierten Universitäten. 
Eine „Diskussion“ mit
dem Kulturpolitiker
Ich promovierte zu der Zeit in München. Damit betraf mich die ganze Bachelor-Diskussion zwar nicht, doch ich zog mit auf die Straße und bekam eine Ahnung davon, welche Macht eine gemeinsame Idee ausüben konnte. Fieberhaft gründeten wir Arbeitskreise für die verschiedenen logistischen und inhaltlichen Aufgaben des Uni-Streiks, so genannte
AK’s, deren entschlossenster sich etwas prahlerisch AK 47 nannte und vehement dafür eintrat, das Universitätsgebäude
einfach mit schweren Vorhängeschlössern unbetretbar zu machen. Kein Zugang zur
Uni, keine Lehre. Und alle Studenten müssen mitmachen, auch die, die dagegen
sind. So einfach stellte man sich das vor. Die kurze Zeit war tatsächlich eine
Art Ausnahmezustand. Alles war dicht, außergewöhnlich. Man machte spontane
Bekanntschaften mit Leuten, die man unter normalen Umständen nie kennen gelernt
hätte. Man plante immer neue Aktionen, die der Öffentlichkeit das Anliegen vor
Augen führen sollten. Und man tat Dinge, die man sonst nicht so ohne weiteres
tat. Während einer Podiumsdiskussion mit einem Staatssekretär der bayerischen
Landesregierung lärmte ich, ob er denn überhaupt kapiere, was er da einführen
wolle oder doch eher so wenig Ahnung davon habe, wie von allem anderen. Und schob
dann hinterher, dass ich mit selbst einem Bachelor hier wäre, in Slawistik immerhin,
und trotzdem nicht mal Turgenjew oder Goncharow anständig gelesen hätte. So
viel wert sei das, was er hier als große akademische Errungenschaft preise. Und
wie er sich denn eigentlich die Studenten vorstelle, als kleine Röhrchen
vielleicht, in die man einfach den Inhalt reinkippe, oder was? Ich redete,
glaube ich, noch eine ganze Weile so weiter.
Heißer Sommer in
Deutschland
Ein paar Wochen später, nachdem die Sache bereits verebbt und
ohne Folgen geblieben war, stieß ich auf Uwe Timms Roman Heißer Sommer. Der Autor schildert darin die Studentenunruhen in
Hamburg und München im Jahre 1968. Und nicht nur, weil mir diese beiden Städte
selbst so gut bekannt waren, überkam mich bei der Lektüre Schwermut. Wie viel
größer die Utopien und wie viel politischer der Anspruch damals doch waren. An
einer Stelle sagt Ulrich, der Protagonist des Romans: „Ich hab versucht mir
vorzustellen, wie das wäre, eine Welt, in der niemand gequält würde. Ein
ruhiges, anhaltendes Glück wie in einem heißen Sommer, wenn man in einer Wiese
liegt und über sich die Wolken ziehen sieht. Als ich älter wurde, habe ich
nicht mehr daran denken mögen. Da war dann dieses Wort Kitsch dazwischen.“ Trotzdem,
der Anspruch war da, anders als bei unseren Aktionen, die sich nur gegen ein
paar allerdings fatale Verwaltungsmaßnahmen richteten. Heißer Sommer wurde zu einem absoluten Lieblingsbuch von mir.
… und vor den Toren
Moskaus
Zeitsprung ins Jetzt. Auf einer Datscha vor den Toren
Moskaus treffen wir einen Russen und seine deutsche Frau. Es stellt sich
heraus, dass sie auch in München studiert hat. „Ich erinner mich an dich“, sagt
sie plötzlich. „Du hast doch mal während des Streiks so rumgepoltert, auf der
einen Veranstaltung da, mit dem Typ aus der Staatskanzlei.“ Ich nicke stumm.
„Schade eigentlich, dass das so schnell versandet ist“, sagte sie. „Dabei
hatten wir doch eigentlich recht.“ Ich nicke wieder. Eine Weile schweigen wir.
„Kommt ihr mit auf nen Spaziergang? Wir können doch die Kinder alle in den
Bollerwagen tun.“ Ich schüttele den Kopf. Erinnerungen überkommen mich, die
mich schwermütig stimmen. „Ich kann grad nicht. Muss mich n bisschen ausruhen.
Ich leg mich in die Wiese und schau mir die Wolken an.“
Wolf Iro
Copyright: To4ka-Treff
Oktober 2011
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Oktober 2011














