Wolf liest Hesse

In den letzten Jahren lässt sich überall eine obsessive öffentliche Beschäftigung mit Ranglisten jeder Art beobachten. Das ist sozialpsychologisch zu erklären. Wenn die allgemeine Unsicherheit steigt, steigt zugleich das Verlangen nach etwas, das Halt geben kann. Und Rankings, egal, wie sie zustande kommen, stehen dann mit ihrer Vorspiegelung von Ordnung hoch im Kurs. Was wird nicht alles gerankt – die Sauberkeit von Restaurants, der Reichtum einzelner Menschen, die Zufriedenheit ganzer Nationen…. Ranglisten von Büchern und Schriftstellern gibt es natürlich ebenfalls, und wenn sie dann auch noch Anspruch auf ewige Gültigkeit erheben, nennt man sie Kanon.
Literaturwissenschaftlich macht das alles natürlich keinen Sinn. Die Beispiele von wichtigen Autoren, welche zu Lebzeiten keinerlei Anerkennung erfuhren – und umgekehrt! – sind legendär. Kafka war bis zu seinem Tod weitgehend unbekannt. Wolfgang Koeppens große, Anfang der 60er Jahre geschriebene Romane wurden von der zeitgenössischen Kritik niedergemacht und erst mit Verspätung „entdeckt“. Paul Heyse hingegen bekam als erster deutscher Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur, ist heute jedoch zu Recht völlig vergessen. Ein Kanon (wie lautet eigentlich der Plural davon? - wahrscheinlich gibt es schon per definitionen keinen) sagt daher meistens sehr viel mehr über seine Urheber aus als über das, was er zu kanonisieren vorgibt. Und über die Zeit, in der er entstand. Genau da aber wird es interessant.
Der Kanon für jugendliche Intellektuelle
Als ich zur Schule ging, herrschte unter Unseresgleichen eine Art informelles Einverständnis darüber, was man zu verschiedenen Zeiten die lesen musste, wenn man als Denker durchgehen wollte. Dazu gehörten die Werke der Existenzialisten (Camus` Der Fremde und Die Pest, dazu fast alles von Sartre usw.), eine bestimmte Art von literarischer Gesellschaftskritik (Bölls Verlorene Ehre der Katharina Blum beispielsweise, oder auch die Bücher von Alfred Andersch) und schließlich das Nachdenken über den eigenen Weg ins Innere und in die Welt. Salingers Catcher in the Rye, klar, war ein Beispiel hierfür (in der RoRoRo-Ausgabe mit dem lila Rand), aber keiner beschrieb diesen Weg für uns besser als Hermann Hesse.
Herman Hesse – Aufstieg und Fall
Mit vierzehn war Hesse mein Held, und meinen Weggefährten ging es ebenso.
Unverbrüchlicher Ausdruck dieser Haltung ist bis heute ein Geschenk einer guten Freundin aus jener Zeit, nämlich Hesses Roman Siddharta, der mit einem weiteren Hesse-Zitat aus einem anderen Roman als Widmung geschmückt war: „Ich habe ein paar Mal die Meinung geäußert, jedes Volk und sogar jeder einzelne Mensch müsse, statt sich mit politischen Schuldfragen im Schlummer zu wiegen, bei sich selbst nachforschen, in wie weit er selbst durch Fehler, Versäumnisse und üble Gewohnheiten mit am Krieg und an anderem Weltelend schuldig sei, das sei der einzige Weg, um den nächsten Krieg vielleicht zu verhindern.“ So war das damals eben. Einmal Hesse reichte nicht, es gab gleich den doppelten Espresso.
Ein wenig später allerdings kühlte das innige Verhältnis dann schon wieder ab. In der Deutschstunde kam es zu tumultuösen Szenen; ich erinnere mich, dass ein Schüler aufsprang und die Aussagen des Lehrers zu Hesses Steppenwolf, vorbildlich an der Tafel festgehalten, kurzerhand abwischte. Insgesamt erschien Hesse uns nun zu esoterisch und anti-intellektuell, zu wenig abgebrüht. Wer sich zu Hesse bekannte, erntete nur ein spöttisches Lächeln. Nun hatte die Stunde der Existenzialisten geschlagen.
Nachgedanke
Seit dieser Zeit habe ich Hesses Bücher nicht mehr angerührt. Wenn ich ehrlich bin, bedaure ich das, denn ich bin mir sicher, dass ich heute wieder mehr mit ihm anfangen könnte. Was in jedem Fall bleibt, ist das Zeugnis einer konsequenten Suche des Autors nach dem Selbst. Und, Teufel, ist das nicht mehr als die Tinte, die so manche Autoren vergießen, um die eigene Leere zu bedecken?
Januar 2012
















