Menschen

Jelena Pogrebischskaja: Aufspringen und handeln!

Елена Короткова„Lena, Sie machen das echt super. Danke für alles, was Sie tun“ – solche Kommentare sind auf der Pinnwand von Jelena Pogrebischskaja keine Seltenheit. Nach der Jahrtausendwende trat sie ein paar Jahre lang mit ihrer Rock-Band „Butch“ auf; heute aber dreht die Preisträgerin diverser Film- und Fernsehauszeichnungen vor allem Dokumentarfilme über Menschen. Ihre Protagonisten sind dabei sehr unterschiedlich, und deren Geschichten – wie Jelena sagt – „vor allem durch einen ähnlichen Nervenkrieg verbunden – zum Beispiel durch den Kampf gegen eine Krankheit, mit der Regierung oder der Gleichgültigkeit ihrer Mitmenschen.“ Jelena ist davon überzeugt, dass sie die Welt durch ihre Arbeit ein kleines Stückchen besser macht. Dadurch, dass sie ihre Zuschauer zum Denken und Handeln anregt. Und manchmal ruft auch eine solche Zuschauerreaktion Veränderungen auf Regierungsniveau hervor. So war es etwa mit dem Film „Mama, ich bringe dich um“, der von dem Leben Heranwachsender auf einem Internat im Dorf Bolschoje Kolytschewo im Moskauer Gebiet erzählt. Über diese Geschichte, wie auch Überlegungen über ihren Weg zum Film und Neuigkeiten zu aktuellen Projekten berichtet Jelena für die LeserInnen von To4ka-Treff.

Jelena Pogrebischskaja; © Jelena Korotkowa

Der Weg zum Dokumentarfilm

Vor zehn Jahren hatte ich durch eine dumme und verantwortungslose Geschichte eine Nahtoderfahrung. Darauf folgten zwei Jahre der Dunkelheit – an die ich mich heute mit Bedauern erinnere. Doch damals keimten die ersten Fragen über das Leben, den Tod und den Sinn von alldem in mir auf. Und ich drehte den Film „Ich stehe trotzdem auf“ (über Irina Boguschewskaja, Swetlana Surganowa und Umka, die „Frauen des russischen Rocks“, Anm. d. Red.). Das war für mich ein Film über die Überwindung. Mit dem nächsten Projekt („Der Blutsverkäufer“) über den Schriftsteller Igor Aleksejew, einen mutigen Menschen, der einen Kampf am Rande des Möglichen führt, ist es mir gelungen, auf der Suche nach Antworten einen Schritt weiter zu kommen. Und danach gab es dann die Geschichte über „Dr. Lisa“ – wieder ein Film, der keine einfachen Fragen aufwirft…

„Mama, ich bringe dich um“

Meine Freundin Mascha hatte mich eines Tages eingeladen, gemeinsam mit ihr und anderen Freiwilligen in ein Kinderheim nach Kolytschewo zu fahren. Ich hatte damals gerade eine Pechsträhne im Leben, und Mascha schlug mir also vor, mich abzulenken und gleichzeitig eine gute Tat zu tun – nämlich für die Kids im Internat zu singen… wobei die Kinder selbst auch super im Chor gesungen haben. Die Freiwilligen, die man im Internat als „Sponsoren“ bezeichnete, wurden dort freundlich aufgenommen: denn sie bestanden aus Bankmitarbeitern und brachten den Kindern ständig irgendwelche Geschenke mit. Als ich zum ersten Mal mitfuhr, bestand die Freundschaft zwischen den Bänkern und dem Internat bereits seit einigen Jahren.

Nach und nach fiel mir auf, dass im Internat seltsame Dinge vor sich gingen. Von Zeit zu Zeit verschwanden die Kinder irgendwo hin – ohne dass es dafür wirklich überzeugende Begründungen gab. Es stellte sich heraus, dass sie zur Strafe in ein Irrenhaus geschickt werden, wo sie mit starken Präparaten ruhiggestellt werden, um den Erwachsenen nicht länger auf den Nerv zu fallen. Die Kinder aus diesem Heim wurden als geistig zurückgeblieben und entwicklungsverzögert bezeichnet – als Menschen, die dazu geboren waren, Maler, Arbeiter oder Näherinnen zu werden. Und ausschließlich diese Zukunft steht ihnen auch durch die Diagnose und das korrektive Schulprogramm, das genau für diese Berufe ausbildet, offen. All das war mit der Einschulung für sie entschieden worden. Warum aber wurde den Kindern das Recht genommen, etwas ganz anderes zu machen? Warum wurden sie allen anderen Menschen gegenüber isoliert, und warum konnten sie nie selbständig ihre eigenen Entscheidungen treffen?

Was tun?

Ich hatte immer mehr das Bedürfnis, mich mit dieser Sache zu beschäftigen. Ein Jahr lang habe ich den Film über die Kinder dort gedreht, und noch einmal so lang das Material geschnitten und alles überspielt. Unter den Leuten, die meine Idee finanziell unterstützten, war auch ein Wohltätigkeitsfonds, durch den die DVD mit dem fertigen Film in die Hände der Schauspielerin und Kinderschützerin Tschulpan Chamatowa geriet. Nachdem sie den Film gesehen hatte, bekam auch sie das heftige Bedürfnis, in dieser Sache etwas zu unternehmen. Sie setzte sich also mit Olga Golodjez, der Vize-Premierministerin für soziale Fragen, in Verbindung und gab die DVD an diese weiter. Die Vize-Premierministerin sah sich den Film also an. Das war am Donnerstag. Am darauffolgenden Montag rief mich der Leiter des Internats an. Ich war überrascht, denn wir hatten ein Jahr lang keinen Kontakt mehr gehabt. Er hatte den Film mittlerweile auch gesehen – und war, vorsichtig ausgedrückt, nicht sonderlich erfreut.

Jelena Pogrebischskaja; © Jelena Korotkowa

Ich beschloss also, herauszufinden, was hier eigentlich mit meinem Film vor sich geht – und fuhr mit Vertretern dieser Wohltätigkeitsorganisation ins Weiße Haus. Im Empfangszimmer von Olga Golodjez war ein großer Fernseher aufgestellt. „Setzen Sie sich“, sagte sie zu den anderen Ministern, „denn alle müssen diesen Film gesehen haben. Oder ziehen Sie ihn sich auf Ihre I-Pads – ich überprüfe das. Das sind ja mittelalterliche Zustände – die Kinder zur Strafe in die Psychiatrie zu schicken!“ – aus ihrer Stimme war eine deutliche Empörung herauszuhören. Ich tauschte mit den anderen erstaunte Blicke aus. Hatte sie denn wirklich nichts davon gewusst..? „Man muss doch trennen zwischen einer erzieherischen Verwahrlosung und psychiatrischen Diagnosen“, fuhr Golodjez fort. „Der Saschka aus dem Film zum Beispiel – das ist doch ein gescheiter Junge! Er hat da eben offensichtlich einiges nachzuholen – schließlich sagt er im Film ja selbst, dass seine Mutter getrunken und sich nicht um ihn gekümmert hat. Und außerdem“ – das sagte die Vize-Premierministerin nun sehr entschlossen – „muss man junge, durch das System noch unverdorbene Spezialisten für die Arbeit mit diesen Kindern gewinnen. Übrigens fahre ich da am Samstag hin, in euer Internat…“

Und wer ist schuld?

Die Kinder aus dem Internat riefen mich und die anderen Freiwilligen hektisch an. Nachdem Leute aus den Leitungspositionen den Film gesehen hatten, setzten nämlich Kommissionen das Kinderheim mit Besuchen unter Druck. Die Erzieher nahmen den Kindern die teuren Geschenke und die Kosmetik wieder weg. Zweimal pro Tag mussten die Kinder außerdem den Flur schrubben. Es schien so, als würde im Internat nun eine sterile Sauberkeit eingeführt – und alle Freiheiten liquidiert, die mit den Sponsoren in Verbindung gebracht wurden. Es gingen Gerüchte um, dass das Internat geschlossen und der Direktor entlassen werden würde.
„Wer hat uns das nur alles eingebrockt?“, fragte mich Ljocha, ein Junge aus dem Internat, am Telefon – und es war klar, dass er damit mich meinte.
„Ljocha, was soll das – glaubst du ernsthaft, dass ich einfach so, mit einer Handbewegung, eine Kommission zu euch schicke und außerdem noch den Befehl gebe, euch die Computer wegzunehmen?“
„Ok, hör zu. Komm´ aber mal trotzdem lieber nicht her.“ Er atmete schwer. „Die Erzieher sagen, dass ihr einen Film darüber gedreht habt, wie schlimm hier die Kinder sind, und dass man uns deswegen jetzt so quält.“
„Das ist nicht wahr, Ljocha.“
„Ja, das weiß ich. Aber die anderen glauben es ihnen.“

Selbst wusste ich auch nicht recht, ob es nun gut oder schlecht war, dass der Film der Regierung so direkt in die Hände gefallen war. Einerseits erreichte unsere Botschaft auf diesem Wege genau diejenigen, die wirklich etwas an der Situation ändern konnten. Gleichzeitig war mein Team der Meinung, dass die Beamten diese Aufgabe nur nach dem altbekannten System angehen würden – also in diesem einen Internat die Sache in Ordnung bringen, das als Endergebnis festhalten und dabei das Problem im ganzen Land weiterhin ignorieren. Auch sagte mir Vize-Premierministerin Golodjez, dass sie als Regierungsbeamte ständig nur kritisiert würden und dass sich immer jemand fände, der sich freue, selbst bei guten Projekten den ersten Stein zu werfen. Und dass sie in der Regierung auch für Reformen seien.

Nach der Zeit, in der der Film herausgekommen war und der Aufruhr im Weißen Haus begonnen hatte, war ein halbes Jahr vergangen. In Kolytschewo hatten sich alle möglichen Beamten blicken lassen, der Gouverneur war sogar mit einem Hubschrauber mitten auf dem Kinderspielplatz gelandet, und Olga Golodjez mit ihren Ministern persönlich vorbeigekommen. Alle Kinder wurden untersucht, und man überzeugte sich davon, dass sie alle ohne Ausnahme unter einer geistigen Entwicklungsverzögerung leiden. Ein Amtsmissbrauch wurde jedoch nicht festgestellt, wobei die Strafmaßnahmen, die Kinder in einer Psychiatrie unterzubringen, durch Golodjez verboten wurden. Der Heimleiter kündigte. Und es sollen sogar Regierungsmaßnahmen in Planung sein, nach denen alle Kinderheime reformiert und von dem, was sie jahrelang waren – Kinder-Aufbewahrungsanstalten nämlich – zu Wohnungen umstrukturiert werden sollen, in denen die Kinder leben können, bis sie von einer Familie adoptiert werden. Meine Berliner Freunde gaben meinen Film außerdem an den EU-Abgeordneten Werner Schulz weiter und organisierten mit dessen Hilfe eine Vorführung für deutsches Publikum. Etwas später lief der Film dann im ZDF.

Und warum das Ganze? Privates und Berufliches

Während der Arbeit an meinen Projekten ist mir bewusst geworden, dass meine blöden Ängste gar nicht so wichtig sind. Außerdem stellte ich fest, dass das Leben kurz ist, und dass man es besser nicht mit irgendwelchem Scheiß verplempert. Man sollte ganz im Gegenteil versuchen, wirklich etwas zu erreichen. Meine Protagonisten haben mir beigebracht, nicht einfach nur auf meinen vier Buchstaben herumzusitzen, sondern aufzuspringen und etwas zu tun. Ich versuche, die Dinge zum Positiven zu wenden. Ziemlich häufig nehme ich zum Beispiel Straßenhunde und -Katzen mit nach Hause und versuche, sie weiter zu vermitteln. Und meine Filme mache ich aus dem gleichen Grund.

Jelena Pogrebischskaja; © Jelena Korotkowa

Ich bin Dokumentarfilmerin – also Journalistin und Filmregisseurin in einem. Selbstverständlich zeigen die Filme, die ich drehe, meine ganz subjektive Sicht auf die Welt. Meistens steckt auch ziemlich viel Text von mir selbst darin. Eine Autorenintention ist also in jedem Fall vorhanden. Einen emotionalen Pathos klammere ich dabei bewusst nicht aus, aber was den Stil angeht – da versuche ich, neutral zu bleiben. Die Fakten aus meinen Filmen haben auch ohne eine zusätzliche Überspannung eine starke Wirkung auf den Zuschauer. Wenn ich das noch zusätzlich betonen würde, würde mir das Publikum das Ganze nicht mehr abnehmen. Ich schaffe es einfach nicht, mich emotional zu distanzieren, und die Sachen machen mir im Nachhinein immer noch lange zu schaffen. Manchmal gehe ich mit so etwas auch zum Psychotherapeuten.

Meine Mission ist es, den Leuten mithilfe des Filmes das zu zeigen, was ich sehe – und dann können sie selbst damit etwas machen. Übrigens läuft es dann meistens auch genauso ab. Die Zuschauer lassen sich das Ganze durch den Kopf gehen – und dann kommen sie zum Beispiel als Freiwillige zu Doktor Lisa, nehmen Waisen aus dem Kinderheim bei sich auf oder ändern sogar Gesetze, wie Vize-Premierministerin Golodjez.

Aktuelle Crowdfunding-Projekte

Der Film „Waska“ ist bereits in der Schlussphase. Gestern haben wir unsere Protagonisten dabei aufgenommen, wie sie von ihren Flitterwochen zurückgekommen sind. Ich schreibe jetzt das Drehbuch und mache mich dann an den Schnitt. Bei „Die Sache mit Andrejewa“ haben wir gerade erst angefangen (Jelena gibt bis zum Abschluss der Dreharbeiten keine Auskunft über den Inhalt, Anm. der Red.). Für die Filmarbeiten ist sehr viel mehr als die zuerst anvisierte Summe zusammengekommen, womit wir den Schaden begleichen konnten, den vertragsgemäß Tatjana hätte bezahlen müssen – etwas mehr als 800.000 Rubel. Die Anwälte sagen, dass das ein schlagkräftiges Argument für ihre vorläufige Entlassung unter bestimmten Auflagen sein könnte…
Polina Mandrik
Übersetzung: Anna Brixa

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Oktober 2014
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