Menschen

Ein Schauspiel im Klassenzimmer

Foto: Thomas KunzStephan Weiland, deutscher Theaterregisseur, geht gerne Experimente ein. Nach dem Germanistikstudium in Freiburg hat er angefangen, Theater zu machen. Und zog ein paar Jahre später nach Berlin, um sich weiter zu entwickeln. Dort hat Weiland Shakespeares „Der Sturm“ aufgeführt. Die Darsteller waren zum Teil professionelle Schauspieler, zum Teil Amateure – Weilands Nachbarn. Ein anderes Experiment fand im Jahr 2010 in Russland statt: mit einer russischen Schauspielerin hat Weiland in Rostow am Don ein Stück einer modernen britischen Autorin aufgeführt. „Warum trägt John Lennon einen Rock“, das nicht für die Theaterbühne, sondern für kleinere Räumlichkeiten wie etwa Klassenzimmer geschrieben wurde.  Im Mai 2011 wurde das Bühnenspiel während des High Fest-Festivals in Jerewan prämiert. Es folgten Einladungen nach Moskau zum Festival für Kinder- und Jugendtheater Gawrosch und nach London zu den Festspielen Face to face für Ein-Mann-Theater. Im Interview erzählt Stephan Weiland über die Emanzipation, über seine Arbeit mit einer russischen Schauspielerin und dass Theater und Schule sehr viel Gemeinsames haben.

Foto: Irina Woropaewa

Wie kam es dazu, dass Sie in Russland mit einer russischen Schauspielerin ein Stück einer modernen britischen Autorin aufgeführt haben?

Ich hatte das Stück Warum trägt John Lennon einen Rock von Claire Dowie mit einer Schauspielerin des Theaters im Marienbad in Freiburg inszeniert. Die Schauspielerin, Nadine Werner, hatte sich bereits sehr lange mit dem Stück beschäftigt und schon viel an der Figur gerarbeitet. Es ergab sich, dass das Stück, das als Vorstellung in einem Klassenzimmer in der Schule konzipiert ist, auf dem Festival für Kinder- und Jugendtheater Schöne Aussicht in Stuttgart gezeigt wurde. Olga Kalaschnikowa (Rostower Schauspielerin und Produzentin – Anm. d. Autors) war als internationale Beobachterin zu diesem Festival eingeladen und schlug spontan vor, das Stück auch in Russland zu inszenieren. Das Stück erzählt in einem Monolog von der schwierigen und teilweise sehr schmerzhaften Rollenfindung einer jungen Frau, die sich nicht dem gängigen Schönheits- und Rollenmuster unterwerfen will und zeigt auf sehr spielerische Weise das Heranwachsen eines verunsicherten Mädchens zu einer selbstbewussten Frau. Olga Kalaschnikowa hat den hohen aktuellen Wert dieser Geschichte für junge russische Frauen erkannt.

Erzählen Sie über diese Erfahrung. Wie war es für Sie?

Foto: Nete MannIch spreche kein Russisch. Das war natürlich eine sehr große Herausforderung, sich in der Arbeit ganz auf die Mittel des Theaters zu verlassen, also das Spiel, den Charakter, die Rollen, in die die Schauspielerin schlüpft. Aus der konzentrierten Arbeit erwächst eine große positive Erfahrung, eine sehr wertvolle Auseinandersetzung mit dem Fremden. Darüber bin ich sehr froh.
 
Was war am schwierigsten bei der Arbeit mit einer russischen Schauspielerin?


Wir haben viel gesprochen, über Frauenbilder, Berufsmöglichkeiten von Frauen, Unterschiede zwischen westlich europäischen Sozialisationen zu der Situation, in der russische Frauen leben. Es war ein wichtiger Teil der Arbeit, darüber ein gegenseitiges Verständnis zu erreichen. Dank der Übersetzerinnen und Übersetzer, Studenten der Universität, war es kein Problem, sich zu verständigen. Julja Kobez ist eine wunderbare vielseitige Schauspielerin, die sich der Herausforderung sehr mutig gestellt hat. Daher kann ich von keinen Schwierigkeiten berichten, nur von Bereicherungen!
 
Sie haben an dem Stück Warum trägt John Lennon einen Rock nicht nur als Regisseur, sondern auch als Dramaturg gearbeitet. Worin unterscheiden sich jeweils die deutsche und die russische Version des Stückes von der britischen und woran liegt es?

Foto: Anna PrytkowaFür die deutsche Version haben wir viel aus der englischen Originalfassung gekürzt. Ein Teil des Stückes setzte sich sehr spezifisch mit der westeuropäischen Frauenbewegung der 1970er-Jahre auseinander. Das ist auch ein biografisches Thema der Autorin, die das Stück selbst gespielt hat. Diese Form der Frauenbewegung gab es in Russland nicht. Uns hat mehr die innere Auseinandersetzung interessiert, sich keinen Klischees unterwerfen zu müssen. Das ist das zeitlose und übertragbare Thema. Erwartungen an Geschlechterrollen entstehen immer wieder neu. Ob Frauenbewegung in Westeuropa oder sozialistische Revolution und Gesellschaft in Russland, die ja auch eine bestimmt Form der Emanzipation (wenn auch auf halbem Weg stehengeblieben) mit sich brachte. Der Kern der Auseinandersetzung ist innerhalb der gesellschaftlichen Normen vor allem ein individueller Kampf, den junge Frauen und auch Männer sehr individuell erleben.

Das Stück wurde nicht für das Theater gedacht, sondern für kleinere Räumlichkeiten wie Klassenzimmer. Wo sehen Sie die Vorteile und die Schwierigkeiten solcher Stücke?

 
Foto: Anna PrytkowaIch denke, Schule als Institution hat etwas theatralisches, eine bestimmte Ordnung. Jugendliche probieren sich in Rollenspielen aus. Eine Klassenzimmer-Inszenierung unterbricht den gewohnten schulischen Alltag, das macht ihn gleichzeitig erfahrbar. Das Andere, Neue verdeutlicht das Vertraute. Kunst, und Kunst ist es, sollte etwas Irritierendes haben, das einen neuen Blick ermöglicht. Das ist ein Aspekt. Fast wichtiger scheint mir der Aspekt, dass diese Form des Theaters sich in unmittelbarer Nähe zum Publikum, den Schülerinnen und Schülern, ereignet. Es gibt keine Bühne, keinen Raum, in den sich die Schauspielerin „zurückziehen“ kann. Ihre eigene Präsenz ist  immer vorhanden, und das zieht die Zuschauer in eine größere innere Beteiligung. Klassenzimmertheater passiert an deinem täglich vertrauten Ort, der aufgeladen ist mit Ängsten, Noten, Freundschaften, Albereien, Strenge, Lernen, eben allem, was Schule bestimmt.  Man erreicht junge Menschen, die vielleicht nie ins Theater gehen. Für den Moment von einer Stunde wird die Wirklichkeit eine Bühne. Das vermittelt die Lebendigkeit von Theater. Theater muss sich immer wieder aus seinem Schutzraum, dem Theatergebäude lösen, in die Welt gehen. Natürlich sind die Möglichkeiten in einem Klassenraum beschränkt, es gibt zum Beispiel kein Theaterlicht, keine Szene, et cetera. In den Mittelpunkt wird dafür die Schauspielerin gerückt, deren Verwandlungen wir  unmittelbar erleben können.

Interview: Anastassija Filimonowa

Copyright: To4ka Treff
März 2012

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