Beruf: Künstler

Shira Wachsmanns "Poetiken des Politischen"

Seit sieben Jahren lebt Shira Wachsmann in Berlin, geboren wurde sie in Tel Aviv. In ihrer Ausstellung „Poetiken des Politischen“ geht es um die Frage nach dem „zu Hause“, um Auslöschung und Abgrenzung. Im Interview mit To4ka-Treff gibt uns die 29-Jährige einen intimen Einblick in ihre Gedankenwelt.

© Shira Wachsmann

Shira, du wurdest in Israel geboren, lebst aber heute in Deutschland. Welchen Einfluss hat deine Kindheit auf deine Kunst?

Meine Kindheit ist sehr bedeutend für meine Kunst, ich beschäftige mich viel mit Ideen aus dieser Zeit und der Denkweise mit der ich aufgewachsen bin. Die Welt aus der ich komme, betrachte ich heute mit zeitlicher und physischer Distanz, ganz anders als früher.

Wie definierst du „Heimat“?

Es ist ein sehr komplexer Begriff. Auf der einen Seite ist es ein mir bekannter Ort, die Gegend in der ich aufgewachsen bin. Kultur und Sprache, Familie, der erste Kreis, dem ich angehörte. Andererseits wurde meine Heimat auf Gebieten Anderer aufgebaut, ist direkt verbunden mit Überresten von Häusern, Gärten und Erinnerungen von Menschen, die früher dort lebten, Palästinensern. Bis heute kämpfen sie um die Möglichkeit, diesen Ort als den ihren zu definieren. Das „Heimatland Israel“ ist ein politisches Konzept, das den Interessen Israels dient. Mich stört, wie „Heimat“ dort dargestellt wird. Für mich hat Heimat eine vielschichtige Bedeutung. Das habe ich aber erst spät erkannt, nachdem ich Israel verlassen habe.

Hast du schon immer mit Materialien aus der Natur gearbeitet? Warum nutzt du diese?

© Shira Wachsmann Ich bin in der Natur aufgewachsen und nehme an, dass sie einen Einfluss auf mich und meine Kunst hat, aber ich benutze nicht ausschließlich Naturprodukte. Normalerweise benutze ich bestimmte Materialien, weil der Mensch ihnen eine gewisse Bedeutung gegeben hat. Ich arbeite diese Bedeutung in meine Werke ein.

Israel wird traditionsgemäß als „Terra Sancta“, „heiliges Land“, bezeichnet. Finden sich Anspielungen auf religiöse Themen in deiner Kunst wieder?

Ich benutze die Religion als solche nicht in meiner Kunst. Manchmal benutze ich bekannte Ideen und Geschichten, mit dem Versuch, das zu sagen, was ich ausdrücken will.

Wie kommen deine Ideen zu dir? Woher weißt du, was von deinen Einfällen realisierbar ist und was nicht?

In manchen Fällen ist mir ganz klar, was ich sagen will und ich habe ein genaues Bild davon, wie es aussehen soll. Dann fange ich an, die Idee auszuführen. Oft kreiere ich sie durch Erforschung meines Inneren und den ständigen Dialog mit mir selbst. Politische und gesellschaftliche Themen und die Realität des Lebens inspirieren mich.

© Shira Wachsmann Ich habe viele Ideen, die ich noch nicht ausgeführt habe, da ich das Budget zu ihrer Anfertigung nicht habe oder die Zeit sie herzustellen noch nicht gekommen ist. Dauernd habe ich neue Ideen, ein Teil wird ganz sicher entstehen und ein anderer wohl nur auf dem Papier bleiben.

Wie finanzierst du deine Projekte? Kannst du von deiner Kunst leben?

Meine tagtäglichen Erzeugnisse finanziere ich selbst. Für meine größeren Projekte erhalte ich oft Unterstützung. Es gibt Perioden, in denen ich gut von meiner Kunst leben kann und andere, in denen ich von Gelegenheitsarbeiten lebe. In letzter Zeit filme ich, helfe anderen Künstlern mit ihren Projekten.

Deine letzte Ausstellung „Poetiken des Politischen“, konnten wir im Frühjahr in der Galerie Espace Surplus in Berlin besuchen. Der Kreis ist zentrales Thema des Projektes. Welche Bedeutung hat er?

© Shira Wachsmann Der Kreis definiert, wer innen und außen ist. Er kann ein Gefühl der Gleichheit vermitteln. Wenn eine Gruppe von Leuten im Kreis sitzt, sind alle gleich, keiner steht im Mittelpunkt. Aber der Kreis ist auch ein konstanter Aufbau von Grenzen und Zugehörigkeit, er umkreist das Zentrum und intensiviert es (egal ob es sich um eine Idee oder etwas Materielles handelt). Der Kreis hat keinen Anfang und kein Ende. Er steht für unbefristete Kontinuität, die Ewigkeit.

Wie sieht das konkret in deiner Ausstellung aus?

Seit einiger Zeit arbeite ich mit der Idee des Kreises als kulturelles Symbol, das uns hilft, Grenzen zu setzen.

Angefangen habe ich mit einer alten Landkarte, die 1924 vom Britischen Mandat veröffentlicht wurde. Dieselbe Karte wurde in den 50er Jahren von der israelischen Regierung umgeschrieben: Israelische Siedlungen wurden mit einem Kreis gekennzeichnet und palästinensische Dörfer mit der in Klammern gesetzten Markierung "zerstört" beschriftet. Es ist erstaunlich, wie subtil eine Regierung die Gedanken ihrer Bevölkerung lenkt. Karten dienen vordergründig der Markierung von Territorien und ihrer Grenzen. Sie zeigen aber auch die Perspektive derer, die sie angefertigt haben. Daher ist es kein Zufall, das vertraute, universale Symbole wie Kreis und Klammern verwendet wurden.

© Shira WachsmannDer schwebende Kohle-Kreis führt die Idee der Landkarte weiter, bringt sie in eine neue Dimension. Dieser Ring schafft klare Grenzen im Raum, die der Betrachter direkt spürt. Das Schweben schafft eine mystische Atmosphäre, die Kohle erinnert an ein Lagerfeuer. Wir assoziieren Mythen, Geschichten, geheimnisvolle Stämme mit ihren eigenen Ideologien, die sie von anderen Gruppen abgrenzt. Jede Gemeinschaft ist ein eigener geschlossener Kreis, in dem sich Menschen um bestimmte Ideen sammeln und das Gefühl haben, zu etwas Größerem zu gehören. Gleichzeitig grenzen sie sich von allen anderen ab.

Seitdem ich 2006 nach Berlin gezogen bin, lebe ich immer außerhalb des lokalen Kreises. Ich bin fremd in einer neuen Kultur, wähle meinen Standpunkt.
Olga Sokolowa, 24, Berlin
Übersetzung: Jennifer Krüger

Copyright: To4ka-Treff
Juni 2013

Links zum Thema

Facebook

To4ka-Treff bei Facebook

To4ka-Treff bei vkontakte

© Colourbox
Bist du schon in der To4ka-Treff-Gruppe? Schau mal vorbei!

Newsletter „Neue Themen auf To4ka-Treff“

Anmelden und informiert bleiben!

Online-Magazin „Deutschland und Russland“

Aktuelle Themen aus Kultur und Zeitgeschehen

Sport und Deutsch

Sport und Deutsch - © Goethe-Institut
Lerne deutsche Sportstars wie Magdalena Neuner und Sebastian Vettel kennen – oder erzähle uns selbst von deinem Lieblingssport.

to4ka-treff per RSS

Fresh, Free and Gorgeous RSS/Feed Icons
Immer am Ball: mit den neusten Artikeln von to4ka-treff.

Wolfs Welt der Bücher

Leiter der Prog-
rammabteilung am Goethe Institut Moskau schreibt über seine Lieblingsbücher

YouTube

To4ka-Treff auf YouTube