Beruf: Künstler

„Abgesehen davon war mein Traumberuf Vagabund.“

Anne Duk Hee Jordan wurde in Korea geboren und ist in der Pfalz aufgewachsen. Sie arbeitete als Ergotherapeutin in der Schweiz, als Rettungstaucherin, als Köchin und wurde zu guter Letzt Künstlerin. Im Juli fand ihre Vernissage in der Berliner Galerie „Cubus-m“ statt und im November nimmt sie an der Ausstellung „Dossier №0“ zusammen mit anderen Künstlern teil. To4ka-Treff sprach mit Anne Duk Hee Joran, die in sich gegensätzliche Kulturen vereint, über Heimat, das Gedächtnis und den Maßstab, was zeitgenössische Kunst bedeutet.

© Anne Duk Hee Jordan

Wie positionierst Du dich der “klassischen” Kunst gegenüber?

Ich habe Bildhauerei studiert und wenn ich nun von der klassischen Bildhauerei ausgehe, ist Michelangelo Buonarroti wohl einer der bekanntesten Vertreter der Renaissance. Einer seiner berühmtesten Marmorskulpturen ist der „David“. Als ein Symbol für das selbstbewusste Bürgertum, verkörpert „David“ die Einheit von Ira (Zorn) und Fortezza (Kraft). Auf den ersten Blick scheint er den antiken Vorbildern zu entsprechen, aber der betont stechende Blick und die hervorgehobenen großen Hände wären in der Antike nicht möglich gewesen. Michelangelo war ein wichtiger Wegbereiter, der aus humanistischen und sozialpolitischen Strukturen unmittelbar beeinflusst wurde und gezwungen war, neue Wege zu beschreiten.

Denkst du, die aktuelle Kunst ist in der Lage, einen so hohen Maßstab, wie zum Beispiel im 17.Jahrhundert zu erreichen? Gibt es heute einen oder mehrere Künstler, bei denen du sagen könntest: „Das ist der Maßstab von Rembrandt“?

Rembrandt kenne ich zu wenig. Gehen wir davon aus, ich lebe nun im Zeitalter von Rembrandt als pfälzische Asiatin und Künstlerin und stelle mir vor, wie der Kunstbegriff im 21.Jahrhundert wohl aussähe, dazu müsste ich in der Lage sein, mir vorzustellen, wie es ist im 17Jahrhundert als Frau gelebt zu haben und dazu noch als Künstlerin. Ich denke das wäre gar nicht möglich gewesen, da es keine Geschlechtergleichstellung gab und es Frauen verboten war zu studieren, zu arbeiten etc. Von daher hat sich der Maßstab schon verändert. Was ist der Maßstab, was Kunst ausmacht und wen kann man heute mit Rembrandt in Vergleich setzen, der qualitativ so künstlerisch wertvoll ist? Ich kann darauf keine richtige Antwort geben, nur das ich froh bin im 20.Jh zu leben und sich der Maßstab ständig ändert und sich transformiert.



Warum findest Du es so wichtig, dass dein Name richtig wiedergegeben wird?

Mein Name wurde schon ganz häufig falsch wieder gegeben. Entweder heisst es Anne Jordan, was nur die Hälfte meines Namens ausmacht, oder dann stellt man mich mit Anne Duk, was auch nicht richtig ist, vor. Aber tatsächlich ist mein Name Anne Duk Hee Jordan und das ist mir schon sehr wichtig.

Braucht der Mensch deiner Meinung nach eine Heimat oder ist die Wurzellosigkeit genau der richtige Zustand für uns? Thematisierst Du das in deiner Arbeit?

Ich thematisiere sowohl Identität in meinen Arbeiten, als auch Wurzellosigkeit. Ich denke der Mensch braucht eine Heimat, um sich zu identifizieren, aber ob das nun durch das Geburtsland geschieht oder in einem fremden Land, ist sehr fraglich. Ich wurde in Korea geboren und als Findelkind in ein Heim abgegeben. Korea ist nicht meine Heimat, meine Heimat ist da wo ich aufgezogen wurde, nicht meine ethnische Herkunft.

Du hast eine sehr beeindruckende Vita. Was hast Du gemacht, bevor du deine Liebe zur Kunst entdeckt hast?

Als Kind dachte ich immer, ich werde Rockstar oder schneide an Hirnarealen herum. Abgesehen davon war mein Traumberuf „Vagabund“. Und so etwas Ähnliches bin ich ja nun auch geworden. Durch meine Kunst hab ich die Möglichkeit ungebunden zu sein und viel zu verreisen. Meine Faszination zum Meer ist geblieben, aus diesem Grund habe ich vor Jahren eine Ausbildung zum Rettungstaucher gemacht. Ich hab einige Jahre als Grenzgänger zur Schweiz gelebt und dort Psychomotik, Kinästhetik und Ergotherapie studiert und tatsächlich auch darin gearbeitet und tu es immer noch. Ich hab viel gekocht und koche immer noch, ich denke es wäre die einzige Alternative zur Kunst, da es sehr ähnlich ist. Ich interessiere mich für viele Dinge und denke immer, ich muss alles ausprobieren und meistens mach ich das auch, bis ich merke ich brauch das nicht.

© Anne Duk Hee Jordan - Metrotopie 2011

Warum ist es wichtig, sich an die vergangene Zeit zu erinnern? Was bedeutet das Gedächtnis für Dich? Gibt es eine Verbindung zwischen Schuld und Gedächtnis?

Es gibt diesen Satz des kulturellen Gedächtnisses und dass das Individuum älter ist, als es tatsächlich ist. Wir tragen das Gedächtnis unsere Vorahnen in uns und auch die Schuld und das Kulturgut, das uns vermittelt wurde. Daher spielt die Vergangenheit eine große Rolle sowie deren Identitätsproblematik, die sich daraus entwickelt und manifestiert hat. Man kann sich dessen nur bewusst werden, wenn man reflektiert und die Prozesse, die sich im System eingelagert haben versteht und diese aber auch ins Hier und Jetzt verlagert. In meinen Steinarbeiten thematisiere und kritisiere ich das Thema Schuld und Gedächtnis. Eine meiner Steininstallationen stammt aus Kandahār. Ursprünglich kommen die Steine aus der US. Military Base „KAf“ wo die Taliban niedergeschlagen wurden. Eben diese Steine stehen dort als Zeugen und zeigen die Torheiten der Vergangenheit bis ins Jetzt. Sie tragen die Geschichte Afghanistans in sich. Als letzte Spuren stehen diese Fundstücke für etwas, das war und nun unwiederbringlich verloren ist.

© Anne Duk Hee Jordan - IF hope exists there is no wasted land

Du verwendest oft natürliche Materialien. Warum? Was kann man von der Natur lernen?

Andreas Gryphius, ein Lyriker der Romantik und schreibt folgendes Gedicht:

Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden:

Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist morgen Asch und Bein
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Dieses Gedicht begleitet mich durch meine Arbeiten. Die Natur ist nicht gleich und statisch, sie verwandelt sich ständing und transformiert sich. Sie ist eine Gewalt, die nicht kontrollierbar ist, sie ist unberechenbar. Ich denke dieser Reiz und auch die Zeitepoche der Romantik, lehrt uns vieles.

Das Gespräch führte Olga Sokolowa, 25, Berlin

Copyright: To4ka-Treff
November 2013

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