Song des Monats

Juli 2011: Mein heller Engel

Copyright: John Tatarenko Copyright: Maxim OranskyRada und der Dornbusch
Mein heller Engel
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Die Musik der Gruppe „Rada i Ternovnik“ („Rada und der Dornbusch“) lässt sich mit einem Wort genauso unmöglich beschreiben wie in mehreren Rezensionen. Ethno Rock, Dark Folk, Psychedelic, Alternative… das ist zwar alles nah dran, trifft es aber nicht wirklich. Die Discographie der Gruppe umfasst 15 Alben, die vom Stil und von der Stimmung her sehr unterschiedlich sind.

Zu „R&T“-Konzerten kommen Freundschaftsbänder-Mädchen genauso wie bärtige Folker und Wesen mit androgynem Aussehen und Ankh-Anhängern um den Hals. Die Magie, von der die Rada-Lieder umgeben sind, lässt sich nicht auf Gewohntes herunter brechen – und den Geheimnissen dieser Musik muss man am besten selbst auf die Spur kommen. Vielleicht bringen uns Radas Antworten ja auf die richtige Fährte.

Copyright: John TatarenkoIn diesem Jahr feiert die Gruppe „Rada i Ternovnik“ ihr 20-jähriges Jubiläum. Habt ihr Pläne für dieses Datum?

Haben wir. Ein großes Jubiläumskonzert im Oktober und eine Russlandtour, die Herausgabe eines Büchleins mit meinen Gedichten und die Produktion von T-Shirts mit dem nun endlich bestehenden Logo der Gruppe.

Und damals, 1991 – was habt ihr da gewollt, von was geträumt? Und wie viel davon ist in Erfüllung gegangen?

Wir hatten gar keine konkreten Pläne! Wir wollten eben singen und auftreten – die Musik und die Lieder in die Tat umsetzen, die uns im Traum- oder Wachzustand in den Sinn kamen. Diese Musik existierte bereits in einem überweltlichen Raum, doch im Bereich der Weltlichkeit hatte ihr niemand Gestalt gegeben, sie niemand gesungen… das ist uns damals gelungen und wird uns auch weiterhin gelingen.

Copyright: Olga SergeewaIn den zwanzig Jahren des Bestehens der Gruppe habt ihr euch in einer Vielzahl von Stilrichtungen präsentiert: vom Art Rock über Dark Folk oder Trip Hop. In welche Richtung zieht es euch heute?

Wir planen niemals im Voraus, was wir einmal in irgendeinem Stil spielen werden. Das sind alles nur Schubladen, die die Beschreibung erleichtern: Trip Hop, Art Rock, Jazz Rock… eigentlich spielen wir aber unser ganzes Leben lang schon im Stil „Rada i Ternovnik“. Jedes Lied braucht für seine stimmige Umsetzung einen eigenen Rahmen – und das bezeichnet man dann später als Stil. Aber der Ausgangspunkt ist der gleiche. „Ich liebe dich“ kann man ja auch in allen Weltsprachen sagen – es wird sich unterschiedlich anhören, doch es hat ein und denselben Sinn. Und mit den Stilrichtungen ist es genauso. Ich weiß nicht, wie wir uns in einem Jahr anhören werden. Jetzt spielen wir gerade vom Klang her am ehesten Hard Rock, mit einem gleichen Hauch Art Rock und Folk und psychodelischen Improvisationen. Das lässt sich schon nicht mehr so mit einem Wort erklären. Und außerdem haben wir ja auch noch das Elektro-Akustik-Programm – das ist wohl eher Dark Folk.

Woher kommt das Interesse für die Folklore?

Copyright: John TatarenkoDas ist ganz natürlich! Wir werden auf einem bestimmten Stück Erde geboren, und diese Erde, unser Geschlecht, unsere Vorfahren – all das macht uns zu etwas, formt unsere Gedichte und unsere Musik. Praktisch alle großen russischen DichterInnen – Blok, Zvetaeva, Puschkin – haben sich mit Volkssagen, lyrischen Liedern und Sprichwörtern beschäftigt. Das ist das Fundament, auf dem wir stehen.

Könntest du vielleicht die Bandmitglieder von „R&T“ vorstellen und jeden kurz beschreiben?

Vladimir Anchevskij ist der Gitarrist der Gruppe, der die alte Schule des Spiels mit aktuellen Gitarrentendenzen verbindet. Er ist seit der Gründung der Band dabei. Ein großer Werktätiger. Er beschäftigt sich mit der Zusammenstellung der Alben und mit der Erstellung des Video-Backgrounds, den wir auf den Konzerten einsetzen. Im Elektro-Akustik-Programm macht er auch noch den elektronischen Teil – da spielt er auf der Gitarre und auf dem Notebook.

Vladimir Kisljakow ist an der Bass-Gitarre. Ein intelligenter und nachdenklicher junger Mann. Fan von Art Rock und Progressive. Auf der Bühne verwandelt er sich in einen absolut orkanartigen, hyper-emotionalen Musiker. Er ist der Initiator vieler interessanter Kompositions-Entscheidungen in unseren Stücken.

Copyright: Olga SergeewaDmitrij Sinelnikow spielt Schlagzeug. Ein emotionaler Optimist mit einem grandiosen Sinn für Humor. Dazu noch ein sehr weiser Mensch. Er hat einmal in einem Militärorchester gespielt. Auf der Bühne geht er aus sich heraus, improvisiert und lebt voll in jedem Detail und in jedem seiner Schläge auf.

Außerdem arbeiten wir noch mit dem einzigartigen Percussioner Dzhon Kukarjamba und dem führenden Moskauer Saxophonisten Sergej Letovyj zusammen. Wir haben einen wunderbaren Toningenieur, der schon meine allerersten Auftritte super hingekriegt hat. Auch kooperiert der bemerkenswerte Videoingenieur Aleksandr Najmushin mit uns – während des Konzerts entwickelt er auf den Wänden und der Decke des Clubs ganze Geschichten.

Hast du in der Gruppe ein Vetorecht?

Copyright: Olga SergeewaIch würde sagen, dass mir schon am aufmerksamsten zugehört wird. Und ich habe eben keine Session-Musiker. Wir haben eine gemeinsame Kunst, und das bei einer solchen Innenpolitik in der Gruppe, dass man im besten Falle seine Überlegenheit niemals einsetzt. Streitfragen werden größtenteils kollegial gelöst.

Wer hört ein neues Lied zuerst? Wessen Meinung vertraust du auch in professioneller Hinsicht?

Insgesamt gesehen: Keiner. Ich vertraue der Meinung meiner Gesangslehrerin Mila Kikina und kann auch mal Anzhela Manukjan (die Frontfrau der Gruppe VOLGA) um einen Rat bitten. Aber am wichtigsten ist es, dass die Musiker der Band dieses Lied, das ich gehört und gesungen habe, verstehen und annehmen – dann nämlich können wir alle zusammen etwas Interessantes daraus machen. Und das Resultat der künstlerischen Arbeit von „Rada i Ternovnik“ präsentieren wir dann schon bald auf einem Konzert und achten sehr aufmerksam auf die Reaktion aus dem Publikum.

Wann hat man mehr „zurückbekommen“ von seiner Kunst – jetzt oder im vergangenen Jahrhundert?

Von der Kunst bekommt man immer etwas zurück! Die Rückmeldung aus dem Publikum war natürlich im vergangenen Jahrhundert stärker. Heute beschleunigt sich die Zeit, und für die Leute ist es schwieriger, in unsere Musik einzutauchen. Man muss wirklich in sie hinab sinken, und dazu sind die Menschen heute beim weitem nicht immer bereit. Viel gefragter sind Sachen, die man sofort so aufschnappen und verdauen kann.

Was macht euch am meisten Spaß: Der Moment, in dem ein Lied entsteht, die Proben oder die Konzerte?

Copyright: Olga SergeewaNatürlich die Konzerte! Wir sind eine extreme Konzertgruppe. Na ja, wir haben 15 Alben und dazu noch meine Side-Projekte zu verbuchen. Aber der Höhepunkt unserer gemeinsamen Existenz sind die Konzerte, die Live-Auftritte. Auf den Konzerten können wir voll aufdrehen, dort werden unsere Lieder lebendig und klingen so, wie sie sollen – da kann man die Energie des Tons, der Stimmen, der Lieder und der Musik spüren und sie nachfühlen.

Auf welchem Konzert warst du das letzte Mal als Zuschauerin?

Copyright: John TatarenkoAuf der Präsentation eines Albums von Vera Sazhina, „Podzemnye vody“ („Unterirdische Wasser“). Vera ist eine einzigartige Erscheinung: Eine Sängerin, Schamanin, Künstlerin und absolut eigenständige Musikerin.

Wie ist deine Einstellung zum Internet?

Insgesamt gesehen ist es eine wunderbare Möglichkeit, sich mit den Fans auszutauschen. Ich bekomme sehr viele E-Mails und gebe mir Mühe, die auch alle zu beantworten. Außerdem schreibe ich einige Blogs und bereue es nicht, Zeit dafür zu investieren! Ich bekomme einen sehr starken Energieschub durch die Mails, in denen mir die Leute von ihren Eindrücken nach den Auftritten der Gruppe berichten.

An welches Konzert hast du die schönsten Erinnerungen?

Copyright: Olga SergeewaIn unserer ganzen Geschichte hat das vielleicht tollste Konzert im Dorf Listvyanka am Ufer des Baikalsees stattgefunden – in einem kleinen Konzertsaal mit 30 Sitzplätzen. Das war im Winter, und im Saal saßen die örtlichen Jungs und Mädels in ihren Valenki (Filzstiefel für den Winter, Anm. d. Übers.), bedeckten die Löcher an den Knien mit den Händen und wanden sich schrecklich vor den örtlichen Fernsehteams, die eine Reportage über unsere Reise nach Irkutsk und an den Baikal drehten. Aus den neueren vielleicht ein Konzert auf dem Festival „Art-Perekrestok“ („Kunst-Kreuzung“). Ein kühler Mai-Wind außerhalb der Stadt, eine große Bühne auf einer Waldwiese, und in der Dunkelheit hinter der Bühne wurden im Takt unserer Musik zu einem Lied über den Geist des Feuersalamanders Feuer geschwenkt. Das war beeindruckend.

Was wollt ihr noch mit „R&Т“ erreichen? Gibt es Träume, die bisher noch nicht in die Tat umgesetzt worden sind?

Wir wünschen uns eine maximale Anzahl an Konzerten und mehr Festivals, auf denen wir für ein unbekanntes Publikum spielen. Das mobilisiert total! An bisher nicht realisierten Träumen gibt es nur den einen: Dass wir unser Team voll entlohnen können – nicht nur die Musiker, sondern eben auch den Ton- und den Videoingenieur und unsere HelferInnen. Damit sie alle vernünftiges Geld verdienen und sich für unser Projekt engagieren, ohne sich gleichzeitig den Kopf zu zerbrechen, wo man noch etwas dazuverdienen könnte.

Vielen Dank für das Interview.

Mein heller Engel - Songtext

Mein heller Engel. Mein leuchtender Engel.
Dein Licht ist silbern – meines strahlend rot.
Dein Tag ist sorglos – meiner endlos traurig.
Dein Hunger ist ewig, meiner aber ohne Anfang.

Mein heller Engel. Mein leuchtender Engel.
Deine Flügel sind bauschig – meine formlos.
Es ist, als ob der Honig deine Sonne ist – und aus Wermut sind meine Sterne.
Doch für dich ist es noch früh, und für mich schon spät.

Mein heller Engel. Mein leuchtender Engel.
Dein Vogel ist der Star, meiner der Kauz.
Deine Stimme ist zärtlich, meine voller Röcheln
Wenn du erfrierst, bedecke ich dich mit Schnee.


Die Band
Rada Anchevskaja - Gesang, Texte, Gitarre, Volks-Blasinstrumente
Vladimir Anchevskij - Gitarre
Vladimir Kisljakow - Bass 
Dmitrij Sinelnikow - Schlagzeug

 

Das Gespräch führte Polina Mandrik

Übersetzung: Anna Brixa

Der Song wurde To4ka-Treff für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Copyright: To4ka-Treff
Juli 2011

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