Journalismustrends

Bürgermedien. Amateurjournalismus?

Um Radiojournalist zu werden und ans Mikrofon zu dürfen, muss man in Deutschland in der Regel jahrelang studieren und praktische Erfahrungen sammeln. Überall, doch nicht bei den Bürgermedien! Hier kann jeder nach ein paar Wochen Training Bürgerfunker werden und die eigenen Radiobeiträge im Lokalradio laufen lassen! To4ka-Treff recherchierte über die Geschichte und die Entwicklungsperspektiven der Bürgermedien in Deutschland am Beispiel von Nordrhein-Westfalen.

© Frank Hartung, Medienkompetenzcenter RuhrDer eigene Atem hört sich ungewöhnlich laut an. Nach dem zweiten Satz schon ist man leicht außer Puste und stolpert da, wo man sonst nie stolpern würde. Große ohrendeckende Kopfhörer auf, wellenförmige Graphiken auf dem Bildschirm, schallisolierende Wände - Willkommen im Bürgerfunk-Labor! So sieht der vorproduzierende Bereich des Bürgerhörfunk aus. Im Aufnahmestudio am Medienkompetenzcenter Ruhr in Essen bereiten die angehenden Bürgerfunker ihre ersten Radiobeiträge vor. Dara aus Mülheim strebt keine Reporterkarriere an, sie interessiert sich einfach fürs Kulturleben im Ruhrgebiet. „Ich habe ziemlich viele Beiträge über die Folkwang Hochschule, ihre Konzerte, Ausstellungen, etc. gemacht, aber alles nur für mich, zum Lernen“.

Bürgermedien – was ist das?

© To4ka-TreffFreie Themenauswahl, Kreativität, Selbermachen und Ausprobieren für all das steht Bürgerfunk im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. 1990 wurde Bürgerfunk ins Programm der lokalen Radios eingebaut, um den nicht professionellen und vor allem jungen Journalisten im professionellen Radio das Wort zu geben. Jeder, der spannende Ideen, etwas Zeit und Geduld zum Lernen und natürlich Courage hat, kommt bei den 45 lokalen Radiosendern in NRW garantiert zu Wort, nämlich in der Sendezeit zwischen 21.00 und 22.00 Uhr an Werktagen und zwischen 19.00 und 21.00 Uhr sonn- und feiertags.

Besonders Ende der Neunziger wurden Bürgermedien so populär, dass etwa ein fünfzigstündiges Programm von insgesamt 180.000 landesweit aktiven Bürgerfunkern täglich ausgestrahlt wurde. Selbst für den guten Start ein wenig zu viel, nicht wahr? Der Bürgerfunk galt früher deshalb bei vielen als Abschaltfunk, da er durch die Art der Produktionen zum Teil nicht gerade auf eine breite Akzeptanz stieß, erinnert sich der Journalist und Medientrainer Frank Hartung, Leiter des Medienkompetenzcenters Ruhr.

Wie werde ich Bürgerfunker?

© Frank Hartung, Medienkompetenzcenter RuhrHeute als Bürgerfunker anerkannt zu werden bedarf etwas mehr Anstrengung, der Weg zur Meinungsfreiheit wurde seit dem Juli 2008 zugunsten der Qualität verschärft. Der benötigte Radiopass wird von der Landesanstalt für Medien NRW erst vergeben, nachdem der Bürgerfunker von morgen gelernt hatte, Radiobeiträge spannend und korrekt zu gestalten, den Ton richtig aufzunehmen, die Beiträge zu schneiden und seiner Arbeit selbst konstruktive Kritik zu geben.

Wie lange soll der zukünftige Bürgerfunker also lernen? Frank Hartung, dessen Medienkompetenzcenter Ruhr Qualifizierungen und Schulungen durchführt, versichert, dass man als werdender Radio-Journalist im Prinzip nie aus lerne! Die erste Bürgerfunker-Qualifizierung geht zunächst über 36 Unterrichtsstunden. Doch auf jeden Fall muss der Bürgerfunker auch weiterhin am Ball bleiben und weitere Workshops besuchen. Zu den Sprech- Moderations- und Schnitttrainings werden beim MKC Ruhr weitere echte Medien-Profis eingeladen, wie z.B. Christoph Cech von eldoradio (Dortmund) oder Christian Birkmann, der es vom Campus-Radio zum Lokalradio „geschafft“ hat. Die Ausbildung ist kostenlos, gearbeitet wird nachher ehrenamtlich.

Wozu Bürgerfunker werden?

© Frank Hartung, Medienkompetenzcenter RuhrZum Mitmachen hat jeder seinen eigenen Grund. Einige machen beim Bürgerradio einfach aus Spaß mit und machen Beiträge zur Geschichte und Geographie ihrer Region, andere betreiben Öffentlichkeitsarbeit für ihre Organisationen, Künstler oder ihren Verein. Zahlreiche junge Leute wagen hier ihre ersten Schritte im Medienbereich. Es gibt auch solche, die brisante lokale Themen an die Hörer bringen wollen und sich in ihren Radiobeiträgen politisch und gesellschaftlich engagiert zeigen. Dem Studenten Sascha Wandhöfer aus Münster ist z.B. die Abschaffung der Studiengebühren zum Teil zu verdanken. Sein ehrenamtlicher Radiobeitrag „Sondersendung: Abschaffung der Studiengebühren“ wurde im Radio Q (Münster) ausgestrahlt und hat studentische Massenproteste gegen Studiengebühren im ganzen Bundesland unterstützt. Nicht selten wird auch das Thema der Massenmedien aufgeworfen. "Die Gedanken sind frei – von der Freiheit und Unfreiheit der Presse" hieß der Audiobeitrag von Christian Esser und Lisa Mattil, der im Bonncampus 96,8 ausgestrahlt und mit dem Sonderpreis der LfM-Campus-Radio-Preis-Jury für seine Brisanz ausgezeichnet wurde.

Bürgermedien sind deutschlandweit verbreitet. Niedersachsen senden beispielsweise die NKL (Nicht kommerzielle Lokalradios) oder in Berlin das Radio Alex auf eigenen UKW-Frequenzen, doch an die Maßstäbe von Nordrhein-Westfallen kommen sie noch nicht ran. Das Bundesland ist hier in einer Vorreiterrolle. Immerhin zweifelt Frank Hartung nicht daran, dass sich die Idee der Bürgermedien in der Zukunft nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch in anderen Ländern durchsetzen wird. Schon sei die Campus-Radioszene in Europa sehr lebendig, versichert uns Herr Hartung, das ist also ein sehr guter Anfang! Die Zukunft wird es zeigen, aber wer weiß, vielleicht wird sich das Wort “Bürgerfunker“ in wenigen Jahren auch in Russland durchsetzen!

Daria Bobrovskaya

Copyright: To4ka-Treff
Februar 2012

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