Zeit für den Abschied

Nostalgie in Buchstaben: Medien, von denen wir Abschied nehmen müssen

TEASER_Mikhail (Vokabre) Shcher.bakov CC BY-SA creativecommons.org.jpgWenn du Journalist bist und deine Arbeit liebst, dann ist die Schließung des Mediums, das dich beschäftigt hat, wie ein kleiner Tod. Die Mehrheit der Druckwerke, bei denen ich einmal gearbeitet habe, wurde eingestellt. Aus unterschiedlichen Gründen: wirtschaftlichen, politischen oder sozialen. Es ist schwer, sich von solchen Medien zu verabschieden – denn man kann sie weder auf dem Friedhof beisetzen lassen noch Denkmäler für sie aufstellen. Sie werden vielmehr zu unsichtbaren Geistern und leben in den Köpfen derer fort, die einmal dort angestellt waren. In Russland gibt es leider viel zu viele Medien, die es nicht mehr gibt. Es macht Sinn, sich von ihnen zu verabschieden – und wenn auch nur aus dem Grund, dass ihre Inhalte und die Geschichte ihrer Schließung die beste Chronik unserer Tage darstellen.

© Mikhail (Vokabre) Shcherbakov CC BY-SA creativecommons.org

„Russkij Newsweek“
2004-2010

Für mich symbolisiert diese Zeitschrift die wichtigste Etappe meines Lebens. Meinen inneren Anhaltspunkt. Mit ihr fing alles an – und leider wird mit ihr nicht alles enden.

„Russkij Newsweek“ war eine der gesellschaftspolitischen Zeitschriften, von denen es im Jahre 2004 in Russland mehr als genug gab: denn das Genre „boomte“ damals. Aber diese Zeitschrift hatte irgendetwas ganz Besonderes. Einen unendlichen Drive, journalistischen Pfeffer in den Texten, eine ungewöhnliche Herangehensweise, und – was am wichtigsten war – Liebe. Mir kam es jedenfalls so vor, als ob jeder, der dort ein Projekt machte, seine Texte auf eine besondere Art und Weise liebte – die Geschichten, die Statistiken und die Protagonisten. Der besondere Stil bestand darin, dass „Russkij Newsweek“ alles Gute aus den anderen Zeitschriften in sich vereinte. Manche haben sich zu sehr an Reportagen versündigt, andere mit ihrem Literaturbezug, den Kommentaren und Sparten. Wieder andere übertrieben es mit der Politik, und einige taten so, als seien sie unabhängig vom Info-Tagesgeschehen. Bei „Russkij Newsweek“ kam meiner Meinung nach alles zusammen: eine gute Ausdrucksweise, wunderbare Reportagen, Meinungsbilder und Sparten. Doch das Wichtigste ist, dass in ihr der Faktenjournalismus dominierte. Das ist das ideale Rezept: eine wichtige Meldung aus dem wöchentlichen informativen Tagesgeschehen, ein ungewöhnlicher Blickwinkel auf die Präsentation des Materials und eine interessante Geschichte, um diese Meldung zu unterstreichen. Ganz besonders stach die Abteilung für internationale Reportage und Recherche heraus: so lebendige Texte aus den unerwartetsten Ecken des Erdballs hatte es lange nicht gegeben. Für mich war diese Zeitschrift der leitende Stern im Journalismus, und von der allerersten Ausgabe an ein Traum. Als sie damals eingestellt wurde, hat das richtig weh getan. Und ich vermisse sie bis heute. Die Redaktion in der Dokukina-Straße, die Leute und die Atmosphäre, die dort herrschte. Man wollte überhaupt nicht mehr nach Hause gehen – weil man eben den Eindruck hatte, das Zuhause ist dort. Als im Oktober 2010 die letzte Nummer erschien, kam es mir so vor, als ob ich einen mir nahestehenden Menschen verloren hätte.

„Itogi“
1996-2014

Diese Zeitschrift hat lange Zeit einem der bekanntesten russischen Oligarchen gehört – Wladimir Gusinskij, der ein ganzes Medienimperium sein Eigen nannte. In der Dämmerung der 90er Jahre galt sie zu Recht als die beste unter den gesellschaftspolitischen: gute Texte, qualitativ hochwertige Analysen, und man spürte die Meinungsfreiheit innerhalb des Textes. Auch hatte die Zeitschrift mutige und hochwertige Deckblätter und Illustrationen.

Chefredakteur war lange Zeit Sergej Parchomenko. In seinen Erinnerungen für das Magazin “Afischa“ schreibt er, dass die Leute sich bei der Arbeit für „Itogi“ an ihren eigenen Vorstellungen von richtig und falsch orientierten. „Wir haben unsere freie Zeitschrift frei gemacht, mit den Werten, die uns richtig vorkamen – und waren total verwöhnt. „Itogi“ war ganz sich selbst überlassen“, berichtet Parchomenko. Dann entließ man plötzlich aus Gründen des Personalabbaus bei „Itogi“ 74 Leute. Es wurden andere angeheuert, die die Zeitschrift bis 2014 herausgaben.

© Ludwig Gatzke CC BY -NC-SA creativecommons.org

„Ptjutsch“
September 1994 – Februar 2003

„Vielleicht ist Ptjutsch eine Einheit zum Messen von Spaß… ich weiß es nicht. Wer immer man auch ist: Arbeiter, Zahnarzt, Künstler, Techno-Fan… jeder hat auf jeden Fall seinen Ptjutsch. Also gebt ihn weiter heraus“… – Brief an die Redaktion, 1994.

Eine Zeitschrift über Rave-Kultur, die Anfang der 90er Kult war. Präsentiert wurde sie direkt am Gebäude der Metrostation „Krasnye worota“. Die Leute tranken in der Vorhalle der Station und packten ihr Essen auf der Rolltreppe aus. „Ptjutsch“ basierte auf der Idee einer kreativen Gruppe unter der Leitung des Chefredakteurs Igor Schulinskij. Wie er später im Interview mit der Zeitschrift „Afischa“ gestand, gab es zu dieser Zeit keine vernünftigen Zeitschriften auf dem Markt, und alle, die irgendetwas zu machen versuchten, irrten wie blinde Kätzchen umher. Man hatte keine Ahnung, wer, was, wo und warum tat. Die Helden von „Ptjutsch“ waren DJs und Elektro-Musiker. In der Zeitschrift wurde viel über Drogen, Clubleben, aktuelle Musik und Raves geschrieben. Dem Stil und Drive des Geschriebenen nach wurde es von Leuten verfasst, die auch genauso lebten. Wenn man die Texte liest, dann kommt es einem vor, als hätte sie jemand auf der Toilette des Clubs, wo gerade alle abhingen, geschrieben – das Heft auf den Knien balancierend. Manche der Texte sind derart psychodelisch, dass man nicht genau ausmachen kann, ob das jetzt totaler Mist ist oder einfach nur genial. Zusammen mit dem etwas später vom Team der Herausgeber eröffneten, gleichnamigen Club ist „Ptjutsch“ zum Symbol der Epoche des russischen Raves geworden.

„Bolschoi Gorod“
2002-2014

Eine Zeitschrift über das Leben in Moskau und auch das anderer großer Städte. Zuerst war sie nur in schwarz-weiß zu haben, doch ab 2005 gab es sie auch in Farbe. Ein Medium, das uns wahre und lebendige Reportagen aus dem Stadtleben schenkte. Sie brachte nicht nur die neusten Zerstreuungen, sondern berichtete auch über die Schnittkanten der Moskauer Seele. Von Politik, Kultur, den Menschen in der Stadt und davon, wie sie sie wahrnehmen. So half uns zum Beispiel eine Rubrik, in der bekannte Moskauer über ihre Lieblingsstadtteile und -orte sprachen, dabei, die Hauptstadt besser zu verstehen. „Bolschoi Gorod“ hat diese kalte, fremde und ein bisschen grausame Stadt menschlich und liebenswert gemacht. Die Zeitschrift wurde 2014 eingestellt, geblieben ist nur eine Online-Version. Als offizieller Grund wurden wirtschaftliche Probleme angegeben.

„Moskowskije Nowosti“

Eine gesellschaftspolitische Zeitung, die nach vielen Jahren gleich mehrere ziemlich schwer miteinander vergleichbare Zeitungsteams zu reanimieren versuchten. Die Idee, diese bekannte Marke erneut herauszugeben, war Ende 2010 entstanden – einer Zeit, in der viele gute Medien eingestellt werden mussten. Und genau aus denen wiederum – aus „Russkij Newsweek”, dem GZT-Portal und anderen Medien – wurde eine neue Redaktion zusammengestellt. Doch es gab im Alltag ziemliche Reibereien, und 2013 kündigte ein Großteil der Journalisten.

© Jürgen Vollmer CC BY-SA creativecommons.org

"RIA Nowosti"

„RIA Nowosti“ war nie ein unabhängiges Medium, sondern eher eine Agentur, die mit dem Geld der Regierung betrieben wurde. Dennoch war es ihrer Chefin Swetlana Mironjuk gelungen, eine moderne, zitierwürdige und professionelle Nachrichtenagentur auf die Beine zu stellen, die lange Zeit den Balanceakt zwischen „Hammer und Amboß“ meisterte: der Regierung nämlich, und den Fakten. Die Redaktion lockte Journalisten mit angenehmen Bonusfaktoren an: in der Agentur wurden alle Voraussetzungen für aktive Entspannung geschaffen, wie ein Trampolin, ein Basketballplatz, eine Kantine und selbst ein Zoo. Ein kleiner Sozialismus also in einem alten sowjetischen Gebäude, das sich in eine moderne Nachrichtenagentur verwandelte. Ein junges Team und eine wirklich professionelle Herangehensweise an die Arbeit. Leider wurde „RIA Nowosti“ aufgelöst und in „Rossija Sewodnja“ umgewandelt, das Dmitrij Kiseljew anvertraut wurde.

Eigentlich ist diese Liste an Medien, von denen wir uns verabschieden mussten, noch nicht einmal vollständig. Wenn man aus all diesen Medienerzeugnissen kleine Papierschiffchen basteln und sie frei schwimmen lassen könnte – wie in einer Abschiedszeremonie – dann würde ich noch jeweils ein Schiffchen für „Lenta.ru“, die Zeitschrift „OM“, die Zeitungen „Russkaja Planeta“ und „Wremja nowostjej“, die Zeitschrift „Smartmoney” und viele andere hinzufügen. Dieser Text ist ein kleiner Nekrolog auf die Medienerzeugnisse, die wir verloren haben. In manchen von ihnen hatte ich das große Glück, beschäftigt zu sein. Manche unter ihnen wurden nicht sofort eingestellt, sondern existierten noch eine Zeitlang weiter – oder sind bis heute aktiv. Doch die Leute, die dort beschäftigt waren, wurden gezwungen, zu gehen. Und viele der Medien sind schon überhaupt nicht mehr so, wie wir sie von früher her kannten. Die Beispiele zeigen, dass Zeitschriften und Zeitungen in Russland nur so lange Markennamen sind, wie sie von Menschen gemacht werden, die vor nichts Angst haben und ihre Arbeit lieben. Mit der massenhaften Abwanderung dieser Leute verschwindet dann auch das Markenzeichen – und alles, was zurückbleibt, ist ein irgendwie noch vertraut klingender Name.

Wenn man sich so von den eingestellten Zeitungen und Zeitschriften der 90er bis 2000er Jahre verabschiedet, wird einem schmerzhaft bewusst, dass das nicht nur ein Abschied von Buchstaben ist. Sondern von einer ganzen Epoche. Blättert man ein paar Ausgaben dieser Jahre durch, kommt man ganz unfreiwillig ins Staunen: Wow! Wow! Darüber konnte man schreiben? Echt wahr jetzt? Die Zeitschriften für Jugendliche in den halb-puritanischen Medien von 2014 sehen dagegen aus wie Kamasutra-Handbücher. Wow! Politische Texte wirken wie aufwühlende Geschichten? Wow! Politiker geben gerne und lebhaft Interviews. Wow. Journalisten haben wirklich noch Exklusivgeschichten geschrieben. Manchmal denkt man, die Freiheit des Wortes war so groß, dass nicht alle gleich wussten, was sie mit ihr anfangen sollten. Wenn man aktuelle Texte damit vergleicht, spürt man den Unterschied…

Ich weiß nicht, wohin solche Medienerzeugnisse kommen, wenn sie einmal tot sind. Aber ich weiß, was die Hölle für Journalisten ist: Medien, in denen man nicht mehr arbeiten will. Erhalten wir also die, die noch nicht eingestellt wurden.
Elena Danilowitsch, 26, Moskau
Übersetzung: Anna Brixa

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Dezember 2014