Tanz in den Mai

Tanzunterricht in der Schule obligatorisch?

Der eine besucht seit der Kindheit Tanzstunden, nimmt von der frühen Jugend an die Bewegungskultur in sich auf und erwirbt eine schöne Körperhaltung. Ein anderer lernt das Tanzen im erwachsenen Alter und eignet sich verschiedene Choreographie-Richtungen an. Ein dritter geht den Tänzen aus dem Weg und hält die Sache für unwichtig. To4ka-Treff hat sechs junge Leute gefragt, ob ihrer Ansicht nach Tanz als verbindliches Schulfach eingeführt werden sollte.

Marija Poljak, 25, Redakteurin des Online-Magazins „Deutschland und Russland“, Moskau

In Georgien hat man im Jahr 2010 den Nationaltanz als Pflichtfach in Schulen eingeführt. Und das ist ein sehr gutes Beispiel für einen Versuch der Wiedergeburt einer Nationalkultur, deren unabdingbarer Bestandteil der Tanz ist. Georgien europäisiert sich rasend: In den Dorfschulen auf den Bergen lehren Amerikaner, den Kindern händigt man von der ersten Klasse an Notebooks aus. Deshalb ist der Gang zu den Ursprüngen der eigenen unverwechselbaren Kultur für die Nation insgesamt sehr wertvoll. Neulich bin ich im November mit Freunden durch Kachetien gereist, das Weinbaugebiet Georgiens. Als wir durch die Gassen der „Stadt der Liebe“ Sighnaghi spazierten, erklang aus einem kleinen Restaurant laute einheimische Musik und Gesang. Drinnen feierte eine große Gesellschaft an einem langen mit Schaschlik und Lobio reich gedeckten Tisch. Um den Tisch herum tanzten alle Teilnehmer des Festessens traditionelle Tänze: Männer und Frauen im mittleren Alter vollführten leicht und einfach Tanzbewegungen mit den Füßen und tanzten den aller fröhlichsten georgischen Tanz – den Ratschuli, der die Frühjahrsarbeit auf dem Feld nachahmt. Ein sehr schöner Anblick und es wäre traurig, wenn man in 20-30 Jahren nach Georgien kommt und nichts davon findet.

Olga Sokolowa, 25, freie Journalistin, Berlin

Der Tanz ist eine wundervolle Kunst, die Themen, Körperlichkeit sowie Körperloses und Musik vereint. Ich würde es unterlassen, das Pflichtfach Sport in der Schule durch Tanz zu ersetzen und damit etwas aufzuzwingen. Kinder brauchen unbedingt eine körperliche Aktivität und es wäre gut, wenn sie nicht aus langweiligem, monotonem Unterricht und einem ungeheuerlichem verbindlichem Ablegen von Normen am Ende eines Schuljahresviertels besteht. Deshalb wäre ich dafür, dass Schüler wählen können. Der Tanz wäre ebenso wie etwa Yoga und Kampfsport eine Alternative in der breiten Palette von Optionen.

Julija Melnikowa, 22, Studentin an der Fakultät für internationale Journalistik an der MGIMO, Moskau

Der Tanz ist immer eine kleine Zauberei, welche Menschen zusammenbringt und ihnen hilft sich neu zu entdecken. Jeder Mensch verwirklicht ein und dieselbe Bewegung auf seine Art. Im Tanz zeigt sich seine Individualität, sein Charakter und Charisma. Gleichzeitig ist der Tanz etwas Gemeinsames für alle. Er vereinigt die Harmonie von Musik und den Anreiz eine interessante Vorstellung zu schaffen. Ich wäre sehr dafür, dass an Schulen der Tanzunterricht verpflichtend ist. Künftig werden die Schüler immer mehr Zeit vor Computerbildschirmen verbringen und das ist sehr bedauerlich. Der Umgang und die Zusammenarbeit mit Altersgenossen sind äußert wichtig und davon darf man keinesfalls ablassen. Mir scheint, dass das gemeinsame Lernen von Tänzen den Kindern viel bringt. Natürlich darf man in diesen Unterrichtsstunden nicht zu streng bewerten, sonst verlieren die Kinder das Interesse daran.

Simone Becker, 23, studiert Politik und Romanistik an der Uni Bonn

Im Kontext schulischer Herausbildung von Interessen und Talenten werden Kinder und Jugendliche an Bereiche herangeführt, die ihnen andernfalls häufig nicht erschlossen würden und die im Verlauf schulischer Bildung entscheidende Weichen für spätere Entwicklungen legen. Einführender Tanzunterricht trägt in diesem Zusammenhang zu einer umfassenden körperlichen und geistigen Schulung von Kindern und Jugendlichen bei und hilft, ein vollständigeres Bild der eigenen Fähigkeiten und Neigungen zu entwickeln. Gerade als in vielen Fällen außerhalb des gewohnten Komfortbereichs liegende Disziplin, bietet Tanzen und die tänzerische Beschäftigung mit dem eigenen Körper die Möglichkeit zur Entwicklung und Verbesserung des Körpergefühls: Gesteigerte Beweglichkeit, verbesserte Körperkontrolle, Ausgleich von Haltungsschäden und ein umfassendes Ganzkörpertraining durch musikalischen und tänzerischen Ausdruck sowie die häufig damit einhergehende intensive soziale Interaktion mit anderen, können gerade bei Jugendlichen nicht zu unterschätzende positive Auswirkungen auf das eigene Körper- und Selbstbild haben und die Entwicklung positiv beeinflussen.

Enno Strudthoff, 23, studiert Politikwissenschaft an der Uni Bremen

Sportunterricht gehört in die Schule. Das ist klar. Auch das Tanzen erfüllt in vielerlei Hinsicht eine gesellschaftliche und soziale Komponente und kann Kreativität fördern, könnte also als eine Mischung aus Sport, Musik und Kunst gesehen werden und als wichtig für den Schulalltag. Ich denke nicht, dass man zusätzlich zum Sportunterricht noch einen obligatorischen Tanzunterricht einführen sollte, da die „Sport-Muffel“ jeder Klasse dadurch nicht motiviert werden mehr Sport zu machen. Eher würde ich es unterstützen ein paar Tanzeinheiten in das Curriculum des Sportunterrichts zu integrieren. In einigen Schulen gibt es bereits die Möglichkeit Tanzunterricht in der Oberstufe als Fach für ein Semester zu wählen. Genau diese Wahlfreiheit unterstütze ich.

Marianna Karner, 25, studiert Slavistik an der Uni Hamburg

Ich finde der Tanzunterricht sollte nicht obligatorisch in den Sportunterricht eingeführt werden. Alles was zum Zwang gemacht wird, verliert an Attraktivität. Die, die tanzen wollen, sollen es freiwillig wählen können und andere, die eben kein Spaß am Tanzen haben, können sich eine andere Sportart aussuchen. An manchen Schulen wird ganz einfach die große Halle aufgeteilt: Die Tänzer haben ihren Teil und die anderen dürfen Fußball o. ä. spielen.
Copyright: To4ka-Treff
April 2013

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