Kasan

Zweisprachiges Tatarstan?

Im öffentlichen Raum kann man ihr nicht entkommen. Schlendert man durch Kasan, trifft man auf Schritt und Tritt auf tatarische Schriftzeichen: tatarische Straßenschilder oder Beschriftungen öffentlicher Gebäude. Und steigt man in eine der wackligen Straßenbahnen sowjetischer Bauart, sagt einem die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher die nächste Haltestelle nicht nur auf Russisch, sondern eben auch in tatarischer Sprache an.

So also sieht Zweisprachigkeit auf Tatarisch aus. Aber bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass die Sprache um ihren Platz in der tatarischen Gesellschaft bangen muss: Werbetafeln sind fast ausschließlich auf Russisch, tatarische Sprachfetzen durchdringen auf der Straße allenfalls auf dem Bauernmarkt die bleischwangere Großstadtluft. „Ich spreche zu Hause mit meinen Eltern oder meiner Oma Tatarisch“, sagt Anna. Mit ihren Freunden jedoch kommuniziert die hübsche Tatarin auf Russisch. Anna steht damit symptomatisch für einen Großteil ihrer Generation: Im Kreis der Familie wird das Tatarische gepflegt, in der Öffentlichkeit fasst es trotz aller staatlichen Anstrengungen kaum Fuß. Sprachwissenschaftler nennen dieses Phänomen „Küchensprache“. Die Einengung des Sprachbereichs auf wenige häusliche und emotionale Bereiche gilt als erster Schritt zum schleichenden Niedergang. Die Linguistin Suzanne Wertheim von der University of California ordnet das Problem ein: „Die Sprache der heutigen Jugend ist die der kommenden Erwachsenen.“ Mit anderen Worten, wer als junger Mensch in der Öffentlichkeit kein Tatarisch spricht, wird es später kaum seinen Kindern vermitteln.

Heute sprechen noch etwa die Hälfte der rund zwei Millionen Tataren innerhalb Tatarstans die Sprache ihrer Vorfahren. Bei einer Gesamtbevölkerung der autonomen Republik von etwa vier Millionen sind sie also in der Minderheit. Nicht nur die faktische Übermacht der Russisch sprechenden Bevölkerung bereitet Suzanne Wertheim Sorge. „Während fast alle Tataren Russisch zumindest als Zweitsprache beherrschen, macht sich fast kein Russe die Mühe, Tatarisch zu lernen.“ Die Dominanz des Russischen wird so trotz aller gegenteiligen Anstrengungen zementiert.

Nur noch Folklore?

Die Russländische Islamische Universität in Kasan ist eine Einrichtung, die helfen soll, die tatarische Kultur zu bewahren. Im zurückgesetzten schmucklosen Kastenbau unweit des Kasaner Pferdestadions erwartet uns der Rektor der privaten Einrichtung. Professor Rafik Muhametschin ist ein freundlich lächelnder Herr. Unter seiner Führung werden die muslimischen Geistlichen für ganz Russland und Teile der GUS ausgebildet. „Deshalb wäre es auch ein großes Problem, den Unterricht auf Tatarisch abzuhalten“, erklärt der Rektor mit einem gewinnenden Lächeln. „Nur einige Dozenten unterrichten auf Tatarisch“, führt er aus. Hier zeigt sich das ganze Dilemma der tatarischen Sprachpolitik: Zwar ist Tatarisch mittlerweile an allen öffentlichen Bildungseinrichtungen Pflichtfach. Gelehrt wird aber nur Sprache und Kultur. Die „harten Inhalte“ der eigentlichen Schulfächer werden auf Russisch vermittelt. Die wenigen Fächer, die an der Islamischen Universität auf Tatarisch vermittelt werden, sind die absolute Ausnahme.

Ist also das Tatarische auf dem Rückmarsch? Ist es nur noch Folklore im öffentlichen Raum, die Sprache der Eingeweihten? Die Würfel sind noch nicht gefallen, aber ein Großteil der tatarischen Bevölkerung hat die Frage für sich schon beantwortet. Russisch ist die Verkehrssprache, auch in Tatarstan, aber vor allem in Russland und weiten Teilen der GUS. Damit ist es auch für die weltoffene tatarische Jugend die Schlüsselsprache. Doch dank öffentlicher Bildungseinrichtungen und familiärer Traditionen wird Tatarisch wohl für Teilbereiche eine lebendige Sprache bleiben. Und die Kasaner Verwaltung wird ihr Bestes geben, dass man ihr im öffentlichen Raum auch weiter nicht entkommen kann.
Moritz Alexander Heiser, 23,
studiert in Leipzig Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Er ist seit 2002 als freier Journalist tätig.

© To4ka-Treff, Juli 2009