Kasan

„Das Konzept eines gemäßigten Islams“

Rafik Muhametschowitsch Muhametschin, Rektor der Russischen Islamischen Universität, Foto: Verena Hütter

Interview mit dem Rektor der Russischen Islamischen Universität in Kasan, Rafik Muhametschowitsch Muhametschin.

Rafik Muhametschowitsch Muhametschin, Rektor der Russischen Islamischen Universität, tatarischer Historiker, Mitglied der Akademie der Wissenschaften der Republik Tatarstan, Doktor der Politikwissenschaft und Professor, hat unsere Delegation in einem hellen, großen Raum empfangen. An den Wänden hingen Karten der islamischen Staaten, in der Ecke gab es eine kleine Ausstellung zum Thema „Ägyptische Pyramiden“, von der Decke hingen Flaggen der Länder der Islamkonferenz. Das orientalische Flair der Einrichtung schaffte eine friedliche, gelassene Atmosphäre, die wie gemacht war für einen lockeren Meinungsaustausch. Zweifelsohne hat der Rektor diese Stimmung auch beeinflusst. Ein außerordentlich charismatischer, witziger, angenehmer Mann, ein richtiger Fachmann – dies alles haben wir gleich gefühlt und verstanden, als er von der Universität zu erzählen begann:

Die Russische Islamische Universität RIU ist die erste Universität dieser Art in der Russischen Föderation. Hier werden Studenten zu Experten gemacht, die über weltliche und geistige Kenntnisse verfügen. Die RIU wurde 1998 von der Geistlichen Verwaltung der Muslime der Republik Tatarstan gegründet, dem Rat der Muftis Russlands und dem Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften. Sie wurde zur ersten Hochschuleinrichtung ihrer Art. Man kann hier Islamische Wissenschaften, den Koran und die arabische Sprache studieren, aber auch weltliche Wissenschaften. Das Hauptziel der Universität besteht in der Erhöhung des geistigen Potenzials und in der Stärkung der moralischen Sitten und Grundsätze der Gesellschaft.

In welchem Bereich werden die künftigen Absolventen der Universität tätig sein?

Rafik Muhametschowitsch Muhametschin, Rektor der Russischen Islamischen Universität, Foto: Verena HütterEine religiöse Ausbildung kann man an der Fakultät für Islamwissenschaften erwerben. Es gibt zwei Fachrichtungen: „Koranwissenschaften“ und „Schariawissenschaften“. Junge Leute muslimischer Glaubensrichtung im Alter von 17 bis 35, die eine allgemeinbildende Schule absolviert haben, können hier studieren. Für eine weltliche Ausbildung gibt es an der RIU die Fachrichtung „Theologie“. Nicht nur Jungen, sondern auch Mädchen können eine theologische Ausbildung absolvieren, falls sie an einer Madrasa studieren oder studiert haben. An der Universität werden Spezialisten und Pädagogen folgender Fachrichtungen ausgebildet: Imam-Khatibe, Hochschullehrer der arabischen Sprache und der Schariawissenschaften, Hochschullehrer der arabischen Sprache und der Koranwissenschaften, Übersetzer aus dem Arabischen und Bachelors der Theologie.

Gibt es auch ausländische Studenten an der Universität?

Derzeit gibt es etwa 400 Studenten aus den 20 Regionen Russlands an der Islamischen Universität, außerdem Studenten aus Kasachstan, Kirgisien, Aserbaidschan, Tadschikistan und aus anderen GUS-Ländern. Die ausländischen Studenten können in einem Wohnheim wohnen, das sich in dem Universitätsgebäude befindet. Der tägliche Namas wird von den Studenten der RIU fünf Mal am Tag in der Moschee „Eniler“ gegenüber des Universitätsgebäudes vollzogen.

Foto: Verena Hütter

Was machen die Studenten in ihrer Freizeit?

Unsere Studenten streben danach, ein abwechslungsreiches und ausgefülltes Leben zu führen. Sie nehmen an Sportwettbewerben teil, engagieren sich bei der Studentenvertretung (Profkom) und geben die studentische Zeitung „Forum“ heraus. Das ist wahrscheinlich noch nicht alles, aber ich habe, ehrlich gesagt, auch noch nicht mit meinen Studenten über ihre Freizeitpläne gesprochen. Wodurch soll sich ein Absolvent der auszeichnen?

Die Absolventen der RIU sollten sich in die Reihen der noch nicht zahlreichen muslimischen Intellektuellen einreihen. Sie sollten modern-denkend werden und die islamischen Werte adäquat erklären und für diese konstruktiv plädieren können. Ich hoffe darauf, dass eben mit der Hilfe dieser Absolventen wir die Vorstellungen über den Islam in der Gesellschaft objektiv formen können und dadurch die Verbreitung der islamfeindlichen Ideen begrenzen. Ich denke, dass unsere Absolventen die am besten vorbereiteten Fachkräfte sind – für den Unterricht von Schulfächern wie „Grundsätze der muslimischen Kultur“ und „Geschichte der Weltreligionen“.

Gibt es einen Studentenaustausch?

Wir schicken unsere Studenten in die anderen muslimischen Länder. Aber nicht, um ein niedriges Ausbildungsniveau zu kompensieren, oder wegen eines Mangels an Studienplätzen. In erster Linie benötigen wir Experten, die das Bildungssystem in den muslimischen Ländern von innen kennen. All-Azkhar und die anderen großen wissenschaftlichen Zentren sind dabei für uns so etwas wie Oxford, Harvard oder Cambridge für die Europäer.

Bis einmal Studenten aus islamischen Ländern zu uns zum Studieren kommen, ist es noch lange hin. Das Problem besteht nicht nur in der Ausbildung. Auch die Außenpolitik Russlands muss berücksichtigt werden, die Beziehungen Russlands zu anderen muslimischen Ländern, das Verhältnis zu den Islam-Anhängern im Inland und so weiter.

Einmal hat der berühmte französische Historiker Alexander Bennigsen über die Erfahrungen der Muslime in unserem Land (und in erster Linie über die Erfahrungen der Tataren) geschreiben, dass ihr „Einfluss auf die Reformentwicklungen nicht nur in Russland, sondern auch in der ganzen islamischen Welt außerordentlich wichtig war“. Diese Erfahrungen seien aber im Westen nicht bekannt. Dabei würden sie auch von den muslimischen Historikern ignoriert, so Bennigsen. Damit hatte er völlig Recht.

Auf jeden Fall haben wir für die nahe Zukunft eine durchaus attraktive Perspektive: Und zwar die enge Zusammenarbeit mit den europäischen Muslimen und die Ausbildung von Fachkräfte für sie. Ich denke, das wir in der nächsten Zeit eine überzeugende Konzeption eines „gemäßigten Islams“ für sie ausarbeiten können, ist durchaus realistisch. Wahrscheinlich ist eben dies unsere Nische.

In der Russischen Islamischen Universität, Foto: Verena Hütter

Kürzlich wurde das Zentrum für Islamische Wirtschaft an der RIU eröffnet.

Hier sind wir mit der Zeit gegangen: Die Weltfinanzkrise hat das Interesse an dem islamischen Wirtschaftsmodell verstärkt und hat anschaulich gezeigt, dass das westliche Modell ziemlich empfindlich ist. Das islamische Modell strebt vor allem eine gemeinsame Verantwortung für Investitionsprojekte von Banken und anderen kommerziellen Organisationen an, die islamische Dienstleistungen gebrauchen können. Dies könnte zu einer größeren Sicherheit der Finanzmittel führen. Das islamische Bankensystem gibt auf die Geldströme und die Effizienz der Geldverwendung acht. Dabei sind „schwarze“ Gewinne ausgeschlossen.

Das islamische Bankensystem lehnt Zinsen und Gewinne ab.

Das ist so nicht richtig – keine Wirtschaft auf der Welt könnte ohne Gewinne funktionieren. Es geht um Zinswucher – wenn jemand unverdient an Zinsen kommt. Die islamischen Banken lehnen diese Variante, die von dem westlichen Wirtschaftssystem aktiv verwendet wird, kategorisch ab. Sie beteiligen sich an Investitionsprojekten, und sie arbeiten auch im Leasing-Bereich, was wiederum Zinsenwucher ausschließt. Ich denke mir, dass das islamische Bankensystem populär ist. Doch die Realisierung der islamischen Bankenprinzipien steht im Widerspruch zur Gesetzgebung. Die russische Gesetzgebung wurde speziell für das westliche Finanzsystem aufgebaut. Das Bankensystem braucht einige rechtliche Veränderungen. In Großbritannien, zum Beispiel, wo das islamisch System ziemlich weit verbreitet ist, behilft man sich mit dem sogenannten „islamischen Fenster“, das gemäß der Islam-Regelungen funktioniert und im Rahmen einer gewöhnlichen Banktätigkeit.

Was halten Sie vom „Euroislam“?

Der Begriff „Euroislam“ wurde vor kurzem sehr populär. In Europa wird der „Euroislam“ als „mondäner Islam“ wahrgenommen. Einmal hat der berühmte deutsche Politikwissenschaftler Bassam Tibi gesagt, dass Muslime die westeuropäischen Werte akzeptieren sollten. Aber der Islam – so wie auch die anderen Religionen – kann nicht „mondän“ sein. Bei uns ist R. Khakimow der wichtigste Vertreter dieser „Euroislam“-Richtung. Er meint, dass der Islam keine liberal-demokratischen Werte braucht. Deshalb sollten die weltlichen Länder keine Angst vor dem Islam haben. Fast alle Geistlichen bei uns, Muftis und Imamen, sind gegen diese Islam-Interpretion. Warum? Weil R. Khakimow eine dogmatische Veränderung des Islams anstrebt. Zum Beispiel ist bei ihm der Namas nicht obligatorisch, einige Teile des Korans erklärt er für veraltet, die anderen Teile des Korans seien ausschließlich für Araber bestimmt und vieles andere mehr.

Wie sehen Sie die Zukunft des Islams in Russland und in Tatarstan?

Bald kommt eine neue Generation an Muslimen. Man sollte berücksichtigen, dass die heutigen muslimischen Geistlichen zu Sowjetzeiten, also während des Sozialismus, aufgewachsen sind. Die heutige Jugend ist aufrichtiger und offenherziger. Nur eines bereitet mir Kummer: die Entfremdung der Jugend von den nationalen Traditionen, ihr nachlässiges Verhältnis zu den Bräuchen und zu der Sprache.


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Kamilja Siganschina und Alija Nisamowa

Übersetzung: Olga Kurilina
© To4ka-Treff, Juli 2009