Phantom Bildung

Az-TTPB 12/2010/03
Die Chancenungleichheit ist schwer zu fassen

Deutsche Schüler haben bei der PISA-Studie der letzten Jahre besonders schlecht abgeschnitten. Hinzu kommt: Der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft eines Schülers und seinem Bildungserfolg ist im internationalen Vergleich in Deutschland besonders stark ausgeprägt. Warum ist das so?

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Nach Verkündung der PISA-Ergebnisse hallen die Notrufe durch alle Medien, Sirenen heulen auf, die Bürger sind alarmiert. Die Zeugenbefragung erweist sich in diesem Fall als äußerst schwierig. Egal, wen ich frage, alle haben etwas gehört oder gesehen. Bildung betrifft eben alle, doch niemand bringt mich auf eine konkrete Spur. Ich entschließe ich mich, abseits der aufgebrachten Gemüter zu recherchieren.

Fabian ist angehender Doktor der Erziehungswissenschaften an der Universität Bremen. Er befragt Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Milieus zu ihren Erfahrungen mit Bildung im Allgemeinen und Schule im Konkreten. So erhofft er sich die Ungerechtigkeiten und Chancenungleichheiten im deutschen Bildungssystem aufzuzeigen und daraus Lösungsansätze, quasi zur Täterbekämpfung, formulieren zu können. Bisherige Untersuchungen hätten gezeigt, dass Kinder und Jugendliche aus schulbildungsfernen Milieus im Bildungssystem schlechter abschneiden. Im Gegensatz zu einem Akademikerkind sei die Chance, „dass jemand, der in einem sogenannten Brennpunktstadtteil aufwächst und dessen Freunde, Nachbarn und Verwandte kein Studium absolviert haben, den Weg Richtung Uni einschlägt vielfach kleiner.“ Das sei das Ungerechte im hiesigen Bildungssystem, wo eventuell Chancen und Potentiale verschenkt werden. „Aber warum ist das so?“ fragt Fabian. „Was sind die Ursachen dafür, dass Bildung eine Frage der sozialen Herkunft ist?“

Um die Gründe hierfür erforschen zu können, gilt es, sich zunächst mit den Begriffen „Gerechtigkeit“ und „Bildung“ einzeln auseinanderzusetzen. Liegt die Gerechtigkeit darin begründet, dass „am Ende alle das Gleiche können sollen oder sollte jeder die Möglichkeit erhalten, um seine eigenen Potentiale zu entfalten. Aber wie erkennt man diese Potentiale?“ fragt Fabian. Er fährt fort: „Bildung wird zudem häufig an der ‚klassischen’ Bildung akademischer Milieus gemessen. Doch Kinder erwerben zunächst die Bildung, die für ihr Herkunftsmilieu sinnvoll und notwendig ist“. Nach Fabian sollte man diese unterschiedlichen Bildungen auch im Plural begreifen, statt die vermeintlichen Defizite in den Vordergrund zu stellen. „Das würde die Hürden sichtbar machen, die die einen im Bildungssystem überwinden müssen und die anderen nicht. Denn nicht jede Form der Bildung deckt sich mit der z. B. an einem Gymnasium geforderten Schulbildung. Das gilt eben besonders für die Bildung von nicht privilegierten Kindern“.

© RehvormHaus/www.jugendfotos.deBeim Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schulform liegt, so Fabian, einer der Gründe für die Entstehung von Chancenungleichheiten im deutschen Bildungssystem. An Grundschulen müssen Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern eine viel höhere Lernleistung bewältigen als Akademikerkinder, damit ihnen z.B. von Eltern und Lehrern der Besuch eines Gymnasiums zugetraut wird. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen, mit denen Kinder eingeschult werden, sprächen für eine lange gemeinsame Grundschulzeit. Ein möglichst langer Prozess des gemeinsamen mit- und voneinander Lernens könnte das Bildungsgefälle verringern.

Zentral sei jedoch, so Fabian, nicht nur die Frage nach dem Übergang zwischen den Schulen, sondern wie Schülerinnen und Schüler ihre Schule erleben. Die bisher sehr ausdifferenzierten Schulformen in Deutschland (Gymnasium, Real- und Hauptschule) definieren dabei ganz anders, wer ein „guter Schüler“ ist. So verlangt der Besuch eines Gymnasiums den Jugendlichen aus weniger privilegierten Milieus unter Umständen eine große Anpassungsleistung ab, damit diese sich in ihrem Lernumfeld wohl fühlen. Diese Kluft zwischen Schule und dem Herkunftsmilieu eines Schülers spiegelt sich z.B. in der Art der Sprache, des Verhaltens oder der Kleidung, auf die in der jeweiligen Schule Wert gelegt wird wider. Diese Kluft zu überwinden, kostet viel Kraft und Energie und hat indirekte Auswirkung auf die Lernleistung eines Schülers.

Zum jetzigen Stand seiner Forschung hat Fabian mehr Fragen als Antworten Doch genau dieser Umstand zeigt, wie vielschichtig das Thema Bildungsungerechtigkeit eigentlich ist. So liegen auch die Verbesserungsansätze in unterschiedlichen Bereichen: in der Schule selbst, aber auch außerschulisch.

Doch es gibt zwei gesellschaftlich konträre Positionen, die die Verbesserungen des Schulsystems in Deutschland auf unterschiedlichste Weise mitbestimmen möchten. Dies hat auch der Protest gegen die geplante Verlängerung der Befürworter der Schulreform plädieren für ein möglichst langes gemeinsames Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre in Hamburg 2009/2010 gezeigt: Die Lernen von Kindern aus unterschiedlichen Milieus, dementsprechend für eine lange gemeinsame Grundschulzeit im Primarbereich und eine Gesamtschule in der Sekundarstufe. Die Gegner setzen sich für eine frühe Selektion und Elitenförderung ein, also für eine kurze Grundschulzeit und in der Sekundarstufe für die Beibehaltung der drei Schultypen Gymnasium, Real- und Hauptschule. Doch die Frage bleibt: Wer kommt dem Täter, der Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem, eher auf die Schliche?

Juliane Oßwald

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Dezember 2010