Halbzeitpause

Der Europapokalfinalist

© Jens WeißenburgerIm Europapokalfinale der Pokalsieger 1981 stehen sich zwei krasse Außenseiter gegenüber: der sowjetische Vertreter Dynamo Tiflis und der FC Carl-Zeiss Jena aus Ostdeutschland. Der ehemalige DDR-Nationalspieler Lutz Lindemann spielte damals für Jena im Finale und blickt zurück auf unvergessliche Siege, undenkbare Reisestrapazen und die verpasste große Chance.

© Marco FieberDie Szenerie erinnert an einen Agententhriller. Schauplatz ist eine Autobahnraststätte an der A4, nicht weit entfernt von Lutz Lindemanns ehemaligem „Arbeitsort“ Jena. Es ist Ostermontag, kurz vor neun Uhr. Der Morgennebel wabert noch immer über die umliegenden Felder. Überpünktlich erreicht Lindemann den vereinbarten Treffpunkt. Er kennt die Strecke, denn mehrmals im Monat fährt er vom Wohnort seiner Familie im Voigtland zu seinem Arbeitgeber nach Siegen. Extra für das heutige Interview ist er eine halbe Stunde früher aufgestanden. Dennoch bleibt für unser Gespräch nicht allzu viel Zeit, denn in wenigen Stunden wird sein Verein Sportfreunde Siegen in der Westfalenliga einen wichtigen Punkt gegen den Abstieg erkämpfen.

Herr Lindemann, wie hat damals alles mit dem Fußball angefangen?

Ich bin in Halberstadt mit drei Brüdern aufgewachsen. Wir alle haben Fußball gespielt. Mein Vater hat ebenfalls gespielt. Es ging in unserer Familie eigentlich nur um Fußball. Überall gab es Straßen und freie Plätze, auf denen gebolzt wurde.1958 habe ich angefangen bei Aufbau/Empor Halberstadt zu spielen. Mit einem Schmunzeln fügt Lindemann hinzu: Oft ist es so, dass einer ganz oben ankommt, das war dann wohl ich…

© SUPPORTERS CLUB im FC Carl Zeiss JENA e.V.Insgesamt bestritten Sie 21 Europapokalspiele, wobei Ihnen die Saison 1980/81 wohl besonders in Erinnerung geblieben ist: Ihre Mannschaft kam damals bis ins Endspiel des Europapokals der Pokalsieger. Schon das in der allerersten Runde nicht mehr für möglich gehaltene „Umbiegen“ gegen den AS Rom ließ aufhorchen. Wie erlebten Sie den weiten Weg ins Finale?
In der zweiten Runde erwartete uns Valencia. Zu Hause haben wir das Spiel mit 3:1 gewonnen und erst in der letzten Minute das Gegentor bekommen. Wir sind nur mit sehr viel Glück, mit einer knappen 1:0 Niederlage im Rückspiel, weiter gekommen. Dann hatten wir diese Newport-Geschichte: daheim sind wir mit einem 2:2 so gut wie ausgeschieden, aber irgendwie gewannen wir das Spiel in Newport mit 1:0. Im nächsten Spiel kamen wir gegen Lissabon weiter. Wenn man so ein Finale erreicht, ist neben dem Können auch immer ein bisschen Glück dabei. Und das hatten wir in diesem Jahr.

Was war Ihrer Meinung nach das Erfolgsgeheimnis?
Auf den Videos von damals kann man sehen, dass die Mannschaft, die wir damals in Jena hatten, einen relativ modernen Fußball gespielt hat. Einerseits vom Tempo her, anderseits hat eine überragende Hintermannschaft kaum Freistöße zugelassen. Besonders zu Hause gab es kaum brenzlige Situationen. Die Atmosphäre bei den Heimspielen in Jena, es war immer ausverkauft, war schon etwas Besonderes.

© Jens WeißenburgerDas Endspiel ging mit 2:1 verloren.
Wir hätten das Spiel klar gewinnen können. Wir waren besser. Nach der Pause hatten wir eine Riesenchance zum zweiten Tor. Am ersten Gegentreffer war ich nicht ganz unschuldig im Abwehrverhalten, das hab ich immer noch im Kopf. Da hätte ich mich besser anstellen müssen. Aber Fußball ist ein Mannschaftsspiel, jeder macht Fehler und das wird eben auf diesem hohen Niveau bestraft.

Beide Teams – Jena und Tiflis – versuchten bei der UEFA zu intervenieren, um das Spiel nicht in Düsseldorf austragen zu müssen, sondern im „Osten“. Wäre das nicht besser für die Fans und vielleicht sogar die Mannschaften gewesen?
Für uns war Düsseldorf der „Westen“ – wir sind damals gerne in den Westen gefahren. Das sah ja alles bunt und schön für uns aus. Aber wir hatten als Mannschaft gar keinen Einfluss darauf, wir wurden überhaupt nicht gefragt. Das System war so, dass man auch keine Fragen gestellt hat…

© SUPPORTERS CLUB im FC Carl Zeiss JENA e.V.Wissen Sie, wie die rund 1000 Jenaer Fans, die damals mit in Düsseldorf waren, ausgewählt wurden?
Ich denke einzig und allein nach politischen Gesichtspunkten, das heißt: keine Westverwandtschaft, bewährte kader- und linientreue Genossen. Die echten Fans durften ja nicht mitfahren. Es hätte sich aber mal als gute Geste verstanden, unsere Ehefrauen einzuladen und mitzunehmen. Aber das war alles kein Thema, das wurde überhaupt nicht in Erwägung gezogen.

Wie kann man sich das damalige Reisen zu den Spielen im „Westen“ vorstellen?
Einfach und geschmacklos für die heutigen Verhältnisse! Bei der Fahrt zum Endspiel wurde unser Mannschaftsbus das erste Mal in Eisenach von den „Hütern des Friedens“ kontrolliert. Die haben uns provoziert und gefragt: „Wo wollt ihr denn hin?“. Mit ihren Ferngläsern haben sie von außen in den Bus geguckt. Auf der anderen Seite, in Hersfeld, kam der westdeutsche Zoll. Der war mit uns relativ locker. In Ratingen waren wir in einem Hotel untergebracht. Da hat man schon gesehen, dass es  viele „Freunde des DDR-Fußballs“ (Anm.: also mutmaßliche Stasimitarbeiter) gab, die sich in der Lobby rumgedrückt haben. Es war schwierig für uns überhaupt mit anderen Leuten ins Gespräch zu kommen. Aber uns war es eh anerzogen, vorsichtig zu sein. Wir waren lieber auf den Zimmern, da waren wir sicher.

Ich nenne noch ein anderes Beispiel: Wenn wir mittwochs in Spanien oder in Italien spielten, dann fuhren wir bereits Montag früh um fünf Uhr mit dem Bus nach Berlin. Dort bekamen wir unseren Ausweis abgenommen. Den Reisepass bekamen wir von jemandem ausgehändigt, der extra am Flughafen auf uns wartete. Mit einem „Billigflieger“ sind wir, meistens über tausend Ecken, nach Prag. Dort mussten wir umsteigen, um weiter nach Rom oder Madrid zu fliegen. Das Spiel war immer am Mittwochabend und schon am nächsten Morgen um sieben Uhr ging es mit der gleichen Tortour zurück. Donnerstag gegen Mitternacht waren wir schließlich wieder zu Hause – samstags folgten die nächsten Punktspiele. Das wir nicht einmal trainierten, das hat überhaupt keinen interessiert. Trotzdem war es eine schöne und interessante Zeit.

© Jens WeißenburgerWie wurde die Mannschaft verpflegt?
Wir waren den ganzen Tag ohne Essen unterwegs, ausgenommen dem, was es im Flugzeug gab. Wir haben 10 DM für einen Tag bekommen. An- und Abreise haben die als einen Tag berechnet, somit hatte man für vier Tage 30 DM zur Verfügung. Wenn die uns ernsthaft kontrolliert hätten, wenn wir zum Sonderkurs von 1:8 oder 1:10 ein bisschen Geld getauscht haben, damit wir den Kindern eine Freude machen konnten, dann hätten sie uns noch wegen Devisenvergehen gesperrt.

Wie viele Medienvertreter oder Funktionäre waren damals direkt im Mannschaftsbus dabei?

Direkt mit uns ist keiner gereist, wenn dann sind damals alle separat gefahren. Im Bus waren aber immer ein, zwei Leute, die niemand kannte. Die haben, so denke ich, immer schön auf uns aufgepasst; dass nichts passiert, dass keiner krank wird… Lachend fügt Lindemann hinzu: Vielleicht waren es ja Ärzte, man weiß es nicht!.

Angeblich wird in Georgien jedes Jahr zum Nationalfeiertag dieses Spiel im Fernsehen wiederholt…

…wir haben das gesehen! Als wir dort waren, 2001 oder 2002. Damals sind wir eingeladen worden und haben noch einmal gegen die Tifliser Mannschaft gespielt. Es waren bestimmt 40.000 Zuschauer im Stadion.

Eine Revanche blieb damals aber aus, denn die Georgier konnten einen 3:1-Sieg ihrer Mannschaft bejubeln.

Name: Lutz Lindemann
Alter: 61 Jahre
Position: Sportlicher Leiter bei Sportfreunde Siegen
Schuhgröße: 42
Persönlicher WM-Tipp: Spanien
Lieblingsverein: „Ich habe 10 Jahre in Aue gearbeitet, ich habe in Jena gearbeitet und gespielt und ich habe auch in Erfurt gespielt. Ich denke schon, dass man mit diesen Vereinen verbunden ist, ohne jetzt zu sagen: ‚Ich habe einen Lieblingsverein‘“.
Spiel des Lebens: der Kantersieg (4:0) gegen den AS Rom 1980
Marco Fieber, 24,
studiert Politikwissenschaft und Kaukasiologie in Jena

Copyright: to4ka-treff
Juni 2010
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