Überwintert

Tiraspol: Transnistrien bekommt den Bachelor

Foto: Viktor BikanowFoto: Viktor Bikanow In diesem Winter feiert die Transnistrische Staatliche Taras-Grigorevich-Shevchenko-Universität (PGU) ihr 80. Jubiläum. Und im 80. Dezember der PGU kam es zu einem historischen Ereignis: Es wurde die Entscheidung zum Übergang ins Bologna-System gefällt. Schon ab dem nächsten Jahr werden alle neuen StudentInnen nach, für Transnistrien, ganz neuen Ausbildungsstandards unterrichtet. Und damit ist auch die Transnistrische Moldauische Republik (PMR) in den Bologna-Prozess mit eingebunden.

Transnistrien?

Mit etwas mehr als 500.000 Einwohnern wohnen in Transnistrien etwa 20 Mal weniger Menschen als in Moskau und mit einer Fläche von 4.000 Quadratkilometern ist die PMR ungefähr zwei Mal so groß wie Stuttgart. Leider kennen nicht viele diese Republik, und man findet sie außerdem auch auf keiner Karte (offiziell gehört die PMR zum Gebiet der Republik Moldau). Aber wie dem auch sei – in diesem Jahr feiert Transnistrien schon seinen 21. Geburtstag. In dem kleinen Gebiet leben ungefähr 35 Nationalitäten. Die zahlenmäßig stärksten von ihnen sind die Moldauer, die Russen und die Ukrainer (jede dieser Nationalitäten macht etwa 30% der gesamten Einwohnerzahl aus). Bei uns spricht man drei offizielle Sprachen: moldauisch, russisch und ukrainisch. Und obwohl das Land nicht anerkannt ist, hat es einen Präsidenten, eine Regierung, eine Armee und eine eigene Währung – den transnistrischen Rubel –, eine Flagge, ein Wappen u.s.w.

Copyright: Гувернул Републичий Молдовенешть НистренеDie Nicht-Anerkennung und die Spannungen in der Beziehung zur Nachbarrepublik Moldau sind die Hauptprobleme des Landes und seiner Einwohner. Entlang der gemeinsamen Grenze befinden sich Posten der vereinten Friedenskräfte aus Russland, Moldau und Transnistrien, und ebenso militärische Beobachter der Ukraine. Diese Friedenskräfte wurden nach dem Krieg von 1992 zwischen Moldau und Transnistrien dorthin geholt. Seitdem hat es keine bewaffneten Konflikte mehr gegeben. Aber die Beziehungen bleiben dennoch gespannt.

Studieren in Transnistrien

Foto: Viktor BikanowDie Hauptstadt Tiraspol ist eine Studentenstadt: Hier gibt es mehr als elf Hochschulen, von denen vier in staatlicher Hand sind. Mehr als die Hälfte der AbiturientInnen entscheidet sich für die PGU. Eine nicht unwichtige Rolle für diese Beliebtheit der Hochschule spielt die ziemlich breite Auswahl an angebotenen Studiengängen und die Möglichkeit eines kostenlosen Studiums auf Budgetbasis – ergo auf Basis einer erfolgreichen Absolvierung der Aufnahmeprüfungen. Nach einer erfolgreichen Prüfungsphase können sich die Studierenden für eines der Stipendien bewerben: das Standard-, das erhöhte Stipendium und das Stipendium des Rektors, des Präsidenten u.s.w. Das erhöhte Stipendium zum Beispiel umfasst 200 transnistrische Rubeln (15 Euro) im Monat und reicht für die Miete im Wohnheim für ein ganzes Semester.

Die Einführung des neuen Systems ist vor allem mit Blick auf die Harmonisierung des Studienprogramms mit Russland ausgerichtet, das bereits auf das neue System umgestiegen ist. Die Nachricht vom Umstieg auf das Bologna-System wurde sowohl von den StudentInnen als auch von den Lehrenden unterschiedlich aufgenommen. Nicht wenige von ihnen haben nur vage Vorstellungen davon, was denn dieses Bologna-System eigentlich genau ist. Aber praktisch alle wissen, dass sich die Studienzeit von fünf auf vier Jahre verkürzt und dass man nach Erreichen der Bachelor-Stufe noch den Master machen kann – aber an einer anderen Hochschule. Führt also der Anschluss Transnistriens zu einer auf europäischem Gebiet einheitlichen Hochschulbildung?

Die Bologna-Reform in Transnistrien

Foto: Viktor BikanowSvetlana Sergeevna, Dozentin: „Ich denke, dass das ein Schlamassel wird. Wir müssen gleichzeitig nach dem neuen „Bologna“-Programm und nach dem alten unterrichten – für jene, die sich 2010 oder früher immatrikuliert haben. Und die Studierenden mit einem Diplom über ein vierjähriges Hochschulstudium könnten Probleme bei der Jobsuche bekommen.“

Igor Gennadevich, Dozent: „Abgesehen von all den Schwierigkeiten beim Umstieg auf das neue System denke ich, dass es den transnistrischen Studierenden riesengroße Perspektiven eröffnet. Bologna-Studierende können schließlich an jeder beliebigen europäischen Hochschule studieren, selbst, wenn sie die jedes Semester wechseln.“

Foto: Viktor BikanowIrina Leonidovna, Lehrende: „Man hört in den höheren Semestern sehr oft, dass die Studierenden die Wahl ihres Studienschwerpunktes bereuen. In dieser Hinsicht hat das neue System einen großen Vorteil, denn man kann sich nach vier Jahren Bachelor einen neuen Schwerpunkt für den Master aussuchen.“

Eduard S., Student: „Ich kann mir nicht vorstellen, unterschiedliche Fächer miteinander zu kombinieren. Wie kann man in zwei Jahren Master umfassendes Wissen zu einem neuen Studienfach bekommen, ohne schon Basiswissen darin zu haben? Und es ist praktisch unmöglich für Studierende aus Transnistrien, das nötige Geld für ein Studium an einer ausländischen Bologna-Universität zusammen zu bekommen. Wenn man bedenkt, dass es an der PGU keinen Master geben wird, dann läuft das also darauf hinaus, dass die Mehrzahl der AbiturientInnen in unserem Land keine vollständige Hochschulausbildung mehr bekommen kann. Und das führt wieder zu Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche. Aber ich sehe auch Pluspunkte: Die Studierenden stellen ihren Stundenplan selbst zusammen und sind nicht verpflichtet, Disziplinen zu belegen, die sie nicht interessant finden oder nicht brauchen.“

Inna B., Studentin: „Eine Wissenskontrolle ausschließlich in Form von Prüfungen offenbart nicht die ganze Breite des Wissens, die du während deines Studiums erlangt hast. Für Faulpelze ist das aber eine Möglichkeit, die eine oder andere Prüfung nur durch Raten zu bestehen. Die Wahl der Themen und eine große Selbständigkeit im Studium sind klare Pluspunkte. Die StudentInnen müssen nicht zwingend die Vorlesungen besuchen und können nur zu den praktischen Übungen gehen. Denn schließlich müssen gute Studierende nicht unbedingt zu Vorlesungen. Andererseits kann das zu einem Leistungsabfall bei nicht sehr motivierten Leuten führen…“.

Wie man sieht, gehen die Meinungen über die neue Ordnung weit auseinander. Es ist schwer vorhersehbar, was die Erstsemester im nächsten Jahr erwartet. Man kann nur hoffen, dass sich das Ausbildungssystem als hinreichend flexibel erweist – und dass es der PGU gelingt, schmerzlos und schnellstmöglich auf die neuen Standards umzusteigen.

Viktor Bykanov, 21
studiert Philologie in Transnistrien,

Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: To4ka-Treff
Februar 2011

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