Identitäten

Reste einer Mikro-Utopie – Das „rote Zion“ Birobidschan

© PrivatIn einer sumpfigen Gegend an der Grenze zu China entstand in den 1920er-Jahren ein Autonomiegebiet für Juden aus der UdSSR und der ganzen Welt. Was ist heute von diesem Projekt geblieben?

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Die Rede war vom „roten Zion“. Gemeint war eine einzigartige Kooperation von jüdischer Autonomiebewegung und sowjetischem Kommunismus. Es war im Mai 1928, als die Sowjetregierung den Vorschlag zur Gründung eines jüdischen Autonomiegebiets ratifizierte und dem Siedlungskomitee jüdischer Arbeiter offiziell den zukünftigen Birobidžanskij Rajon zuteilte: 4,5 Millionen Hektar in der Amurregion. Die ungelöste „Judenfrage“ war dabei Teil der „Nationalitätenfrage“ im Allgemeinen, die Lenin wie Stalin schon seit 1913 umtrieb. Im russischen Imperium wurden Juden zwar nicht in Ghettos eingesperrt, jedoch massiv in ihrer persönlichen Freiheit beschränkt. Als vorläufige Alternative zur zaristischen Russifizierungspolitik verlieh die Sowjetregierung zahlreichen Minderheiten den Status einer eingetragenen Nationalität und übertrug ihnen Autonomie über ihr Territorium. Die Gründung des Jüdischen Autonomen Oblast (EAO) erfolgte vier Jahre nach dem Gründungsversuch eines ähnlichen Distrikts auf der Krim. Dieser war an den Protesten der dortigen Bevölkerung gescheitert. Man entschied sich also für ein bevölkerungsarmes Gebiet – die fernöstlichen Sümpfe.

Trockenlegen der Sümpfe

© PrivatMit etwa 75.000 Einwohnern ist Birobidschan noch heute Hauptstadt des EAO. Sieben Stunden Zeitverschiebung von Moskau entfernt und unmittelbar nördlich der chinesischen Grenze fühlt es sich hier zumindest für Europäer noch immer ein bisschen an wie der Ort, den die ersten Siedler manchmal das „Ende der Welt“ nannten. Die Zeichen jüdischen Lebens empfangen uns direkt am Bahnhofsplatz, wo eine große Menora einen Brunnen überragt. Eine Synagoge, ein Denkmal für Scholem Alejchem und vor allem die hebräische Schrift etwa über dem zentralen Markt verweisen auf die jüdische Geschichte der Stadt. Diese lässt sich am besten im Stadtmuseum erkunden. Hier finden sich zahlreiche Dokumente aus der Gründungszeit, die zeigen, wie sehr sich die sowjetische Utopie mit dem jüdischen Wunsch nach Befreiung gepaart hatte. Der Titel einer damals erscheinenden Zeitschrift war Najlebn (jiddisch für „Neuanfang”). Interessant sind auch die Dokumente der Kommune IKOR – Akronym für yiddish kollektiv orbejter –, ein Kolchos, der im Bestreben nach wirtschaftlicher Autarkie und in der relativen Geschlossenheit der Gemeinschaft an einen Kibbuz erinnert.

Im Kulturzentrum Fried treffen wir dessen Leiter Roman Isaakovič Leder. Er schenkt uns ein Buch seiner Gemeinde, das einige einzigartige Dokumente enthält, vor allem Erinnerungen der ersten Siedler. Vom Aufbau einer Welt aus dem Nichts ist da die Rede, vom Trockenlegen der Sümpfe und schweren Mückenplagen. Klar wird beim Lesen dieser Texte, dass das „rote Zion“ zwar mit einer Verheißung verbunden war und sogar neugierige Juden aus aller Welt anlockte. Aber auch, dass die meisten sowjetischen Juden schlicht der Mangel an Arbeit und Ernährung motivierte, tausende Kilometer östlich ein neues Leben zu wagen.

© PrivatDie Biographie Roman Isaakovičs spiegelt die wechselhafte Geschichte der Stadt gut wieder. 1931 waren seine Eltern als Komsomolzen nach Birobidschan gekommen. Sie sprachen jiddisch, die Amtssprache der Region. 1949, als er die Sprache seiner Eltern lernen wollte, wurde deren Lehre vom Programm der jüdischen Stadtschule gestrichen. Die Säuberungswellen Stalins gingen mit einem Kurswechsel in der Nationalitätenpolitik einher und trafen auch die „jüdische Intelligenzija“. Bücher wurden verbrannt und Menschen abgeholt. Erst nach dem Tode Stalins blühte das jüdische Leben in der Region wieder auf. Aufgrund dieser dunklen Episoden ist der utopische Geist aus der Frühzeit der Sowjetunion für viele längst zur Karikatur seiner selbst geworden. Doch was man aus dieser entlegenen Provinz mitnimmt, ist das Gefühl, dass vielleicht gerade der Mangel einer nationalen Heimat im traditionellen, territorialen Sinn und die Vermischung von Kulturen fern der sowjetischen Machtzentren über viele Jahre ein friedliches Leben ermöglicht haben.

Rückkehr in die Fremde?

© PrivatDen Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung der Region schätzt man heute auf lediglich ein bis vier Prozent. Gemeinsam mit der Bibliothek verwaltet das Kulturzentrum Fried heute die Reste jüdischen Lebens in Birobidschan, finanziell unterstützt von Stiftungen aus Israel, den USA und auch Deutschland. Es bietet Unterkunft für neun Vereine, organisiert die jüdische Biennale, zu der Künstler aus der ganzen Welt anreisen, und importiert und verteilt Nahrungs- und Arzneimittel an die jüdische Bevölkerung. Auch das jüdische Cafe Frejlechs („fröhlich“) und den Supermarkt Zimes (Name für ein jüdisches Gericht) halten noch die jüdischen Fahnen hoch. Um koschere Produkte anzubieten, fehlen ihnen jedoch die Mittel – das einzige koschere hier, sagt man uns, ist der Wodka. Kein Wunder, dass der Rabbi gezwungen ist, 175 Kilometer entfernt in Chabarowsk zu wohnen.

Roman Isaakovič behauptet trotz allem, er sehe die Zukunft seiner Stadt positiv. Vor fünfzehn Jahren, vertraut er uns an, habe er geglaubt, das Leben der jüdischen Gemeinschaft in Birobidschan werde aussterben. Heute aber, dreizehn Jahre nach der Gründung des Zentrums Fried, hat sich die Situation verbessert. Seit einigen Jahren ist die Zahl der jüdischen Einwanderer größer als die der Auswanderer. In den 1990er-Jahren, so Roman Isaakovič, flohen viele Menschen aus der Arbeitslosigkeit nach Israel. Heute kommen viele zurück, weil sie sich dort nicht zuhause fühlen. Das Klima dort sei ihnen ganz fremd, sagen sie. Und auch er, so Roman Isaakovičs, könne sich nicht vorstellen, an einen Ort zurückzukehren, an dem er nie gewesen ist.

Marta Lupica Spagnolo, 26, studiert M.A. Linguistik
an der Humboldt Universität zu Berlin.

Roman Widder, 26, studiert M.A. Europäische Literatur
an der Humboldt Universität zu Berlin.

Copyright: To4ka-Treff
März 2012

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