Nachtschwärmer

Die dunkle Seite der Kunst

© Ekaterina Glebova In Hamburg blüht Straßenkunst in einer seltenen Vielfalt. Die einen betrachten es als Sachbeschädigung, andere als legitimen Ausdruck ihrer Individualität. Ein Streifzug.

Es ist Samstagnacht. Im Untergeschoss des Kulturzentrums „Rote Flora“ im Hamburger Schanzenviertel hallen tief wummernde Electrobeats von den bunt bemalten Wänden, die Körper der Feiernden vibrieren im Rhythmus der Bässe. Dazwischen tauchen drei junge Männer auf, die dicke Lackfarbstifte aus den Taschen ziehen. In zackigen Schriftzügen verewigen sie sich auf den verschmierten Wänden und tauchen, so schnell wie sie kamen, wieder in die Menge der Feiernden ab.

© Ekaterina Glebova
In der Nacht sprühen die Künstler ihre Bilder an Häuserwände, Züge und auch auf Böden.


„Die Rote Flora“ ist ein Biotop für Street Art in Hamburg. Seit 22 Jahren besetzt und autonom verwaltet, gibt es keine unbefleckte Wand mehr, an der nicht ein Graffiti-Künstler seinen Namen in bunten Lettern getaggt hätte. Hier eroberten sich die Jugendlichen 1989 einen Ort im öffentlichen Raum, der bis heute existiert. Von hier breitete sich dieser Eroberungszug in Form von Street Art aus. Sowohl junge, als auch erfahrene Künstler setzen bis heute in der ganzen Stadt mit Plakaten, Graffitis und Malereien einen bunten Kontrapunkt zu eintönigen Werbetafeln.

„Mit Schmierereien fängt alles an“, meint der 21-jährige Lexo* als er seine ersten Schritte beschreibt. Stolz ist er darauf nicht gerade. Angefangen hat Lexo vor fünf Jahren. Inzwischen sind aber viele farbenfrohe Schriftzüge und großflächige Graffitis von ihm zu finden – und zwar überall in der Stadt. Damit hat er sich in der Szene einen Namen gemacht und sagt: „Auf der einen Seite will man berühmt werden, aber auf der anderen Seite muss man doch immer anonym bleiben.“ Vor kurzem wurde er nachts von der Polizei erwischt und für einige kleine Schriftzüge zu 5000 Euro Schadenersatz verurteilt. Lexo meint: „Die Strafe hat echt gesessen und trotzdem beschäftige ich mich jeden Tag weiter damit.“

Drakonische Strafen sind nicht das einzige Mittel, mit dem die Behörden in der Hansestadt versuchen das Phänomen zu bekämpfen. Beim Landeskriminalamt ist eigens eine „Ermittlungsgruppe Graffiti“ eingesetzt worden, weil die Sprüherei in den 90er Jahren ausuferte. Nicht selten kommt es vor, dass sich Polizisten in Zivil nachts an Abstellgleisen und Straßenbrücken auf die Lauer legen – immer in der Hoffnung die Sprayer auf frischer Tat zu ertappen. Doch die werden immer wagemutiger, weiß Wiebke Sager vom Amt für Stadtentwicklung und Umwelt. „Die trauen sich an immer gefährlichere Stellen, so dass kein Arbeiter bereit ist, das dann dort zu entfernen.“ Ihre Behörde legte daher ein Programm auf, dass Hausbesitzer dazu animieren soll, Graffitis zu entfernen und ihre Fassaden zu schützen. Am Effektivsten erweist es sich, wenn Hausbesitzer Künstler beauftragen ihre Fassaden zu bemalen – dadurch werden illegale Sprayer ferngehalten, weil sich die farbige Grundfläche nicht mehr zum Besprühen eignet.

An mehreren Hamburger Schulen führt die Polizei nun auch Präventionsprojekte durch, besucht mit ehemaligen Sprühern Klassen und warnt eindringlich vor den Gefahren des Graffiti. Schließlich wird es seit 2007 als Straftat geahndet; Gefängnis und hohe Entschädigungszahlungen sind für Wiederholungstäter die Folge. Auf der anderen Seite gehen Schulen allerdings auch direkt auf Graffiti Künstler zu, um mit ihnen gemeinsame Workshops und Projekttage durchzuführen.

Graffiti ist zur anerkannten Kunstform avanciert

© Ekaterina Glebova Graffiti hat sich zu einer anerkannten Kunstform gemausert, die auch in Galerien ausgestellt wird. Eine solche ist das OZM in der Bartelstraße, in der Nähe der Sternschanze. Die Fassade des Gebäudes strotzt wie die „Rote Flora“ nur so von prächtigen Graffitis. Im Innern stellen jeden Monat lokale und internationale Graffitikünstler ihre Werke in der komplett weiß gestrichenen Etage aus. Einer der Künstler ist Michael Kiesling, selber Hamburger und seit über dreißig Jahren in der Szene aktiv. Ohne Scheu präsentiert er sein „Blackbook“, ein Skizzenbuch mit sämtlichen Entwürfen. „Mich gibt's nur noch unter bürgerlichem Namen“, sagt er und meint damit, dass die Zeiten vorbei seien, in denen er nachts illegal Züge und Wände bemalt hat. „Ich habe es auch nie wegen des Kicks gemacht, aber irgendwann wollte ich mir mehr Zeit nehmen, um ausgefeiltere Bilder zu malen.“ Er hat seine Kunst jetzt von der Straße ins Atelier verlagert. Tatsächlich gibt es auch in Hamburg Graffiti-Künstler, die vom Verkauf ihrer Kunst und ihren Aufträgen leben können, andere verdienen sich als „Wandgestalter“ ein Zubrot. Wofür sie früher horrende Strafen fürchten mussten, werden sie heute von den Hausbesitzern engagiert und entlohnt.

Die Geschichte der Street Art begann im Dunkeln der Nacht. Nun tritt sie langsam ans Tageslicht. Am Horizont dämmert die aufgehende Sonne, in deren Schein eine neue Entwicklung zu Tage tritt. Das Hamburger Schanzenviertel, einst heruntergekommenes Altbauviertel zwischen Stadtzentrum und St. Pauli, avancierte aufgrund seiner alternativen Vielfalt zum hippen Szeneviertel. Mit individuellem Style und originellen Aktionen haben manche Street Artists eine eigene Marke geschaffen. Dieses kreativ-alternative Umfeld, als Gegenbewegung zu marktwirtschaftlicher Verwertungslogik gedacht, zieht genau jene Akteure wieder an. Der französische Zigarettenhersteller Gauloises bietet Touren durch das Viertel an, Investoren treiben die Mieten in die Höhe – die wettbewerbslose Straßenkunst wird zum Wirtschaftsfaktor.

Alex Heimkind, Mitbetreiber der Galerie OZM, initiierte Online-Auktionen der ausgestellten Kunstwerke. Er sagt: „Street-Art hat sich in den letzten 30 Jahren in einer Vielzahl von diversen Stilen entwickelt – und zwar sowohl auf der Straße, als auch in der Galerie.“ Auf Grund der Vielfalt der Szene und dem globalen Maßstab, den sie mittlerweile erreicht hat, werde sich Street Art nicht vereinnahmen lassen. Und in manchen Augen wird sie eben für immer die dunkle Seite der Kunst bleiben.

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* - der Name wurde geändert.

Ruben Schenzle, 24, studiert Islamwissenschaften
Ekaterina Glebova, 20, studiert Journalismus

Copyright: To4ka-Treff
Januar 2012

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