BERLINALE-SPECIAL


Dovlatov und Schneeträume

Jedes große Festival hat eigene "Spielregeln". Es gibt kein konkretes Dokument darüber — Filmkritiker und Journalisten sind normalerweise diejenigen, die diese Regeln öffentlich erläutern. Im Fall der Berlinale ist allerdings alles glasklar. Unter der Leitung von Dieter Kosslick ist dieses Festival zum wohl politischsten Filmfestival unseres Planeten geworden. Hier liebt man den aktuellen Film, der die "Nervendruckpunkte" aufzeigt, historische Narben zum Vorschein bringt und kollektive Traumata erforscht.
© Berlinale Die Filme russischer Regisseure haben nie wirklich in dieses Konzept gepasst. Die Vergangenheit blieb ein zu schmerzvolles Thema und über die Gegenwart erzählte es sich nicht gut genug: In den Nuller Jahren war der russische Film auf tragische Art und Weise nicht mit der Zeit und der Epoche synchronisiert. Nur im Folgejahrzehnt fing sich diese Situation an zu verändern. Und 2018 kann man sagen, dass sich die Lage endgültig zum Guten gewendet hat. In diesem Jahr sind gleich 5 russische Filme Teil der Berlinale.

Fast alle diese Filme sind Coproduktionen. Bei Filmfestivals lässt sich das Hauptprinzip der Olympiade, dass auf dem Trikot der Sportler nur die Fahne eines Landes abgebildet sein kann, nicht anwenden. Der moderne Film ist international. Im Katalog des Festivals in Cannes wird seit einiger Zeit das Produktionsland komplett weggelassen. Nur der Autor ist wichtig. In Berlin ist man bislang noch nicht so weit gegangen, aber die "Nationalität" des Films wird auch hier schon lange nicht mehr angesprochen.

Das heißt im Übrigen nicht auch gleichzeitig, dass niemand mehr Bedarf in einer kulturellen Eigenständigkeit und Identität hat. Es ist nur so, dass davon als Zutat in einem Film nicht mehr sein sollte, als auch vom Universellen. Dies hat im vollen Maße der einzige russische Film im Wettbewerb "Dovlatov" von Alexej German jr. geschafft. Das erste Screening des Films war gleich zu Beginn der Berlinale und zeigte eine Trend auf, den man auch in weiteren Filmen später erkennen konnte: Die Berlinale 2018 erforscht die Gegenwart durch das Prisma der Vergangenheit.
Dovlatov © SAGa Films Viele Zuschauer, die "Dovlatov" nur anhand des Titels zu beurteilen versuchten, dachten fälschlicherweise, es würde sich um die Biographie des Schriftstellers Sergej Dovlatov handeln. In Wirklichkeit sehen wir ihn auf der Leinwand (gespielt vom serbischen Schauspieler Milan Maric) einige Tage im November 1971 durchleben. Er bummelt durch Leningrad und versucht seine Erzählungen in eines der damals berühmten Magazine unterzubringen, er schreibt eine Reportage für eine Fabrikzeitung über ein neues Schiff, was zu Wasser gelassen werden soll. Er trifft sich mit seinen Freunden, — Künstlern, Schriftstellern und Dichtern, die von der offiziellen Kulturnomenklatura genauso verstoßen worden sind, wie er selbst. Er lauscht den Gedichten von Joseph Brodsky und versucht den ganzen Film über sich bei jemandem Geld zu leihen, um seiner Tochter eine deutsche Puppe kaufen zu können.
Dovlatov © SAGa Films Der Alltag der Siebziger Jahre ist im Film mit detaillierter Genauigkeit nacherzählt worden (silberner Bär für Ausstattung). Aber diese Tatsache verwandelt "Dovlatov" nicht in eine historische Rekonstruktion. Die "Gesichtszüge" der Epoche sind trotzdem verschwommen, gehen in einem milchigen Nebel unter, der die Gesichter, Straßen und Promenaden Leningrads umhüllt. Laut German, kann man Zeit nicht filmisch wiedergeben, man kann sie nur neu erschaffen, als Traum, nicht als Realität. Die Protagonisten dieses Traums sind nicht nur der Schriftsteller selbst, sondern eine ganze Generation von Menschen, die nie den Preis ihres Talents erfuhren. Künstler ohne Ausstellungen, Regisseure ohne Screenings, Dichter ohne Publikationen. Es ist kaum möglich, keine Parallelen zum heutigen Russland zu ziehen. Wenn sich ein Staat in Stagnation befindet, sich selbst konserviert, leiden in erster Linie Künstler drunter, die Culturekeeper des Landes — und sie sind es auch, die im Endeffekt vielleicht die wichtigste Rolle in der Etappe des Erwachens spielen, die mit Sicherheit kommen wird.

Ein Beispiel anderer Aktualität zeigt Regisseur Timur Bekmambetov mit seinem Film "Profile" (der den"Panorama Publikumspreis"gewonnen hat). Interessant ist, dass ein Mensch, der in Russland in den letzten Jahren fast nur als Producer von Komödien auftritt, sich außerhalb des Landes als Revolutionär und Experimentator entpuppt. "Profile" ist ein englischsprachiger Desktop-Thriller. Erfunden von Bekmambetov selbst. Die Handlung passiert auf dem Bildschirm eines Computers mit Facebooknachrichten und Skypegesprächen.
© Bazelevs Die britische Journalistin Amy (Valene Kane) recherchiert für eine Reportage darüber, wie ISIS-Terroristen junge Frauen aus Europa rekrutieren, und legt dafür Fake-Accounts in sozialen Netzwerken an. Mit ihrem Fakeprofile vergibt sie Likes an Webseiten mit religiösem Inhalt und Videos. Schon bald wird sie von Bilel (Shazad Latif) kontaktiert — wie sich schnell zeigt ein ISIS — Rekrutierer, der selbst London verließ, um sich den Rebellen in Syrien anzuschließen. Zuerst spielt Amy nur die Rolle eines in den Islam konvertierten jungen Mädchens, tut so, als ob sie Bilels Märchen Glauben schenkt. Aber nach und nach wird die emotionale Bindung der zwei Charaktere immer tiefer. Und schon bricht Amy heulend zusammen, als sie glaubt, dass ihr ans Herz gewachsener Terrorist in einem Kampf ums Leben gekommen wäre.

Das Berliner Publikum hat "Profile" und seinen Machern tosenden Applaus geschenkt. Das für die ganze Welt schmerzhafte Thema gepaart mit einer in den Bann ziehenden Darstellungsform (man ist tatsächlich vom Bildschirm hypnotisiert, ist ja schließlich ein Thriller) haben die Zuschauerherzen definitiv erobert. Hätte der Film auch auf Russisch spielen können? Natürlich. Aber das Zielpublikum des Films wäre dadurch sofort ums Mehrfache geschrumpft. Und Bekmambetov ist durch seine Arbeit in Hollywood daran gewöhnt, sich an Millionen zu wenden.

Wenn ein Regisseur seinen Wohnsitz ändert, heißt es natürlich nicht, dass er sich von seinem heimischen Kulturcode und der Sprache abwendet. Sergei Loznitsa ist ein weiterer Teilnehmer der Berlinale: geboren in Weißrussland, in Kiew und Moskau studiert, in St.Petersburg gearbeitet und später nach Deutschland ausgewandert. Seine Filme, sowohl Spielfilme als auch Dokus, sind, was die Erforschung des Menschen im postsowjetischen Raum angeht, ungemein genau und tief.

"Victorys Day", der im "Forum" der Berlinale seine Premiere feierte, wurde im Berliner Treptower Park am 9. Mai 2017 gedreht. Die parteilose Kamera fixiert die feiernden Pilger zum berühmten Denkmal sowjetischer Soldaten.
© Imperativ Film Die Besucher sind Vertreter verschiedener Nationalitäten, sozialer Schichten und Generationen. Sie machen Selfies, lachen, legen rote Nelken ans Denkmal. Außer der russischen Flagge sieht man im Bild auch die Ukrainische und Kasachische. "Wir sind hier alle Sowjetmenschen", sagt eine Stimme aus der Menschenmenge. Die Sequenzen der Massen werden an statische Bilder der Steinskulpturen und Reliefs des Bildhauers Evgeni Vutschetsch im Park montiert: eine Mutter, die ihr Kind an sich drückt, die Speere der Soldaten, weinende Eltern, Bauern, die Flugzeugen ihre drohenden Fäuste in den Himmel zeigen. Diese versteinerte Traurigkeit steht entweder als Gegenpol zur herrschenden Freude an diesem Tag, den tanzenden und singenden Menschen oder sollen die Partystimmung einfach nur ausgleichen. Loznitsa gibt keine Antworten und stellt im Grunde auch keine Fragen. Der Große Vaterländische Krieg tritt in "Victorys Day" als riesiger Mythos auf, der gleichermaßen mit einer tiefen Reflexion, als auch großen, zerstörerischen Kraft belegt ist.

Nicht nur Regisseure, sondern auch Schauspieler können den Sprung in den modernen Film wagen. Einer der ungewöhnlichsten Filme der Berlinale ist mit Abstand das Drama "Aga" des bulgarischen Regisseurs Milo Lazarov. Gedreht in Jakutien, finanziert mithilfe deutscher und französischer Produzenten. Das ist eine märchenhaft schöne Erzählung über das Ende der Zeit, mit nur vier Protagonisten: der Vater-Jäger, seine Frau, ihr Sohn und ihre Tochter Aga, die schon lange das Elternhaus verlassen hat. Alles versinkt in Schnee, es gibt kaum Dialoge und wenn, dann erzählen die Protagonisten einander ihre Träume und altertümliche Legenden. Zum realen Leben der Jakuten hat der Film nur wenig Bezug. Auf der Pressekonferenz gibt der Regisseur zu, dass er sich fast alle Details des Alltags der Filmfamilie ausgedacht hat.
© Kaloyan Bozhilov Interessant ist der Film "Aga" nicht nur aus künstlerischer Sicht. Er bringt die selbst ernannte jakutische Erscheinung "Sahawud" auf ein neues, internationales Level. Diese Erscheinung ist im zentralen Teil Russland leider viel zu schlecht bekannt: das jakutische Filmwunder (in der Republik Saha werden Dutzende Filme gedreht, die die Einheimischen mit großer Freude gucken) wurde durch europäische Verleiher vor einem Jahr entdeckt. Und zwar in Berlin.
© Kaloyan Bozhilov Bei "Aga" spielen Stars des jungen jakutischen Films mit wie Feodosia Ivanova ("Lagerfeuer im Wind"), Sergej Egorov ("Ferrum") und Galina Tihonova ("Mein Mörder"). Außerdem waren viele örtliche Filmemacher teil des international aufgestellten Filmteams.

Auf Filmfestivals ist es fast, wie bei den Olympischen Spielen (die dieses Jahr übrigens zeitgleich zur Berlinale stattfanden), man fiebert mit der "eigenen" Mannschaft mit. Der große und wichtigste Unterschied zwischen dem Sportwettkampf und dem künstlerischen Wettbewerb ist allerdings, dass es in der Welt des Films keine "Fremden" gibt. Festivals verschieben Grenzen, — und zwar viel effektiver als Politiker es jemals schaffen würden. Man sagt, Russland würde sich vom Rest der Welt abkapseln. In anderen Bereichen — vielleicht. Aber der russische Film will mit Sicherheit nicht hinter einem Stacheldrahtzaun sitzen.

Ksenia Reutowa


Journalistin, Filmkritikerin, Beraterin des deutschen Filmfestivals in St.Petersburg

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