Ent-Fernung


Alienation Zone

Anna Dumanska und Bogdan Misjurenko, Ukraine

  • © Anna Dumanska und Bogdan Misjurenko
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    Warst du in Tschernobyl? Tschernobyl. Dieses Wort löst weltweit die verschiedensten Emotionen aus. Manche Menschen haben noch nie etwas davon gehört und manche fangen an zu zittern, wenn sie dieses Wort hören. Unsere Eltern erinnern sich voller Trauer an diese Katastrophe und Jugendliche wollen am Ort der Katastrophe oft Stalker spielen, sind von der Sperrzone und den verlassenen Häusern wie angezogen. Und wir — wir, die Generation der Tschernobyl-Kinder — und wir wollen in uns Gefühle wecken, die die Reise ins Epizentrum der schrecklichen Ereignisse von vor 31 Jahren in uns mit Sicherheit hervorrufen wird.

    Die Säule bei Stadteinfahrt ist frisch gestrichen. Die Stadt lebt nur noch dank der Arbeiter-Liquidatoren, die die Folgen des Unglücks beseitigen. Wahrscheinlich wird dieser Beruf noch einige Jahrzehnte gefragt sein.
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    Es ist schwer, sich das Ausmaß dieser Tragödie wirklich vorzustellen. Viele Daten und Informationen, die man dazu im Internet findet, zeigen den Schrecken dieser Katastrophe. Auch die Menschen, die sich im Epizentrum der Explosion befanden, konnten sich damals nicht vorstellen, was diese Katastrophe für Folgen nach sich ziehen wird, wie sich der "unsichtbare Tod" über jeden Zentimeter Erde ausbreiten wird und niemand verschont bleibt. Die Luft war an dem besagten Tag auf den ersten Blick wie immer, so schien es. In Wirklichkeit war die Luft aber schon so vergiftet, dass an diesem Ort wahrscheinlich nie wieder Menschen leben werden.
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    Die Stadt Prypjat war in nur wenigen Tagen ausgestorben. Die einheimische Bevölkerung beruhigte man und versprach, dass sie in ein paar Tagen wieder nach Hause kommen könnte. Und so nahm sie nur das Nötigste aus ihren Häusern und Wohnungen mit. Die AKW-Stadt mit 40.000 Einwohnern wurde zur Geisterstadt. Die Asphaltstraßen der Stadt wucherten mit Bäumen und Sträuchern zu. Nur sehr selten fährt ein Touristenbus diese Straßen entlang, und das ist der einzige Grund, warum hier noch kein Urwald wächst. Im Zentrum der Stadt sind ein großer Platz und neunstöckige Häuser. Dann Supermärkte, Schulen, ein Park, ein Stadion, ein Hotel und andere Gebäude. Das alles ist nun ein einziger Stalker-Dschungel, eine Filmkulisse, am besten geeignet für Horrorfilme.
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    Wir spazieren einen Vergnügungspark für Kinder entlang und malen uns aus, wie es hier in der Vergangenheit wohl gewesen sein könnte. Rostige Karussellruinen im Kontrast zu freudigem Kinderlachen: daran denken wir, während wir hier sind. Vom Riesenrad aus sieht man heute wahrscheinlich ein Bild des Grauens. Aber das werden wir nie erfahren, denn es ist verboten hier etwas anzufassen. Vor allem das Metall strahlt wie verrückt.
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    Wir spazieren in der zugewachsenen Stadt, es ist schon fast eher ein Wald mit einigen Merkmalen einer Stadt. Auf einmal sind wir von Bäumen umringt. Unseren Touristenguide haben wir aus den Augen verloren und müssen nun selbst raten, wo genau wir sind. Wir erinnern uns zum Glück an die Worte des Reiseführers, er hatte erzählt, dass wir ganz in der Nähe des Stadions wären. Und plötzlich stoßen wir gegen... Sitzbänke! Ohne es zu merken haben wir uns die ganze Zeit schon auf dem Stadion bewegt. Das hat uns unglaublich verwirrt.
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    Die Führung, wenn man sie überhaupt so nennen kann, geht weiter. Es gibt in der Geisterstadt schon bestimmte Ecken und Plätze, die bei Reiseführern besonders beliebt sind und immer gern gezeigt werden. Den größten Eindruck hat bei uns die Schule hinterlassen. Alles sieht hier einfach so aus, als ob die Zeit mitten im Unterricht stehen geblieben wäre: aufgeschlagene Hefte auf den Schulbänken, Schulbücher in den Wandregalen. Natürlich sind wir nicht die Ersten, die diese Schule seit der Katastrophe besuchen. Nicht alles ist noch so auf seinen Plätzen, wie an dem Tag vor 31 Jahren. Hier waren im Laufe der Jahre auch viele Plünderer...
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    Postapokalyptische Schulflure. Meine Frau und ich verlaufen uns auch hier. Wir laufen von Klassenzimmer zu Klassenzimmer, sehen uns Bilder der Schulkinder an, lesen in ihren Heften, sind so darin vertieft, dass wir alleine zurück blieben: mit dieser Stille und dieser Verwüstung.
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    Wir finden unsere Gruppe im Schwimmbad. Ein einfach furchterregender Raum mit einer neu aussehenden Uhr an der Wand, erinnert total an die Horror-Thriller Filmreihe "Saw". Und auch hier hat die Natur gewonnen.
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    Auf dem Schild steht "Cafeteria". Auf dem Boden des Raumes liegen Kindergasmasken, überall. Tische, Waschbecken und überall zerstreut liegen Hefte. Als die Nachricht über die Katastrophe diese Schule erreichte, konnten auch die Gasmasken nicht mehr helfen. Das wäre sonst so, als ob man mit Löwenzahnblättern ein gebrochenes Bein heilen wolle.
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    Obwohl viele der Meinung sind, dass sich die Strahlung schlecht auf die Natur der Region ausgewirkt hat, ist dies nicht so. Pflanzen und Tiere haben sich immer weiter fortpflanzen können, weil der Mensch nicht mehr hier ist. Gras, Moos und Büsche verstecken die Plätze und Straßen der Stadt immer mehr, sie wachsen in Häusern, in Hochhäusern, überall. Wilde Tiere und Fische vermehren sich aktiv. Die Natur nimmt mit jedem Jahr ein weiteres Stück der Stadt ein.

    Alles wächst und gedeiht, aber auch die Strahlung verschwindet nicht. Sie wandert, ändert sich alle paar Meter und ohne ein Spezialmessgerät ist es gefährlich hier zu sein. Eine zulässige Strahlungsdosis beträgt in etwa 0,20 Mikrosievert, das sind 20 Mikroröntgen pro Stunde. Und die höchste Strahlung haben wir nicht etwa in Reaktornähe oder in Nähe von Liquidationsobjekten gefunden, sondern auf einem unscheinbaren Weg, weit weg von den auf den ersten Blick gefährlichen Objekten. Das Messgerät zeigte 58.50 — eine fast 300 Mal höhere Strahlung, als erlaubt.
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    Aufgrund der Baufälligkeit der Hochhäuser ist es verboten sie zu betreten, aber viele Besucher klettern trotzdem auf ihre Dächer. Auch wir haben beschlossen das zu riskieren und haben uns Tschernobyl von oben aus angeguckt. In dem Haus, in das wir eindringen, gibt es keine einzige Heizbatterie aus Gusseisen mehr. Und auf einer der Straßen hat man alle Heizungsrohre aus Gusseisen aus dem Asphalt gegraben. Vielleicht wird bald das Riesenrad von Plünderern auseinander genommen, um die strahlenden Metallteile dann zu verkaufen.

    Und manchmal kommt es vor, dass ein leichtsinniger Mensch irgendetwas mit nach Hause nimmt. Ob man da Glück hat oder nicht, weiß man nie. Außerdem sollte man sich fragen, ob man sich wirklich über solch ein "Souvenir" freuen sollte. Wir werden auf jeden Fall in Erinnerung behalten, was für eine schreckliche Katastrophe am 26. April 1986 passiert ist und welche Auswirkungen und Folgen die Reaktorexplosion des AKWs Tschernobyl hatte. Das auszudrücken, was man heute noch in Prypjat spürt und sieht, ist immer noch fast unmöglich.

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