Schau


Morten Traavik: Interview

Das Dokumentarfilmfestival Beat Weekend fand diesen Herbst in 15 verschiedenen Städten Russlands statt. Auch in Nowosibirsk konnte man die neusten Filme über zeitgenössische Musik- und Kulturerscheinungen sehen. Ein Film davon war „Liberation Day“ des Norwegers Morten Traavik, der über das Konzert der slowenischen Metalband „Laibach“ in Pjöngjang erzählt. Der Regisseur präsentierte seinen Film höchstpersönlich und erzählte danach Konverter über seine Eindrücke von Nordkorea und darüber, wie es ist, mit sehr fremden Kulturen in Berührung zu kommen.



Das Erste, was man auf Ihrer Webseite sieht, ist eine Weltkarte, mit markierten Ländern, in denen Sie Projekte realisiert haben. Außer Norwegen, der Schweiz und Kroatien, sind das auch exotischere Ecken unseres Planeten, wie Nordkorea, Angola oder Kambodscha. Wie suchen Sie sich die Drehorte aus? Ist es Ihnen wichtig, in möglichst weit entfernte Länder zu reisen?

Alles beginnt mit einem ersten Impuls, der Idee. In Angola und Kambodscha haben wir den Film "Miss Landmine" gedreht, über einen Schönheitswettbewerb für Frauen mit amputierten Gliedern. Mir war es wichtig auf dieses Problem, auf dieses Thema hinzuweisen, zu zeigen, dass es solche Orte gibt.

Die Vorgeschichte ist: Ich war einmal an Weihnachten ein paar Wochen in Angola bei dem Vater meiner Freundin. Und genau in der Zeit haben Kinder aus dem Nachbarviertel einen Schönheitswettbewerb organisiert. So ein schönes, ehrliches, selbst organisiertes Fest. Nach dem Bürgerkrieg war gerade ein Jahr vergangen und ein Großteil des Landes übersät mit Minenfeldern. Diese zwei Eindrücke von Krieg und Fest haben sich bei mir vermischt, haben mich inspiriert und so entstand die Idee.

Wenn ich an einem fremden Ort bin, ist meine Priorität mit den Leuten dort zu sprechen. Sie zu spüren, die Atmosphäre zu spüren. Ich glaube daran, dass Kommunikation alles ist. In dieser Hinsicht bin ich Praktiker.

Und in Nordkorea waren Sie nur einmal?

Zwanzig Mal.

Ich frage das, weil Sie diese Frage in „Liberation Day“ gestellt bekommen. Sie zögern etwas, bevor Sie sagen: „Das fünfzehnte Mal“. Ich war unsicher, ob Sie da nicht einfach jemanden veräppeln. Wie sieht es in Nordkorea eigentlich mit Humor aus?

Also mich findet man dort sehr lustig. Ein seltsamer, weißer Mann. Das, was seltsam ist, ist oft ja auch komisch. In dem Sinne haben wir einen ähnlichen Humor, aber die Kategorie des Seltsamen ist eine andere. Unser Film basiert in vieler Hinsicht auf „lost in translation moments“. Ich denke, je seltsamer uns eine fremde Kultur vorkommt, desto wichtiger ist es, sie als nicht übermäßig ernst oder tragisch darzustellen. Stattdessen sollte man einfach versuchen, miteinander auf Augenhöhe zu sprechen. Sogar dort, wo es kaum möglich ist. Wie kann beispielsweise ich, ein weißer Mann aus einem reichen Land, eine arme Frau aus Angola verstehen? Aber mir ist es wichtig, es wenigstens zu versuchen, ich bin sicher, das ist es wert.

Als man mich gefragt hat, wer Morten Traavik ist, habe ich erzählt, dass er ein Künstler, Regisseur, Aktivist und außerdem auch Verteidigungsminister Norwegens ist.

Ha! Das stimmt.

Diese Rolle haben Sie in der Serie „Occupied“ gespielt. Eine Serie mit durchaus „lustiger“ Story: Russland nimmt Norwegen ein und die EU und die USA beobachten das apathisch.

Eine delikate Beschreibung. Ja, das ist Science-Fiction, was sich auf zeitgenössisches Material stützt. Ein politisches Experiment, was auf einer tiefen Angst norwegischer Politiker basiert. Nach dem Motto, die ehemalige UdSSR marschiert in unser Land ein und besetzt es. Und das ist so typisch, dass der Premierminister in Oslo Angst vor Russland hat, im Gegensatz zu den Leuten, die im Grenzgebiet leben.

Was die Serie betrifft, so spiele ich da den Oberbefehlshaber der Armee und in der zweiten Staffel werde ich dann Verteidigungsminister. Das ist eine kleine Rolle, aber es ist amüsant, dass gerade mein Gesicht auf drei von fünf Werbepostern zu sehen ist. Deswegen könnte man glauben, ich hätte eine der Hauptrollen.

Haben Sie sich eigentlich ein bisschen wie ein westlicher Eroberer Nordkoreas gefühlt? Oft suchen Europäer, gelangweilt von ihrer eigenen Kultur, neue Emotionen in anderen Ländern und Kulturkreisen. Und ein bisschen fühlt es sich manchmal nach Kolonialisierung an.

Wenn ich ehrlich bin, nein. Norweger sind historisch gesehen eine sehr friedliche Nation. Okay, Wikinger waren vielleicht nicht die angenehmsten Jungs, aber im Großen und Ganzen waren wir sonst immer friedlich. Deswegen habe ich nicht das Gefühl, ich würde eine schwere, postkoloniale Vergangenheit mit mir herumschleppen. Und ich nehme generell alles locker, habe keine Angst als schrecklicher Imperialist rüberzukommen. In Nordkorea habe ich mich eher als Brecher von Stereotypen gefühlt. Aber dieses Zerbrechen muss von beiden Seiten passieren.

Ich konnte recht schnell den Kontakt mit Einheimischen herstellen. Nicht, dass sofort eine totale Völkerfreundschaft entstanden ist. Es ist wichtig zu wissen, dass ich vor dem Laibach-Konzert schon lange andere Projekte in Nordkorea gemacht habe. Nach und nach habe ich den Stacheldrahtzaun zwischen uns teilweise zerstören können, was mehr Freiheit und mehr Handlungsmöglichkeiten gebracht hat. Ohne so eine Vorarbeit wäre ein Konzert einer unglaublich provokativen Industrialband einfach nicht möglich gewesen.

Unsere "Völkerfreundschaft" in Nowosibirsk hat damit angefangen, dass Sie mit einer "Schapka-Ushanka" (Pelzmütze) aus dem Flugzeug gestiegen sind, während wir alle Discokugeln auf dem Kopf trugen.

"Morten Traavik im Flughafen", Reg./Kamera: Philipp Krikunow, 2017

Dafür bin ich Euch hier sehr dankbar! Respekt!

Das ist natürlich gewissermaßen alles recht kitschig. Auch das, womit Laibach arbeitet, könnte man als Kitsch bezeichnen. Aber oft helfen Dinge, die uns als falsch oder dumm vorkommen, im Endeffekt viel besser einander zu verstehen. Was denken Sie darüber?

Ja so sehe ich das auch. Aber es ist wichtig zu verstehen, dass der Kontext dem Kitsch immer etwas Neues dazugibt, ihn bereichert. Denn was ist Kitsch überhaupt? Das ist eine Erscheinung, die nur einen Sinn hat. In diesem Sinne ist das Laibach-Konzert in Pjöngjang maximal weit entfernt davon, kitschig zu sein. Es entsteht eine Doppeldeutigkeit. Das habe ich von Laibach schon in den Achtzigern gelernt.

Was haben Sie während ihrer Aufenthalte über Nordkorea gelernt?

Weiß ich noch nicht. Ich finde ihren Versuch, eine Utopie zu erschaffen, sehr interessant. Wissen Sie, was für eine Eigenschaft bei Nordkoreanern am ausgeprägtesten ist? Kollektivismus. Eine Gesellschaft, die wie ein einziger Organismus funktioniert. Und nicht nur auf Paraden und in der Öffentlichkeit. Koreaner stehen immer ehrlich füreinander ein, beschützen einander. Ich denke, dass der westliche Mensch genau das vermisst und deswegen so auf Fußball und Rockkonzerte abfährt. Dieses "Wir-Gefühl", darauf setzen totalitäre Systeme natürlich aktiv. Obwohl es hier auch natürlich eine Kehrseite gibt: sozialer Druck auf das Individuum, Alltagsrepressionen.

Wie geht es mit Ihnen und Nordkorea weiter?

Ich habe beschlossen, eine Pause in unserer Beziehung einzulegen. Ich war vor einem Monat das letzte Mal in Nordkorea und langsam wird es dort so richtig gruselig. Es fühlt sich an, wie bei Orwell. Es ist vorhersehbar, wie sich dort alles entwickelt. Wenn die USA oder Europa in ihrer Kritik zu laut werden, antwortet diese Diktatur schlagartig mit Repressionen gegen die eigene Bevölkerung. Und Trump ist in dieser Hinsicht ein Geschenk. Ein Feind, den man sich nur wünschen kann. Deswegen sind alle Ausländer dort heute auch gleich Spione. Meine nordkoreanischen Freunde halten mich nicht für einen Spion, aber sie werden gezwungen, so zu denken. Wir sind in unserer Kommunikation an eine Art Grenze gestoßen, weiter wird es gefährlich und nicht nur für mich, sondern vor allem für meine einheimischen Freunde. Ich denke, es ist ratsam einen Schritt zurückzugehen und auf eine neue „Glasnost“ zu warten.

Eine Ihrer bekanntesten Arbeiten ist eine Installation mit Grenzpfosten zwischen Norwegen und der UdSSR, die Sie in Oslo, Murmansk und Kirkenes aufgestellt haben. Eine Illustration davon, dass Geografie neu gedacht werden muss und sich auch durch Migrationsströme stark verändert. Wie würde denn Ihr ideales, utopisches Geografiemodell aussehen?

Vielleicht bin ich zu alt, um mich utopischen Träumen hinzugeben. Eigentlich habe ich nichts gegen Grenzen, man braucht sie. Nicht nur im politischen und geografischen Sinne, sondern auch mental. Ohne Grenzen würden wir verrückt werden, irgendwie müssen wir doch den ganzen Informationsstrom und all diese oft kontroversen Eindrücke um uns herum systematisieren. Deswegen fühle ich mich nicht als Revolutionär, wenn dann nur ein bisschen als Reformator. Es ist sinnlos andere Leute darin zu überzeugen, was sie denken müssen. Aber es ist wichtig solche bereits bestehenden Manipulationsmechanismen aufzudecken und zu zeigen, wie sie funktionieren. Jeder kann dann für sich selbst entscheiden, was er damit anfangen will. Deswegen bin ich für Aufklärung. Vielleicht ist das mein Utopiemodell: Leute zu informieren und Dinge sichtbar machen, die unsichtbar waren. Nicht mehr und nicht weniger.

Wie geht es für Sie weiter? Was ist Ihr nächstes Reiseziel?

Norwegen. Wird langsam Zeit! Wir haben auch viele Probleme. Und es ist wichtig nicht nur über die Welt um uns herum nachzudenken, sondern auch über uns selbst.


Ein Interview von Julia Lim und Maksim Selesnew.
© Maksim Selesnjow

Maksim Selesnjow


Programmdirektor des "Pobeda" Kinos in Nowosibirsk, Chefredakteur der Zeitschrift "Cineticle" über Autorenfilm.

Links

Kino "Pobeda"
Сineticle

Beat Weekend

BW in VK

Andere Themen





    Aktuelle Themen

    Haben und sein

    Nimm und sei glücklich

    Motor

    Die Kasse ist frei!

    Papier

    Universalrezept zum Glücklichsein

    GRENZZONE

    Schwankendes Gleichgewicht grenzwertiger Zustände

    ENT-FERNUNG

    Die Grenzen von Hell-Dunkel durch den Fokussierungspunkt

    SEROTONIN

    Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

    SCHAU

    Über das Kino: was sehen und wie sehen