Ich nehm zwei


Erschaffen und weggeben

Vor Kurzem gab es in meinem Freundeskreis eine Diskussion darüber, ob der Mensch in unserer hoch technologischen Welt, mit all ihren Innovationen und dem durch Werbung ermutigten, grenzenlosen Konsum, überhaupt noch frei sein kann? Was verbirgt sich hinter unserem aufdringlichen Wunsch noch eine Sonnenbrille, noch ein Kleid, noch ein Smartphone zu kaufen? Wenn wir es geschafft haben uns ideal zu präsentieren, erreichen wir dann unsere Ziele schneller, oder werden wir wie immer nur jammern, dass das halbe Monatsgehalt fast sofort wieder weg ist?

Erschaffen und weggeben


Ich finde, dass das Universum so ähnlich funktioniert, wie bei uns der Stoffwechsel. Es ist sehr einfach die Balance zu zerstören — es reicht, wenn man jedes Mal vor dem Schlafengehen Süßigkeiten in sich stopft oder andere Kohlenhydrate und der Körper wird krank und sammelt immer mehr Fett an.

Den „Stoffwechsel des Universums“ aus der Bahn zu werfen ist eine einfache Sache. Es fängt schon im Kindesalter an: Die kleinen Menschen werden mit Geschenken und übermäßiger Aufmerksamkeit geradezu überhäuft, dabei wird ihnen nicht erklärt, dass es ohne zu geben eigentlich auch kein Nehmen gibt. Sonst geht die Harmonie der Welt flöten — der Mensch kauft nur noch und stapelt alles in seinem kleinen Reich. Das ist sein erster Impuls, dem er auch nachgeht. Von klein auf — so werden Konsumenten geboren! Herzlich willkommen in die Welt der Iphones, Louboutins und Moleskins! Eine Welt, in der das rationale Wesen an ein Schaufenster im Kaufhaus erinnert — Hauptsache, die Öffentlichkeit bekommt möglichst viele Marken zu sehen.

Verbraucher. So fängt alles an


Am Anfang ihres Lebens bemühen sich Kinder oft, ihren Eltern irgendwie behilflich zu sein, das passiert ganz instinktiv, sie wollen nützlich sein und alles richtig machen, fangen an das Verhalten ihrer Eltern zu kopieren. Das Kind versucht die Wäsche „ganz wie die Mama“ zu falten, wischt fleißig Staub und saugt den Boden. Nach und nach wird es zu einem Teil des natürlichen Kreislaufs: Man bekommt von der Welt das Essen, die Liebe der Eltern und ihren Schutz und gibt ihnen etwas dafür zurück - das ist Harmonie. Ganz banal.

Die weitere Entwicklung des Kindes hängt von Worten und Taten der Eltern ab, auch sein Konsumverhalten später wird dadurch gesteuert. Es gibt nicht so viele Möglichkeiten, in welche Richtung sich das Kind entwickeln wird: Entweder wird es dazu ermutigt weiterhin im Haushalt etc. zu helfen oder es verfällt vollständig in die Rolle des Nehmenden.

Die erste Möglichkeit: Das Kind erfährt, dass wenn man etwas bekommt, man dafür auch etwas zurückgibt. Darauf basiert unser ganzes späteres Leben, in jeder Beziehung, auch später mit den eigenen Kindern ist das die Doktrin. Das Resultat: eine Persönlichkeit, die es sich nicht zum Ziel gemacht hat nur in sich selbst zu investieren und alles in die eigene Tasche zu stecken, sondern sich bemüht zu teilen, sei es in professioneller Hinsicht oder dadurch, dass man sich um seine Mitmenschen kümmert und ehrlich wissen will, wie es ihnen geht.

Und nun die zweite Möglichkeit: „Finger weg vom Geschirr, sonst zerbrichst du es“ „Setz dich“, „steh auf“, „zieh eine Mütze an“, „fass nichts an, hör auf zu hüpfen“. Und das Kind setzt sich, hüpft nicht und fasst nichts an. Das Ergebnis? Es hört auf, zu Hause mitzuhelfen. Und das gefällt den Eltern dann auch nicht: „Man kann ihn/sie zu nichts zwingen, er/sie macht nichts.“ Oder: „Er/sie war schon immer so, von Geburt an“. Damit wirft man die eigene Verantwortung dafür, was der Sprössling so tut, in die Tonne.

Das Beste vom Besten


Wenn man einen vorbildlichen Konsumenten aus seinem Kind machen will, muss man es einfach mit Geschenken überhäufen: Kuscheltiere, Autos, Lego, Puppen, Markenklamotten. „Er/sie soll alles haben, was ich nicht hatte“ - diesen Satz hört man oft. Ein Elterntraum mit einem Minus. Oder: „Mein Kind ist das Beste und soll auch nur das Allerbeste haben“. Und hier noch der, meiner Meinung nach, egoistischste Satz: „Mein Kind muss besser sein, als ich“ (also schöner, erfolgreicher und so weiter). Es wird wohl nicht allzu viel Zeit vergehen, bis der junge Konsument in der Schule plötzlich versteht: ich muss der Coolste in der Klasse sein (oder in der Uni oder im Büro). Weil ich bin doch der Beste, der Schlauste, der Schönste. Deswegen brauche ich auch das schönste Auto, Wohnung, und alles Weitere auch. Das Beste, das Teuerste, das Schönste.“ Ein Desaster als Lebenskonzept und der harte Kern der Konsumgesellschaft.

Die Verbrauchereinstellung wird auch im Lernprozess sichtbar, denn ganz oft geht es nicht darum, mehr Wissen, sondern eine bessere Note zu bekommen, möglichst ohne große Anstrengung. Schon im Kindesalter verlernt es der Mensch selbstständig zu handeln und zu erschaffen, und um später existenzielle Leere zu füllen, wird gekauft. Es ist wie eine Art neue Religion: Man pilgert in Einkaufszentren und fällt vor Markenkleidung auf die Knie.

Schlussverkauf des Glücks


Versteht mich nicht falsch, ich will nicht behaupten, dass ein E-Klasse-Wagen und ein großes Haus mit begehbarem Kleiderschrank mit vielen, schönen Kleidern nicht etwas Tolles sind. Jedem das Seine, und jedem, was man braucht, wie man so schön sagt.

Die Konsumenten des Planeten Erde wollen erfolgreich sein, egal was passiert. Erfolg ist lebensnotwendig: angenehm, voraussehbar, wie bei allen anderen. Und noch ein Gott, den man anbeten kann: Blogger, soziale Netzwerke, YouTuber für die Jüngeren, Werbung im Fernsehen für die Älteren, das sind die Meinungsmacher und sie regieren unsere konsumfreudige Welt. Sie erzählen, was heute wichtig und aktuell ist. „WOW! Ich habe diese Kapseln morgens und abends genommen und jetzt habe ich weniger Falten/ mein Mann ist zu mir zurückgekehrt/ ich habe einen besser bezahlten Job gefunden/ habe einen reichen Ausländer geheiratet“. Und noch ein Satz hinterher: „Machs genauso wie ich, dann wirst auch du glücklich. Dir fehlt nur noch dieser Pürierstab dazu“. Wir nicken brav und kaufen den Pürierstab. Den Besten. Limited Edition. Aber irgendwie hilft das alles dann doch nicht, um glücklicher zu werden.

Träum schön


In Indien werden Affen mit Hilfe von Kürbissen gefangen. In den Kürbis wird ein kleines Loch gebohrt und eine Dattel reingesteckt. Der Affe schnappt nach der Dattel, aber schafft es nicht, sie aus dem kleinen Loch zu ziehen und sitzt so lange mit der Dattel in der Hand, bis die Jäger ihn fangen. Einige Vertreter unserer Art erinnern stark an den Affen it der Dattel. Nur ist ihre Dattel die neuste Mode, die neueste technische Errungenschaft.

In der Konsumgesellschaft ist es unter all dem Kaufdrang schwer, einen wahren Traum zu finden. Ich meine, ein Traum, der uns wirklich frei macht, Energie und Kraft zum Leben gibt. Das ist unser Lebensziel, für das wir bereit sind, Hügel zu erklimmen und über Ozeane zu schwimmen. In meinem Fall ist alles unglaublich einfach — mir reicht es, wenn ich einfach schöne Kleider erschaffe, die den Menschen und ihrer Welt Schönheit bringen. So verwirkliche ich meinen Traum und so ist mein Hobby zu meinem Beruf geworden.

Freiheit ist real. Diese Freiheit kommt nicht durch etwas, sondern ist für etwas. Wozu ich sie brauche? Um meine Ziele zu erreichen. Damit die Welt um mich herum, farbenfroher und bunter, heller und freundlicher wird. Freiheit ist in uns selbst.
© Swetlana Andrikewitsch

Swetlana Andrikewitsch


Swetlana Andrikewitschist eine Modedesignerin aus Kiew, die sich selbst über kontinuierliche Persönlichkeitsentwicklung, Realisierung kreativer Ideen und die Erzeugung von nützlichen und schönen Produkten definiert. Bei jeder Tätigkeit, sei es die Arbeit als Juristin in privaten Anwaltskanzleien oder der Ausbau ihres eigenen Unternehmens, strebt sie nach Ästhetik und Einfachheit im Gebrauch. Das Endergebnis ihres Strebens war die Erschaffung eines eigenen Modelabels L’Andre.

Andere Themen





    Aktuelle Themen

    Ich nehm zwei

    Nimm und sei glücklich

    Motor

    Die Kasse ist frei!

    Papier

    Universalrezept zum Glücklichsein

    GRENZZONE

    Schwankendes Gleichgewicht grenzwertiger Zustände

    ENT-FERNUNG

    Die Grenzen von Hell-Dunkel durch den Fokussierungspunkt

    SEROTONIN

    Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

    SCHAU

    Über das Kino: was sehen und wie sehen