Ich nehm zwei


Wo ist das Geld?

Ende 2016 hat mich plötzlich eine unglaubliche Melancholie gepackt. Beziehungsweise, es war eigentlich vielmehr das Gefühl, dass ich verantwortungslos mit Geld umgehe, was ich so hart arbeitend verdiene. Deswegen habe ich ganz nach dem Motto „ab Montag fange ich an, abzunehmen“ und „ich höre mit dem Rauchen auf, wenn die Schachtel alle ist“ beschlossen, ab Anfang 2017 alle Ausgaben zu notieren.

Mit meinem neuen Leben am 1. Januar anzufangen war unmöglich: Mein Geburtstag und neun Tage Postsilvester-Feiertage lagen noch vor mir und meine russische Seele wollte grenzenlose Freude und berauschende Feste, wofür auch kein Cent zu schade ist. Ende Januar zog ich Bilanz: Die seit Beginn des noch sehr jungen Jahres ausgegebenen Geldsummen waren gigantisch. Ich musste endlich etwas gegen meine finanzielle Inkompetenz tun.

Ich hatte schon früher in einem Werbemagazin einer Bank etwas über das Computerprogramm „Tabelle meiner Ausgaben“ gelesen und beschloss es nun auszuprobieren. Doch es stellte sich als unpraktisch heraus, weil man es nur am PC benutzen kann und nicht vom Smartphone aus. Ich wollte mobil bleiben und war besessen von dem Gedanken, meine Ausgaben zu dokumentieren. Also suchte ich nach einer anderen Lösung und fand eine praktische App für 75 Rubel im Monat: „Wo ist das Geld“.

Die nächsten drei Monate habe ich jede Ausgabe und jede Einnahme Tag für Tag notiert. Im ersten Monat war es fast unerträgliche Arbeit, im Zweiten habe ich angefangen über das Sparen nachzudenken und mir dann im Dritten ausgedacht, wie ich das zu schaffen ist.

Entdeckung


Wenn man anfängt, seine Ausgaben zu dokumentieren, versteht man plötzlich, dass vor allem die kleinen, unauffälligen Ausgaben, die großen Feinde des Sparschweins sind. Außerdem habe ich gemerkt, dass einzelne Dinge an verschiedenen Orten auch unterschiedliche Preise haben. Ich trinke viel Wasser, im Auto fährt immer eine halbe Literflasche mit mir mit. Im Supermarkt kostet sie 35 Rubel, im Kiosk aber 55. Oder etwa Vitamine: In einer Apotheke kosten sie 350 Rubel, in einer anderen schon 700.

Bankkontogebühren, Handyrechnungen, Apps und viele andere Kleinigkeiten sind auch nicht zu unterschätzen. Im Monat kommt da eine Summe zusammen, für die ich mir locker neue Conversechucks kaufen könnte. All diese kleinen Ausgaben geben einem den Eindruck, man hätte nichts ausgegeben.

Das Notieren der Ausgaben öffnet einem die Augen. Zumindest mir. Ich hatte mich und meine Ausgaben total falsch eingeschätzt. Beispielsweise war ich der festen Überzeugung, ich würde ungefähr 8000 Rubel im Monat für Benzin ausgeben. In der Realität waren es 6000. Die Nebenkosten meiner 1-Zimmer-Wohnung hatte ich immer als 2500 Rubel im Kopf, in Wirklichkeit zahle ich aber 4000.

Außerdem habe ich auch noch folgende "Entdeckungen" gemacht:

— Für Freizeitspaß und Essen geht das meiste Geld drauf. Wer gut arbeiten kann, weiß schließlich auch, was Spaß bedeutet.
— Krank sein, ist in Russland ein teurer Spaß. In drei Monaten war ich dreimal mit Fieber und Halsschmerzen im Bett. Wenn man alles zusammenrechnet, habe ich für Medikamente und Arztbesuche in dieser Zeit ein gutes Nowosibirsker Durchschnittsgehalt ausgegeben.

Fazit


Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass ich nach drei Monaten mein Finanzporträt zusammengestellt hatte. Man lernt sich besser kennen, sieht sich mit anderen Augen, auch von einer überraschend merkantilen Seite. Wenn man verstanden hat, wie man Geld ausgibt, kann man auch besser anfangen zu sparen.

Man muss sich allerdings noch klar werden, dass sparen nichts mit geizig sein zu tun hat. Und oft gibt uns das Leben ganz von selbst solche Möglichkeiten, man erinnere sich an das Beispiel mit der Wasserflasche. Klar kann man es sich auch theoretisch leisten, 150 Rubel für eine Flasche Wasser auszugeben, aber warum sollte man das tun?

Traurig aber wahr: Ich habe es in den drei Monaten meines Experiments nicht geschafft, auch nur einen Cent zu sparen. Ich habe zwar einen Briefumschlag, in den ich regelmäßig versuche ein paar Scheine zu stecken, aber meistens hol ich da „für dringende Angelegenheiten“ mehr raus als umgekehrt. Und daher meine Haupterkenntnis: Man kann nicht sparen, wenn man kein Ziel hat. Wie auch sonst im Leben, braucht man eine Motivation.

Wie fängt man an zu sparen?


Basierend auf meinen Erfahrungen habe ich ein paar Spartipps zusammengestellt. Sie sind oft sehr einfach, aber können anderen helfen meine Fehler zu vermeiden. Besser mit Tipps als ohne.

1. Formuliere ein Ziel und eine Deadline. Das ist das Wichtigste.

Zum Beispiel: „In anderthalb Jahren kriege ich 300.000 Rubel für ein neues Auto zusammen“. Dann hast du etwas, was du dir vorstellen kannst und einen guten Grund, dich zusammenzureißen.

Mein Ziel war es, etwas Geld für den Urlaub im November zu sparen. In der Welt der Wirtschaft würde man dieses Ziel wohl eher belächeln. Robert Kiyosaki würde mich sogar auslachen und sagen: "Du bist jung, mein Freund, spare lieber aktiv und nicht passiv, träume nur von etwas, was dir auch Gewinn bringt." Aber ich bin wirtschaftlich gesehen noch zu unerfahren für eine solche Methode.

2. Schreibe deine Ausgaben und Einnahmen auf. Täglich.

Du wirst viel Neues über dich erfahren und es wird einfacher sein zu verstehen, an welcher Stelle du sparen kannst.

Den ganzen ersten Monat wollte ich jeden Tag aufgeben. Weil es eine riesige Herausforderung war, wirklich jede Ausgabe aufzuschreiben. Okay, man braucht etwa 15 Sekunden dafür, aber jedes Mal war es eine Qual. Ich habe teilweise versucht, es am Ende des Tages zu machen, aber an die Hälfte meiner Ausgaben konnte ich mich da nicht mehr erinnern. Dann habe ich es mir angewöhnt, Quittungen zu sammeln. Ende des dritten Monats hatte ich ein System. Bei der Großzahl aller Einkäufe zahle ich mit Karte, damit ich später alles nachprüfen kann. Wenn ich bar zahle, nehme ich die Quittung mit. Vor dem Schlafengehen schreib ich alles in die App.

3. Mache eine Liste der Monatsausgaben. Bis ins kleinste Detail.

Schreibe alles auf einen Zettel, in einen Block oder Wochenplaner. Gucke da jedes Mal hinein, wenn du dein Gehalt bekommst, und bezahle in erster Linie das, was auf der Liste steht. Die Miete muss eben gezahlt werden und besser man macht das früher, als später. Dann weißt du auch sofort, wie viel noch für Freizeit und Essen übrig bleibt.

Ich habe alle Pflichtausgaben auf zwei Tage im Monat aufgeteilt. Nämlich erst auf den, an dem ich meinen Vorschuss bekommen, dann auf den, an dem mein Gehalt kommt. Und das hat mir viel gebracht. Ich habe zwei Konten — vom einen bezahle ich dann Dinge wie den Sprit und Mobilbanking, und vom anderen bezahle ich dann alle laufenden Ausgaben.

4. Spare! Aber bitte nicht fanatisch.

Es geht nicht darum, nur Wasser und Brei zu schlürfen. Sondern nur, dass viele Lebensmittel einfach auch billiger gekauft werden können, wenn man das in einem anderen Laden macht. Es gibt viele Apps, die helfen, Preise zu vergleichen. In Russland sind das solche wie "Edadeal" oder "Apteki 2 GIS". Versuche einfach mal zu recherchieren und Preise zu vergleichen. Dann kannst du ausrechnen, wie viel du sparst und für das Eingesparte z.B. ins Kino gehen.

Mehrere Male im Monat kaufe ich in einem großen Discounter Lebensmittel und Reinigungsmittel. Im Supermarkt um die Ecke kaufe ich nur solche Lebensmittel wie Milch und Bananen, die schnell verbraucht werden. Ich habe herausgefunden, wo man Kaffee billiger bekommt und man außerdem gut, aber günstig essen kann. Wasser kaufe ich auch nur noch als Großpackung im Discounter.

5. Erschwere dir den Zugang zum Sparschwein. Wenigstens teilweise.

Das Beste ist, man hat seine Ersparnisse auf dem Sparbuch. Da kommt man nicht so leicht ran, wie an das Girokonto oder das Sparschwein zu Hause. Natürlich kann man das Geld so ganz nach Großmutters Methode auch in der hintersten Ecke im Strumpf aufbewahren. Aber nicht alle modernen Jugendlichen schaffen das, da nicht hin und wieder schwach zu werden.

Mein Sparbuch ist bei einer Bank, die kaum Filialen und Bankautomaten in der Stadt hat. Wenn ich also wirklich an die Ersparnisse ran will, ist das ein zu großer Aufwand.

Was man sonst noch tun kann: Bevor man einkaufen geht, eine Einkaufsliste schreiben oder das Kühlschrankinnere fotografieren. Das vermeidet unnötige Lebensmittel im Einkaufskorb. Tauscht das Auto gegen ein Fahrrad oder öffentliche Verkehrsmittel, kauft nur reduzierte Klamotten. Es gibt natürlich noch viel mehr Tipps, aber ich habe versucht die fünf wichtigsten und zugleich einfachsten Universalmethoden aufzulisten, die für die große Mehrheit hilfreich sein können.

Spart und erfüllt euch eure Wünsche. Amen.
© Vorname Name

Semjon Panin


Ich heiße Semjon, ich bin 26 und lebe seit fünf Jahren nicht mehr bei meinen Eltern. Das heißt, dass ich auch keine finanziellen Hilfeleistungen mehr von ihnen bekomme. Ich habe einen festen Job und außerdem verdiene ich auch noch ab und an Geld als Freelancer.

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