Ich nehm zwei


Zwischen American Dream und Dead End

Ich fahre über die Williamsburg Bridge im New Yorker Konservendosenzug und bemerke das erste Mal für den heutigen Tag, dass die Stadt in einem dichten, klebrigen, stickigen Nebel versinkt. Das erinnert mich an Bilder aus Hongkong mit wie von Watte umhüllten Wolkenkratzern. Ich versuche, die in mir aufkommende Begeisterung über die Schönheit, die sich vor mir ausbreitet, zu unterdrücken, denn erstens bin ich der Meinung, dass das nur Touristen machen und ich bin schließlich nicht das erste Mal in New York. Zweitens, im Zug sitzen alle mit einem „poker face“ da und es ist mir einfach peinlich, Gefühle zu zeigen. Ich betrachte die Müllberge und die Obdachlosen auf den Straßen Brooklyns, während der Zug immer weiter rollt, und habe das Gefühl, dass das halbe New York dem Kottbusser Tor in Berlin gleicht.
  • © Ekaterina Dementyeva
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Ich lebe schon seit — kaum zu fassen — fünf Jahren in Berlin. Das „schon“ ist zwar nicht wirklich lang, aber in dieser Zeit hat sich so viel verändert, wie manchmal in einem ganzen Leben nicht geschieht. Berlin war meine erste Stadt im Ausland, in die ich mich ungehalten verliebte. Seitdem wird jede weitere neue Stadt mit Berlin verglichen. Ich bin dort wie durch Zufall hingeraten, obwohl ich ursprünglich nach New York wollte. Diese beiden Städte vergleiche ich ständig miteinander, so, als ob ich noch ein Argument brauche, warum es doch nicht New York geworden ist und meine Wahl die richtige war.

Je länger ich darüber nachdenke, warum ich wenigstens ein kleines bisschen in New York leben wollte, desto unsicherer bin ich, was die wahren Beweggründe dieses Wunsches waren.

Entgegengesetzte Gefühle kämpfen in mir. Ein großer Teil der Vorstellung über diese Stadt wird in den Köpfen der Menschen, die noch nie dort und überhaupt, nie in Amerika gewesen sind, durch unendliche Filme, Serien und Songs geformt. Jeder stellt sich das vor, was er will und unterfüttert seine Fantasien mit Episoden aus „HIMYM“ und „Friends“, „Sex and the City“ und „Girls“, „Unbreakable Kimmy Schmidt“ und „Glee“ oder etwa Hip Hop aus den Neunzigern. Die Stadt scheint der Inbegriff der Freiheit und grenzenloser Möglichkeiten zu sein, hier lebt man den amerikanischen Traum, umgeben von einer Glamourwolke, und auch wenn etwas nicht nach Plan läuft: Es gibt immer ein Happy End. Nicht viele denken an den Prozentanteil derer, die es in New York wirklich geschafft haben.

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Es wäre dumm zu bestreiten, dass diese Stadt eine wirklich bombastische und einzigartige Energie hat. Hierher zieht es nicht nur Einwanderer ohne Ziel, dafür mit großer Hoffnung auf ein besseres Leben. Auch die klügsten und begabtesten Köpfe der ganzen Welt kommen hier her. Das Leben brodelt auf den Straßen und in den Restaurants, Bars und Cafés. Es ist schwer sich hier nicht zu verlieren, dafür leicht Einheimische kennenzulernen. Die Menschen sind hier unglaublich freundlich und offen, es ist kaum irgendwo so gut wie in Amerika möglich, mit wildfremden Menschen ein Gespräch anzufangen und vor allem in New York. Es ist einfach, sich in seine neuen Bekannten zu verlieben: Jeder von ihnen lebt nicht nur ein Leben, sondern scheint einen ganzen Buchband Memoiren mit sich mitzuschleppen oder wenigstens eine klassische Seifenoper, Ideen für eine Million Start-Ups, mehrere aufgelöste Bands und geplatzte Firmen zu haben und außerdem die Kompetenz Blockflöte zu spielen und Sojakerzen für BDSM-Spiele zu basteln.

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Du erlebst diese „Lebensmomente“, teilst sie mit deinen neuen Freunden und in einer Woche erfährst du, dass ihr nur in deinem Kopf Freunde wart. Fast wie in der Mittelschule bei „Mean Girls“. Aber es war nicht böse gemeint, sie „don’t mean it“. Die Vielfalt und Verlockungen sind so groß, dass sie in einer Woche jemanden genauso interessanten wie dich getroffen haben kann, nur eben neu. Oder vielleicht sogar jemanden noch interessanteren als dich. Und man hat einfach keine Zeit mehr, denn jeder sich respektierende New Yorker weiß natürlich, was das Wort Prioritäten bedeutet. Das bringt mich wie so oft schon zum Gedanken des grenzenlosen Konsums und der gegenseitigen Benutzung.

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Marke, Idee, Konzept, Philosophie – das sind Dinge, in denen Amerika allen anderen Ländern voran ist. New York ist ein toller Zufluchtsort, in dem man existenzielle Löcher stopft. Man hat einfach keine Zeit und keine Kraft sich auf sie zu konzentrieren, denn die neue Kollektion von Reformation ist gerade raus gekommen und Glossier haben ein neues Produkt in ihrer Kosmetiklinie, ohne das man sich nicht auf der Straße zeigen kann und auf der 102. hat eine tolle, neue Poke-Bowl-Bar aufgemacht und ihr gegenüber macht das Yogastudio jeden Samstag Events, aber nur mit Invitations.

Währenddessen vergisst man irgendwie, dass die Wohnungs- und Heizkosten dein Gehalt schon Anfang des Monats aufbrauchen und in dein Zimmer im achten Stock Mäuse und Kakerlaken krabbeln, während du auf der rostigen U-Bahnstation in der Rush-Hour zwanzig Minuten auf deinen Zug wartest und mit vielen anderen schwitzt. Wie war das nochmal mit schlaflosen Nächten, unglaublichen Treffen, einer aus allen Ritzen spritzenden Selbstdarstellung und Geld, was auf dich vom Himmel niederregnet?

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In Wirklichkeit ist New York nämlich eine Frau, die in einem Café mit lauter Stimme bestellt: „Ich hätte gerne einen Cortado mit Eis und Kokosmilch mit Sirup mit einem niedrigen Zuckergehalt.“ Und in dem Moment denke ich nur: „Mit einem verdammt was?!“ Und checke nochmal vorsichtshalber meine Rückflugdaten nach Berlin.
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Ekaterina Dementyeva


Ekaterina Dementyeva lebt in Berlin und das ist das einzige Deutsche, was sie wirklich liebt. Sie ist eine notorische Reisende mit schlecht geölten Bremsen, Expertin im Zutexten, Kaffeeabhängig und ein Snob, auf der Suche nach dem einzig wahren Weg.

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