Medien


Wortregler

Die Information ist da, die Definition nicht


Kann der Begriff “digitale Medien” Verwunderung hervorrufen? Die meisten wissen sofort, was man sich darunter vorzustellen hat. Zu digitalen Medien zählt die Webseite einer staatlichen Zeitung, aber auch der Telegram-Channel einer Person, die über das Leben eines Dorfes Storys postet. Doch was ist die richtige Definition des Begriffs? Diese Frage kann niemand beantworten. “Niemand” heißt: alle Vertreter einer Gesellschaft, angefangen bei Studenten bis hin zu zur Verwaltung des Staatsoberhauptes. Würfelt man mehrere Definitionen zusammen, sind digitale Medien hochtechnologisch, arbeiten in Höchstgeschwindigkeit und sind maximal zugänglich. Das bedeutet, dass die Mehrheit der Menschheit eine stabile Internetverbindung besitzt, einen Ipad oder anderen Datenträger, mit dem man in das virtuelle, interaktive Informationsnetz tauchen kann. Aber auch diese Erklärung des Begriffs ist oberflächlich und ruft rund ums Thema “digitale Medien” viele Kontroversen hervor. Einerseits haben alle Menschen das Recht auf einen einwandfreien, unbeschränkten Zugriff auf Informationen, alle Versuche diese einzuschränken nennt man Zensur und werden zur Wirtschaftsbremse. Andererseits gibt es Informationen, die aufgrund ihres Inhalts als unzulässig gelten. Eine Informationsquelle kann als “Magazin” bezeichnet werden, aber auch als Plattform mit illegalem Content. So wird Pornografie schnell gleichgesetzt mit einer investigativen Reportage.

Trend: Webseiten blockieren


Schon in der Schule lernen wir, dass Medien die vierte Macht sind. Die Gesetzgebung in unseren Ländern verändert sind und ebenso die Medien. In Osteuropa und den GUS-Ländern war die Evolution der unabhängigen Presse rasant. Die plötzlich in der Theorie und Praxis gegebene Freiheit passierte zeitgleich mit der im Sowjetraum flächendeckenden Eroberung des Internets. Oft blieben in diesen Ländern nach dem Zerfall der UdSSR dieselben Vertreter der kommunistischen Nomenklatura an der Macht. Während der großen Transformationsprozesse war der virtuelle Raum ganz seiner selbst überlassen und blieb das erste Jahrzehnt völlig frei und unkontrolliert. Doch der Trend unserer Zeit ist die Blockierung von Internetseiten durch Gerichtsurteile. Dies ist zu einem festen Bestandteil der Berichterstattung geworden, gerade dann, als die Digitalen zu vollwertigen Medien geworden sind. Aber bevor wir uns über die Philosophie digitaler Medien unterhalten, analysieren wir die der Ideologie.

Ideologie tritt zurück


Journalisten haben diesen Witz sicherlich schon oft gehört: Sie sind Vertreter einer der zwei ältesten Berufe. Dieser Scherz ist auch eine Anspielung darauf, dass Journalisten manchmal nicht nur objektive Berichterstattung betreiben, sondern auch Lobbyarbeit. Es gibt Fälle, da sind es sogar ganze Medienholdings, die so sündigen (sowohl staatliche, als auch unabhängige).

Man kann kein Gleichheitszeichen zwischen Medien und Ideologie setzen. Aber es wäre auch falsch die offensichtliche Verbindung zwischen diesen zwei Erscheinungen abzustreiten. Ideologie kann ihre Muskelkraft nur mithilfe von Konfrontation spielen lassen. Im Fall der UdSSR und den USA war die Konfrontation offen und wurde von keinem der beiden Länder abgestritten. Doch die sowjetische Ideologie Mitte der 1920-ger-Jahre war wirklich eine innovative Doktrin, die den Politeliten weltweit große Sorgen bereitete. Doch das, was europäische Künstler dazu inspirierte sich slawische Namen zuzulegen, stürzte die UdSSR Anfang der Sechziger in eine Krise. Die Berliner Mauer, die zum Symbol der Teilung zweier Welten wurde, war eine Art Anspielung darauf, dass die Sowjets aus Angriff in ideologische Verteidigung übergegangen waren. Zurück zum Thema: Alle Versuche, den virtuellen Raum unter Kontrolle zu bekommen, ist ein klares Zeichen für die Niederlage der aktuellen Strategie “Verteidigung ist der bessere Angriff”. Und nun kommt die Ionenkanone der Zensur in nierdriger Umlaufbahn in Spiel.

Verzerrungen verboten


Es ist sinnlos darüber zu streiten, dass Zensur etwas Negatives ist. Aber im Zusammenhang mit digitalen Medien kann es Apriori keine Zensur geben. Wenn man beispielsweise eine Nachricht veröffentlicht hat und sie zitiert wird, werden alle Versuche sie zu verbergen zum Gegenteil führen. Unbequeme Informationen kann man entweder ignorieren oder auf ihrer Basis Fake News erschaffen. Das lässt darauf schließen, dass Medien in naher Zukunft nicht nur danach bewertet werden, wie schnell sie Informationen veröffentlichen, sondern auch nach einen hypothetischen “Fact-checking-Index”. Klingt banal, aber für den Leser ist es wichtig eine glaubwürdige, kompetente Berichterstattung zu bekommen. Verzerrte Berichterstattung ist für Zensurbefürworter auch eines der Hauptargumente. Gleichzeitig benutzen es aber auch Zensurgegner. Natürlich sollte man nicht verallgemeinern, wenn man über die Medienlandschaft Osteuropas spricht. Jedes hat Land ein eigenes Modell. Aber es ist schwer zu ignorieren, dass die absolute Mehrheit der postsowjetischen Elite den unabhängigen Medien gegenüber feindselig eingestellt ist.

Seine Hochheit der Verhaltensregler


Doch es sind nicht so oft Medien, die blockiert werden. Die Prozentzahl der Webseiten, die sich als Onlinemedien definieren, ist niedrig. Eine Blockierung kann durch den Verstoß gegen ein Gesetz erfolgen. Beispielsweiße im Bereich des Wettbewerbsrechts oder bei Werbegesetzen. Aber wir sprechen hier nicht umsonst über Medien: wenn Webseiten, die Drogen verkaufen, gesperrt werden, wirft das keine Fragen auf. Betrifft die Blockierung jedoch Berichterstattung wird dies zur Nachricht und kann zu einem Präzedenzfall werden. Der Grund ist, dass es keine klare Definition gibt, wer sich schon als “Medien” bezeichnen kann und wer nicht. Deswegen funktioniert die Webseitenblockierung entweder nicht oder kann als was auch immer definiert werden.

“Und wenn das unsere Kinder sehen?”


Diesbezüglich gibt es einige Beispiele: Weißrussland gilt als autoritäres Land. Es gibt in unserer Medienlandschaft aber auch unabhängige Berichterstattung. Und obwohl wir in der Rangliste der Pressefreiheit ungefähr auf derselben Stufe wie Afrika sind, kann man eine oppositionelle Zeitung wie alle anderen am Kiosk kaufen. Trotz sporadischer Blockierungen kann man auch ohne VPN nahezu jede Webseite öffnen. Doch die Zeiten, als die Mehrheit oppositioneller Medien von Sponsoren finanziert wurden, ist vorbei. Wenn Medien also erfolgreich sein wollen, müssen sie ein tragendes Geschäftsmodell haben, was sich an die Gesetzgebung hält. Wenn also bestimmte Publikationen für die “Staatsmacht” unbequem sind, erhebt man höchstwahrscheinlich Anklage und ein Gerichtsverfahren bezüglich einer konkreten Veröffentlichung wird ins Rollen gebracht. Das Ergebnis: eine Verwarnung oder eben eine vom Gericht veranlasste Sperrung. Und natürlich will niemand mit Medien zusammenarbeiten, die mit staatlichen Sanktionen belegt wurden.

Diesbezüglich ist der Fall des weißrussischen Internetmagazins KYKY interessant. Außergewöhnlich ist, dass diese Webseite in zwei Ländern blockiert wurde: Russland und Weißrussland.

“Die russische Aufsichtsbehörde für Massenmedien, Telekommunikation und Datenschutz hatte ein Problem mit einem Artikel von 2014 über Shoplifter”, erzählt Alexandra Romanova, die Geschäftsführerin von “KYKY” . Der Text über Ladendiebe aus Überzeugung wurde als Gesetzeswidrigkeit angesehen und musste gelöscht werden. Das Internetmagazin dachte sich folgendes Schema aus: Der Artikel wurde auf weißrussisch übersetzt und veröffentlicht und das russische Original wurde gelöscht. “Die weißrussische Aufsichtsbehörde für Massenmedien hatte bald darauf mit der Kolumne des Geschäftsmannes Alexander Knyrovitsch ein Problem. Dort hatte er die Feier am Tag des Sieges kommentiert”, erklärt die Geschäftsführerin. Die weißrussische Behörde legte die Webseite für fünf Tage lahm, und erst nachdem vier Artikel (über den Tag des Sieges und über die orthodoxe Kirche) gelöscht worden waren, wurde die Sperrung rückgängig gemacht.

Dieser Vorfall offenbarte die ganze Bandbreite an Möglichkeiten des weißrussischen Staates: Die Webseite wurde problemlos und schnell für die Mehrheit der User lahmgelegt. Den besagten Artikel zum Tag des Sieges bemerkte übrigens nicht etwa ein Staatsbeamter, sonder der Blogger Wjatscheslaw Dianov. Die Blockierung und die darauffolgende Auseinandersetzung waren Folgen seiner Beschwerde. Das heißt allerdings nicht, dass Kontrollinstanzen nicht auch selbst ein Auge auf digitale Medien werfen.

Anti-Hype Impfung


Kaum jemand wird bei einem Ereignis nicht zum Schaulustigen. Auch nicht im Internet. Wenn User sehen, dass unter einem Artikel schon dutzende Kommentare stehen, wollen sie natürlich den Text, der so eine heiße Diskussion hervorgerufen hat, lesen. Wenn man ein Magazin durchblättert, findet man oftmals die Zeile “die Meinung des Autors stimmt nicht mit die der Redaktion überein”. Aber Kommentarschreiber hält nichts auf. In Weißrussland gibt es dafür folgenden Lösungsweg: in Zukunft sollen Kommentare nur mit gleichzeitiger ID-Angabe geschrieben werden können. Zum Verständnis: Anonyme Interviews sind in Weißrussland der Alltag. “Anonym” bedeutet, dass der Protagonist im Artikel seinen Namen und sein Gesicht verbirgt. Falls also eine Deanonymisierung stattfinden sollte, könnte man immer behaupten, der Text sei das Ergebnis der Fantasie des Journalisten.

Ein anonymes Interview von zehn Artikeln mit verifizierten Quellen wird nicht als etwas Unerhörtes wahrgenommen. Aber eine umgekehrte Situation wirft viele Fragen auf: und zwar Glaubhaftigkeit der Information als auch das Konzept “anonymer Interviews”. Auch wenn die Aussagen der anonymen Quelle der Wahrheit entsprechen, verlieren sie trotzdem das Vertrauen des Lesers. Bei einer Meinung oder einem Kommentar ist die Wahrnehmung eine andere: Man empfindet sie als real. Irgendwann werden Artikel und Kommentar dieselbe Verantwortung tragen. Und wenn digitale Medien nicht in totaler Zensur oder grenzenloser Freiheit enden, erwartet sie in naher Zukunft doch ein ernst zu nehmender Transformationsprozess.

Die vierte Waffe


Angst ruft das hervor, was Zerstörung mit sich bringen kann. Und genau das ist der Grund der Blockierung digitaler Medien. Sie werden nicht mehr als vierte Macht, sondern als Instrument zur “Destabilisierung der Lage” präsentiert. Was könnten die Folgen sein? Im besten Fall eine klare Definition des Begriffs. Bislang kann man nur die Vermutung äußern, dass digitale Medien in Osteuropa sich bald bis zur Unendlichkeit verändern werden.

Andrej Ditschenko


Andrej Ditschenko (1988 in Kaliningrad geboren) ist ein weißrussischer russischsprachiger Schriftsteller und Journalist. Er studierte Geschichte an der Staatlichen Weißrussischen Max-Tank-Pädagogikuniversität. Er ist Autor der Bücher „Platten und Lücken“, „Du – mich“ und „Sonnenmensch“. Die künstlerischen Texte des Autors sind Teil des Pflichtprogramms des Literaturkurses mit Schwerpunkt Osteuropa des Swarthmore College (Swarthmore, Pennsylvania, USA). Er hat als Redakteur des weißrussischen Magazins „Ja“ („Ich“) gearbeitet, war stellvertretender Redaktionsleiter der Zeitung „Znamja Junosti“ („Fahnen der Jugend“), Journalist des weißrussischen Magazins „Bolshoj“ („Groß“) und weiterer weißrussischer Medien.

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