Medien


Die Apotheose des Infokrieges

Medien. Sie sind überall, ob man will oder nicht, sie bestimmen unser Leben. Egal, ob du eine Person bist, die pausenlos Nachrichten konsumiert oder eine, die den Fernseher vor Jahren in die Tonne geschmissen hat und isoliert in einer non-virtuellen Realität lebt und auch wenn du ganz genau checkst, welche Informationsquellen du guckst, liest und hörst, ja auch dann wirst du von Medien beeinflusst. Und ja, auch Trash-und Fakenews setzten sich in deinem Hinterkopf fest und bilden Stereotypen, die viel mittelalterlicher sind, als du und deine moderne Lebensweise. Es sei denn, du lebst in einem von der Welt abgeschotteten tibetischen Kloster. Aber falls nicht, dann könnte dich dieser Text zum Nachdenken bringen.
 © Kate Trysh Ich habe seit über zehn Jahren keinen Fernseher, ich kaufe mir selten mal eine Zeitung oder ein Magazin, wenn überhaupt, verfolge ich Nachrichten im Internet und auch das eher unregelmäßig. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich, ob ich will oder nicht, mit Schlagzeilen, Nachrichtenmeldungen und Expertenkommentaren bombardiert werde. Ich laufe morgens beim Bäcker vorbei und höre dort Radionachrichten, während ich auf meinen Kaffee warte. Ich fahre in der U-Bahn und lese das BVG-Fenster aus Langeweile. Ich kaufe Tabak im Späti um die Ecke und starre auf Headlines in Zeitungen. Im Grunde werde ich ständig manipuliert und obwohl ich von mir behaupte, einen gesunden Menschenverstand zu besitzen, kann ich es manchmal nicht kontrollieren. In einer entspannten Demokratie wie Deutschland ärgert mich das zwar ab und zu, macht mir aber weder Sorgen noch Angst. In meiner Heimatstadt Moskau, in der Medien schon lange ein beliebtes Propagandainstrument geworden sind, sieht es damit schon ganz anders aus.

I


 © Brandi Redd „An der ukrainischen Grenze steht die polnische Armee“, verkündet mir meine Mutter mit panischer Stimme am Telefon, während ich gerade versuche den Rest meiner Klamotten in den Koffer zu stopfen. Das habe sie in den Medien gesehen. In welchen genau, fällt ihr nicht mehr ein, sie habe es eben irgendwo aufgeschnappt. Ich habe auch einiges aufgeschnappt. Zum Beispiel, dass man mit einem russischen Pass lieber nicht in die Ukraine fahren sollte. Doch genau das mache ich. Ich fliege aus Berlin nach Budapest, setzte mich dort in den IC und fahre 5 Stunden durch Ungarn. Vom letzten ungarischen Ort aus sind es dann noch genau vier Kilometer bis zur ukrainischen Grenze und von da 15 Minuten bis zum Ziel meiner Reise: Uschgorod, die westlichste ukrainische Stadt, hinter den Karpaten. Eine Stadt wie aus dem Bilderbuch umringt von Bergen, Burgen und vier EU-Grenzen: der Polnischen, Ungarischen, Rumänischen und Slowakischen. Ich rolle in einem alten, blauen Zugwagen langsam über den Fluß Tisa, hier verläuft die Grenze zwischen Ungarn und der Ukraine. Als ich aus dem Zug steige und langsam in Richtung Passkontrolle laufe, merke ich, dass meine Knie zittern. Ich lebe in Berlin, bin aber russische Staatsbürgerin und reise in ein Land ein, mit dem meine Heimat tief in einem „Konflikt“ steckt, - so bezeichnen es die russischen Medien. Die Menschen in Uschgorod werden später, wenn ich schon in der Stadt bin, nicht um den heißen Brei herum reden. „Es herrscht Krieg in unserem Land“, werden sie sagen. Und das stimmt. Zögernd stecke ich der Frau hinter der Glasscheibe meinen roten Pass mit dem doppelköpfigen Adler hin. Mein Pass wird durchgeblättert. Seite für Seite. Die Worte meiner Mutter kommen mir in Erinnerung: „Wenn sie dich nicht durchlassen wollen, dreh dich wortlos um und fahre nach Hause“ Herzklopfen. „Viel Spaß in der Ukraine“, sagt die Frau hinter der Glasscheibe und lächelt, als sie mir meinen Pass zurückgibt. Das wars. Die russischen Propagandamedien sind von mir so weit weg wie die Antarktis von Berlin, trotzdem habe ich Stereotypen und Angst in mir aufgebaut, die ihren Ursprung genau dort nehmen. Ich nehme mir vor, in Uschgorod dagegen anzukämpfen.

II


 © Ron Dyar Ich stehe auf der Fußgängerbrücke über dem Fluss Usch in der Altstadt. Ein junger Straßenmusiker spielt einen Song der ukrainischen Band „Okean Elsy“, zwei Studentinnen singen den Refrain mit: „Я не здамся без бою. Ich gebe nicht kampflos auf“. Der beste Moment, um meinem neuen Lieblingsort „Hallo“ zu sagen. Uschgorod ist eine Kaffeestadt. Sie riecht sogar danach. Egal wo du ihn kaufst, er ist fantastisch – stark, aromatisch, pur. Die unzähligen Cafés der Stadt sind immer gut gefüllt. Einen Espresso oder zwei, oder vielleicht auch fünf, können sich hier alle leisten. Die Nähe zu Wien (555 Kilometer) mit ausgeprägter Cafékultur und Österreichisch-Ungarischer Vergangenheit ist deutlich zu spüren. Ich will auch „Cava“. Und plötzlich weiß ich nicht, auf welcher Sprache ich bestellen soll. Ukrainisch spreche ich nicht, dafür Russisch. Doch ist das hier angebracht? Wird man mich verstehen? Wird man mich als Staatsfeindin abstempeln? Während ich mich noch darüber wundere, wie diese ganzen von Stereotypen aufgeladenen Gedanken in meinen Kopf geraten sind, bringt mir meine einheimische Begleitung Dima schon den Espresso und kann über meine Angst in der Ukraine Russisch zu sprechen und väterlich lächeln. „Über die Hälfte meines Lebens verlief eigentlich komplett auf Russisch und mein Alltag besteht aus einem Mix aus Russisch und Ukrainisch“, erzählt er. Es sei denn, du hast es mit den „Madjari“ zu tun, die ungarische Bevölkerungsminderheit, die hier sehr bemerkbar ist. „Die können nur ungarisch und wollen, dass du das auch kannst“, lacht er. In den folgenden Wochen werde ich mit Russisch perfekt weiterkommen. Sogar die örtlichen Zigeuner sprechen Russisch, ebenso wie Romani und Ukrainisch.

III


 © Jj Ying Ich lerne Viktoria, eine Radiojournalistin kennen. Sie erfährt durch einen gemeinsamen Freund, dass Berlinbesuch in der Stadt ist, und möchte ein Interview. Wir sitzen in ihrem kleinen Büro, ein Aufnahmegerät steht vor mir. Viktoria möchte wissen, ob wir auf Ukrainisch sprechen können. Da ich die Sprache nicht beherrsche, führt sie das Interview auf Russisch. Ob sie meinen O-Ton nun übersetzen müsse, will ich wissen. Sie verneint. Die Medien würden hier einen Sprachenmix aus Russisch und Ukrainisch zulassen. Die Journalistin will wissen, ob mich die Ukraine überrascht hat. Sie erklärt ihre Frage damit, dass ich vielleicht durch „die Medien ein bestimmtes Bild bekommen habe, was nicht der Realität entspricht“. Da sitzen wir also, zwei Opfer des Informationskrieges, der zwischen unseren Ländern herrscht, gucken uns an und stellen fest, dass wir keine Angst voreinander zu haben brauchen und mehr Gemeinsamkeiten haben, als Gegensätze. Doch das erzählen uns die Medien in der Regel nicht.

***


„Ich gucke ukrainisches und russisches Fernsehen, keins davon ist adäquat“, erzählt die Mutter des aufstrebenden Rechtsanwaltes Volodja. Die pensionierte Geschichtslehrerin lebt mit ihrer Familie am Stadtrand von Uschgorod und damit direkt an der slowakischen Grenze. Die EU-Nähe bewahrt einen hier aber auch nicht vor dem Informationskrieg und auch der durchaus physisch reale Krieg im Donbass ist zu spüren. Männer in Camouflage stechen auf der Straße sofort ins Auge, junge Männer ohne Arm oder Bein, das frische Denkmal das an Kriegsgefangene im Donbass erinnert und einige Meter vor dem T-34 Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg steht. Auch die Geflüchteten aus dem Kriegsgebiet fallen auf. Die Einheimischen beobachten sie mit misstrauischer Distanz – es gäbe Mentalitätsunterschiede zwischen ihnen, behaupten sie. Uschgoroder seien westeuropäisch geprägt, die Menschen aus der Ostukraine hätten mehr aus Osteuropa mitgenommen, formulieren sie vorsichtig. Zurück in Berlin spreche ich mit meinen deutschen Freunden über die Ukraine. Sie sind neugierig und überrascht. „Da herrscht immer noch Krieg? Man hört gar nicht mehr so viel in den Medien darüber“.

Anastasia Gorokhova


Anastasia pendelt seit ihrer Kindheit zwischen Russland und Deutschland. Geboren in Moskau, aufgewachsen in Karlsruhe, hängt zwischen Ost und West, was auch der Schwerpunkt ihrer Arbeit als freie Journalistin (früher) und Autorin für Radio, Film und Fernsehen (heute) ist. Sie lebt in Berlin und studiert seit 2015 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb).

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