Medien


Woher weißt Du das?

Lasst mich raten: Diesen Text lest ihr jetzt auf eurem Smartphone. Das machen heutzutage alle so. In Industrienationen ist in den letzten zehn Jahren die Zeit, die der Mensch im Internet verbringt, dank Steve Jobs, ums zweifache gestiegen: von 2,5 Stunden auf 5 Stunden pro Tag. Früher saß man in der U-Bahn, im Café, in einer Warteschlange und blätterte in einer Zeitung oder langweilte sich. Heute guckt man YouTube-Videos im Smartphone.
 © Mari Helin Noch eine Vermutung: Du hast die Webseite konverter.media nicht von selbst geöffnet, sondern ein Freund hat dir den Link im Messenger geschickt oder aber du bist auf Konverter bei einer Gruppe in sozialen Netzwerken gestolpert und die Headline hat dich interessiert. Bestenfalls hat der Mensch 5 bis 7 Webseiten als Lesezeichen abgespeichert, die er jeden Tag durchscrollt. Alles, was er außerdem noch anklickt, kommt ihm von irgendwoher als Tipp zugeflogen. Diejenigen, die im Internet Geld verdienen, opfern viel Zeit, um herauszufinden, woher genau der User diese Linktipps bekommt. Wir leben in einer Welt, die von Informationen überflutet ist. Es ist nicht so schwer guten Content zu produzieren, dafür aber um so komplizierter, ihn für ein breites Publikum bemerkbar zu machen.

Lustig ist, dass diejenigen, die keinen Content produzieren, die größten Erfolge feiern: die sozialen Netzwerke. Meistens verlinken sie den Content, den andere erschaffen haben: Artikel von Nachrichtenagenturen, Webseiten von Medien oder zum Beispiel Content des erfolgreichen russischen Bloggers Yuri Dudj. Trotzdem zeigen die Umfragen von Globalwebindex, dass 1/3 der Internetzeit von Usern in sozialen Netzwerken verbracht wird. Und seit 2017 macht sich ein neuer Trend bemerkbar: der Verzicht von Laptops und Computern. Die neuen «sozialen Geräte» sind Smartphones. Wer holt schon sein Laptop im Bus heraus, um seine Facebooknachrichten zu lesen?
 © Rohan Die Realität ist also die, dass man noch so geniale analytische Texte schreiben, die besten Videos drehen, die aufregendsten Podcasts aufnehmen kann: Sie erreichen den User nicht, wenn sie alle nicht an das Format sozialer Netzwerke angepasst sind und auf einem Bildschirm von ca. 5 Zoll nicht gut genug aussehen. Sie kommen erst gar nicht auf die Facebookseite derjenigen, für die dieser Content eigentlich interessant sein könnte.

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Dabei darf man nicht außer Acht lassen, dass zwischen Facebook, Vkontakte, Twitter und anderen sozialen Netzwerken ebenfalls der Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit des Users auf Hochtouren läuft. Es ist nicht nur wichtig, was du sagst, sondern auch wie. Ein Beispiel: Die Gruppe «Lentach» bei Vkontakte hat fast 2. Millionen Follower, weil ihre Gründer es geschafft haben den Trend zu erkennen und Nachrichten mit Memes und lustigen Kommentaren zu begleiten. Der durchschnittliche User bei Vkontakte ist zwischen 18 und 34 und ihm ist in erster Linie wichtig, dass der Content «einfach cool ist». Viele andere Gruppen haben dieses Format dann kopiert und dadurch gewonnen. Bei Facebook braucht man eine andere Herangehensweise, schließlich ist hier der Durchschnittsuser zwischen 25 und 44 Jahre alt. Einfach nur «ha-ha» zieht da nicht.
 © Mari Helin Man könnte es auch so zusammenfassen: Bei Vkontakte abonniert man Gruppen, bei Facebook — Leute. Im sozialen Netzwerk von Mark Zuckerberg schreiben viele berühmte Menschen ihre Posts. Und zwar nicht nur die großen Stars, sondern auch lokal berühmte Persönlichkeiten. Ihre Meinung ist für den User interessant, wenn die Persönlichkeit sich schon ein gewisses Image verdient hat. Auch das ist ein Trend: Man sucht sich Informationsquellen aus, denen man vertraut. Und es ist immer einfacher einer konkreten Person zu vertrauen, als einem Unternehmen, einer Agentur oder Channel. Nachrichten, Meinungen und Videos sind heutzutage personifiziert. Es ist nicht nur wichtig, was gesagt wird, sondern wer es sagt. Nicht nur das Bild ist wichtig, sondern wer es online gestellt hat.

Eine der häufigsten Antworten auf die Frage, «woher bekommen sie ihre Informationen/News» ist — Freunde und Verwandte. Blogger und andere Newsmaker bekommen, wenn sie dein Vertrauen gewonnen haben, den Zugang zu deinem engsten Kommunikationskreis. Vielleicht werden aus genau diesem Grund Messenger immer populärer. SMS ist Schnee von gestern, genau jetzt wechseln alle zu Whatsapp, Telegram und Viber. Dort kann man Gruppenchats machen und Informationen eures Vertrauens austauschen. Die Telegram-Channels berühmter Menschen haben auch den Effekt eines Chats. Es ist eine Kleinigkeit, aber doch sehr angenehm, wenn du auf dein Smartphone die Message eines berühmten Sportkommentators bekommst, als ob es die SMS von einem guten Freund wäre.

Außerdem lernen die Messengeruser (und das sind 80% aller Smartphonebesitzer) langsam, aber sicher mit Chat-Bots umzugehen. Vielleicht werden genau sie in naher Zukunft den Informationsstrom für jeden einzelnen User filtern können. Noch ist dieser Gedanke ungewöhnlich.

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Trotz aller Vorteile des Internets darf man allerdings nicht vergessen, dass das Fernsehen immer noch große Macht besitzt. Spricht man konkret über Weißrussland, so ist das Fernsehen immer noch die wichtigste Informationsquelle. Obwohl auch hier sein Einfluss mit der Zeit immer schwächer wird, sprechen die Umfrageergebnisse des Analytikzentrums von Andrej Wardomazki in Weißrussland Bände. Auf die Frage: «Was ist ihre Informationsquelle» antworteten die Befragten:
 © Rohan 71,3% — weißrussisches Staatsfernsehen;
62,1% — Bekannte und Verwandte;
43,8% — russisches Staatsfernsehen;
42,4% — soziale Netzwerke und Blogs;

Soziale Netzwerke und Blogs sind auf Platz vier. Webseiten von Medien oder Nachrichtenagenturen haben noch schlechtere Karten. Eine erwähnenswerte weißrussische Besonderheit sind Foren (im englischsprachigen Raum sind sie zu sogenannten Imageboards mutiert, wie etwa 4chan). Das sind nicht etwa Medien, die einen nur belügen oder soziale Netzwerke, die uns Werbung verkaufen wollen. In Foren schreiben Leute wie du und ich. Mit dem Unterschied, dass sie in bestimmtem Fragen mehr Erfahrung haben und mehr zu bestimmten Themen sagen können. Weltweit ist das Forum als Erscheinung schon nahezu ausgestorben, nur wir Weißrussen können uns noch nicht davon trennen. Doch früher oder später müssen wir wohl, spätestens, wenn Messenger so userfreundlich sind, wie z.B. der chinesische «WeChat».

Artem Fando


Redakteur der Sportwebweite pressball.by, Kolumnist der Zeitschrift "Bolschoj", interessiert sich für Sport, Reisen und Technologien.

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