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German Angst vs. künstliche Intelligenz

Deutsche nehmen es sehr genau mit dem Datenschutz und das ist wie die Liebe zur Ordnung schon fast teil des nationalen Charakters. Ende Mai trat das neue EU-Datenschutzgesetz in Kraft, dessen Ziel es ist, Usern die Kontrolle über ihre persönlichen Daten zurückzugeben und diesbezüglich europaweit einen einheitlichen, gemeinsamen Nenner zu schaffen. In Deutschland bezeichnen Befürworter das Gesetz als Revolution, Skeptiker als den Nackenschuss für technischen Fortschritt in Europa: vor allem was den Bereich künstliche Intelligenz und die «Technologie der Zukunft» Blockchain betrifft.

Persönliche Daten bekommt nur der Hausarzt


Mein deutscher Freund weigert sich mit mir in einem anderen Messenger außer Telegram zu kommunizieren. Die Erklärung: Whatsapp und Facebook gehören den Amerikanern und die sollen auf keinen Fall Zugriff auf seine Daten bekommen. Die Tatsache, dass Telegram eine Erfindung des Russen Pavel Durov ist, stört ihn allerdings nicht. Vielleicht weil der russische IT-Guru mittlerweile Exilant ist und sein Messenger in Russland im Frühjahr 2018 sogar verboten wurde. Oder mein deutscher Freund vertraut Russen eben mehr als Amerikanern. Wie dem auch sei, laut einer bei der Harvard Business Review veröffentlichten Umfrage sind 86% der Deutschen bereit ihre persönlichen Daten nur mit ihrem Hausarzt zu teilen. 27% der Befragten teilen Infos über sich bei Facebook und nur 24% bei Linkedin.

Im Vergleich zu den meisten anderen Ländern, wird Facebook in Deutschland von nur 35% der Befragten genutzt. Sonst liegt die Prozentzahl meist bei 50. Auch in Sachen Payback- und Rabattkarten liegen die Deutschen weit hinten, sie wollen ihre Daten nicht mit der Marketingabteilung teilen und sind nicht zu faul Mails an Onlineshops zu schreiben, damit ihre persönlichen Daten von den Servern gelöscht werden.

Deutschland bei Google Street View verpixelt


Aus Datenschutzgründen findet man in Deutschland auch kaum öffentlich zugängliches WLAN. Wenn es dann doch irgendwo Internet gibt, muss man erst noch nach dem Passwort fragen oder sich sogar anmelden.

Die deutsche Liebe zu Datenschutz lässt sich immer noch am besten mit einer Geschichte von vor zehn Jahren erzählen. Damals beschloss Google die Option Google Street View einzuführen. 20 deutsche Städte sollte man bequem von der Couch aus in seinem Computermonitor betrachten können, durch Straßen laufen, Häuser angucken. Die Reaktion aus Deutschland: über 1. Million Beschwerden pro Tag bei Google. Deutsche Bürger zwangen das Großunternehmen, ihre Häuser zu verpixeln. Google folgte nicht nur dieser Aufforderung, sondern begann sogar Gruppenbeschwerden von Mehrfamilienhäusern entgegenzunehmen. Google Street View ist in Deutschland also eher eine große Pixelsammlung, als wirklich eine Straßenansicht.

Haarfarbe und politische Ansichten


Das erste Mal wurde bereits 1977 ein Gesetz zu Datenschutz erarbeitet. Je weiter der technische Fortschritt in den folgenden Jahrzehnten voranschritt, desto öfter wurde es überarbeitet. Trotzdem kritisierte man jede neue Version für ihre Unvollkommenheit. Die am 25. Mai 2018 in Kraft getretene General Data Protection Regulation (GDPR) soll das Datenschutzgesetz um einiges verhärten und unsere persönlichen Daten besser schützen. Für einen Verstoß gegen das neue EU-Gesetz drohen Strafen von bis zu 20. Millionen Euro oder 4 Prozent vom Jahresumsatz eines Unternehmens. Im Falle von Google könnte es sich demnach um mehrere Milliarden Dollar handeln.

Unter persönlichen Daten versteht man nicht nur das Geburtsdatum und den Geburtsort, die Kontonummer und PIN, sondern auch Informationen über Religion, politische Ansichten, Sexualität, ethnische Herkunft, Haarfarbe, Größe, IP-Adresse etc. Ein Monat nach Inkrafttreten des Datenschutzgesetzes werden schon mehr Klagen über den Verstoß der GDPR verzeichnet, als im ganzen letzten Jahr.

Maschine Learning


In Datenschutzfragen befindet sich Deutschland an einer Weggabelung: Geht man nach links — sind Daten wie Geburtsdatum und die Haarfarbe nicht mehr sicher. Geht man nach rechts — bleibt man für immer im weltweiten digitalen Wettkampf in den hinteren Reihen hängen. Experten sind der Ansicht, dass die neue Regelung mit Maschine Learning und Deep Learning schlecht zu vereinen ist. So auch Pascal Finette, Geschäftsführer der amerikanischen NGO Fastrack Institute, die das Integrieren moderner Technologien in die Gesellschaft erforscht. Finette ist der Meinung, dass das Datenschutzgesetz Amerika und China Vorteile bringen wird: Diese Player könnten in der Entwicklung von Technologien, die auf Big Data basieren, alle anderen weit hinter sich lassen.

Ende von Blockchain?


Für die neue populäre Blockchain-Technologie wird das neue Gesetz wohl kaum ohne Folgen bleiben. Der Sinn von Blockchain widerspricht einem der vier wichtigsten Punkte der GDPR: dem Recht auf Vergessenwerden (right to be forgotten). Man kann in diesem dezentralisierten System nur dann eine Blockkette löschen, wenn die Mehrheit der User damit einverstanden ist. Bedenkt man ihre wachsende Popularität, wird das mit jedem Tag schwieriger. Experten erklären, dass man in der Ausarbeitungsphase der GDPR im Jahr 2012, solche Technologien wie etwa Blockchain noch gar nicht berücksichtigen konnte. Die Unternehmen, die jetzt schon mit Bitcoins und anderen Kryptowährungen arbeiten, sind seit Inkrafttreten des Gesetzes also hohen Risiken ausgesetzt.
«Wenn wir es mit dem Datenschutz übertreiben, dann hindern wir solche Technologien wie Big Data oder künstliche Intelligenz in ihrer Entwicklung. Noch haben wir es kein einziges Mal geschafft Balance zwischen Datenschutz und dem Benutzen von Daten zu finden», ist sich Achim Berg, Vorsitzender des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V. BITKOM sicher. Forschungsergebnissen von BITKOM nach, nutzen in Deutschland nur 11% der Unternehmen Technologien, die auf künstlicher Intelligenz basieren und nur 6% Blockchain. Einer der Hauptgründe, warum diese Technologien von deutschen Unternehmen nicht in ihre Arbeitsprozesse integriert werden können, ist der Datenschutz.

German Angst


Fürchtete man früher in Deutschland die Inflation oder Wirtschaftskrise, so hat man heutzutage Angst vor der Verbreitung seiner persönlichen Daten. Am besten haben die Engländer die Phobie der Deutschen verstanden: Sie erschufen sogar den Ausdruck “German Angst“. Der Begriff bedeutet Sorge, Unruhe, Angst vor dem Ungewissen und vielleicht nicht existierenden. Ob das hochtechnologische Deutschland, geleitet von seinen Ängsten, die Chance einer digitalen Revolution verpasst steht in den Sternen, klar ist — unsere Daten sind die neue Währung.
© Irina Michailina

Irina Michailina


Irina Michailina ist in Moskau geboren. Abschluss am Maurice-Thorez-Fremdspracheninstitut (MGLU) und Master an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist Linguistin (Germanistik) und lebt heute in Berlin.

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