Medien


Mikropoesie im Netz: Die Initialzündung für alle Fans

Kurz und knackig, humorvoll, ohne Zeichensetzung und komplizierte Reime auf genau 34 Silben zugeschnitten: Mikropoesie ist heutzutage nicht weniger verbreitet, als Memes, Motivationsposter und weitere Internetphänomene. Die mittlerweile fast schon als Klassiker geltende Autorin für Mikropoesie, Olesya Tsay hat Konverter aufgeklärt, was «Piroggen», «Poroschki» und weitere Genres im Netz sind.

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Meiner Meinung nach sind «Piroggen» und «Poroschki» eine neue Poesieform, die zwei Dinge in sich vereint: das manische Bestreben zu schreiben und zu reflektieren.

Netzpoesie geht schnell viral. Diese Tatsache ist nicht zu ignorieren, egal ob man ein Fan davon ist oder nicht. Und natürlich kann es nicht nur Befürworter des Genres geben. Aber die sogenannten Hater sind für das moderne Poesiegenre nicht solch Problem, wie die Newcomer-Dichter: Sie sind zwar aktiv, diskreditieren das Genre aber gleichzeitig auch oft.

Sie verstoßen gegen die Genreregeln: Sie benutzen Großbuchstaben und Zeichensetzung in ihren Gedichten, ignorieren die Betonung von Wörtern, die Anzahl der Silben. Sie benutzen obszöne Vokabeln und Schimpfwörter in ihrer Poesie in Unmengen, weil sie denken, Netzpoesie sei ein Mittel seinen Hass und Frust gegenüber der Welt auszudrücken. Auch ein Problem sind die User: Sie verbreiten zwar die Gedichte im Netz, machen sich aber nicht die Mühe den Namen des Autors (der Autorin) anzugeben. Nach dem Motto: Es sind doch nur vier Zeilen. Kurzum, die Regeln und Gesetze der Mikropoesie im Internet werden missachtet. Und es wäre schön, dies zu ändern. Der beste Weg dafür ist die Aufklärung.



Piroggen

Die «Piroggen sind eine (von vielen) Arten der Netzpoesie. Sie stammen vom japanischen Haiku ab. Im Jahr 2003 schlug der Dichter Wladislaw Kungurov (al cogol) auf einer Webseite für Haikufans eine neue Poesieform vor: ein Vierzeiler, der ein Blankvers mit jambischem Vierheber ist, mit 9–8–9–8 Silben, ohne Zeichensetzung und Großbuchstaben.

Der heimische Puschkinrhythmus der Pirogge, gepaart mit schöner, bildhafter Poesie blieb nicht unbemerkt. Einige Dichter griffen ihn sofort auf, dann noch ein paar Enthusiasten und schließlich ging die Pirogge viral:
Das Genre hat eine eigene «Magie», die viele Menschen auf einmal anzieht. So hat sich schnell ein fester Autorenpool gebildet. So entstanden die Piroggen-Klassiker.


Es gibt eine nahezu mystische Tatsache: Lange bevor die Piroggen das Licht der Welt erblickten, hat das St.Petersburger Kollektiv Mindless in genau demselben Rhythmus, aber mit Zeichensetzung, gedichtet:
Der Piroggen-Gründer kannte die Werke dieses Kollektivs allerdings nicht. Obwohl es anfänglich aufgrund dieses Zufalls einige Streitigkeiten gab, kam man dann doch zu einem Konsensus: Wenn man bedenkt, dass Puschkin so fest verankert ist in unserer Kultur und wir seine Poesie alle mit der Muttermilch aufgesogen haben, ist klar, wem im Großen und Ganzen der Credit gehört. Wenn man ganz konkret über die Piroggen spricht, so stand Mindless definitiv auch in den Anfängen.

Poroschki

Im Jahr 2011 probierten sich einige Piroggen-Autoren in einer Gruppe in einem sozialen Netzwerk mit dem Titel «alternativer Sandkasten» aus. Der Administrator der Gruppe, lAlexej Solovjew (Solovej) ließ sich von ihnen inspirieren und schlug vor, die Piroggen-Form zu erhalten, aber die vierte Zeile zu kürzen und sie mit der zweiten Zeile zu reimen. Der Ausgangspunkt dieses Genre bildete eine Improvisation von Mindless:
Der Dichter Solowej (Nachtigall) schlug folgende Basisstruktur vor:
Zwei Tage später hatte die frisch gegründete Poroschki-Gruppe im russischen Pendant zu Facebook schon mehrere Hundert Mitglieder.

Das Genre gewann so schnell an Popularität, dass die Piroggen-«Urväter» eine Webplattform gründeten, die für neue Autoren nur nach einer Aufnahmeprüfung zugänglich war. Der Autor Sergej Kudrjaschov kümmerte die um die Qualitätskontrolle. So entstand nach und nach ein Autorenkollektiv mit Dutzenden talentierten Poeten, die das Genre vor passionierten Kommasetzern schützte.

Improvisationen

Einige Piroggen-Gründer schlossen sich dem neuen Kollektiv an und bald wurden auch die Mindless-Autoren teil der neuen Bewegung. Die Anzahl der Leser wuchs, die besten Autoren wurden immer häufiger zitiert, gedruckt, waren beim Radio zu hören oder im Fernsehen zu sehen.

In den Jahren 2013 und 2014 erlebte dieses Genre einen echten Boom und Mindless widmeten sich auch wieder ihren berühmten Improvisationen bei Vkontakte (soziales Netzwerk). Man musste sich hier an keine strengen Regeln halten, aber mit der Zeit nahmen die Zweizeiler Oberhand. Der Zweizeiler erhob sich über alle anderen Improvisationsformen und ging viral. :

Depressions

Wie auch der Puschkinjambus waren die so genannten «Depressions» Teil der Netzpoesie, bevor sie ihren Namen bekamen. Irgendein Scherzkeks veränderten das Gedicht des Poeten Alexej Plescheev «Der Herbst ist da», schnell wurden die humoristischen Variationen bekannt:
Berühmt und anerkannt waren die «Depressions» nach einem persönlichen Vorfall einer Dichterin: Ihr Sohn musste im Kindergarten «Der Herbst ist da» auswendig lernen, allerdings nicht das Original von Plescheev. Das war die Geburtsstunde der «Depressions»:


Verbote

Es gibt bestimmte Themen, die in der Netzpoesie als No-Go gelten. In erster Linie sind es politische Themen. Es sollte in Piroggen nicht um Nachrichten gehen, sondern um alltägliches. Solche Gedichte werden schneller populär, denn wir alle können damit etwas mit Themen wie Liebeskummer oder Geldnot anfangen. Deswegen gehen solche Werke schneller viral, sie bringen uns zum Lachen und zum Nachdenken. Seit 2017 sind außerdem auch Schimpfwörter in Netzpoesie ungern gesehen.

Wie ließt man Netzpoesie richtig

Netzpoesie ist in Mikrogenre aufgeteilt. Sie alle haben ihre Spezifika und eine eigene Form, das sollte man wissen. Für jeden Geschmack und Humor ist etwas dabei.

Will man Netzpoesie wirklich genießen, sollte man sie auf bestimmten Webportalen lesen. Es gibt Webseiten, die die besten Gedichte posten. Sie sind sortiert nach Genre und Themen: romantische, positive oder im Gegenteil pessimistische Gedichte.

Momentan gibt es mehrere Tausend aktive Netzpoeten. Man kann ihre Werke auf den besagten Internetseiten kennenlernen. Man kann sich ihnen auf Webseiten, Portalen und Gruppen in sozialen Netzwerken, die für die breite Öffentlichkeit zugänglich sind, anschließen und sich selbst in Netzpoesie versuchen. Wichtig ist, dass man die Regeln befolgt.

Olesya Tsai


Olesya wohnt in Taschkent und arbeitet im Internetmarketingbereich. Sie interessiert sich für Poesie und Mikropoesie und ist ein Mitglied des Seminars der jungen Schriftsteller beim Schriftstellerverband Usbekistans. 2017 hat sie ihre Sammlung der Mikrogedichte "Zwanzig Klammern" veröffentlicht.

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