Medien


«Menschen lieben es, wenn sie Geschichten über sich lesen»

Neue Medien bieten allen, die von medialer Popularität und einem Leben als Person des öffentlichen Lebens träumen, grenzenlose Möglichkeiten. Man kann seinen kulinarischen Videoblog starten, intellektuelle Monologe online stellen oder Lifestylefotos in einem sozialen Netzwerk veröffentlichen.

Olesya Tsai aus Taschkent hat ihre Berühmtheit anders erlangt: Sie ist im Internet als Autorin von Mikropoesie bekannt. User des russischsprachigen Internets sind sicher mit Genren wie «Piroggen» oder «Poroschki» vertraut. Konverter hat herausgefunden, was ein Haiku à la russe ist und warum diese Art von Poesie viral geht.


***


— Olesya, was ist Mikropoesie und wie unterscheidet sie sich von anderen Poesiearten?

— Netzpoesie umfasst alle Arten von Kurzgedichten mit einer Länge von 1 bis 4 Zeilen. Es gibt klare Regeln, eine spezifische Form. Aber sonst gibt es keinen wirklichen Unterschied zur Offline-Poesie. Es ist derselbe Versuch Schablonen zu vermeiden und neue Ideen zu finden. Sie werden auch von Genies und Besessenen geschrieben. Dichter dieses Genres sind wie auch andere Poeten untereinander befreundet, konkurrieren miteinander, inspirieren einander.

Was Netzpoesie wirklich von klassischen Gedichten unterscheidet, ist, dass sie viel schneller verbreitet werden. Man nimmt eine Message und drückt sie prägnant aus. Menschen mögen das: kurz, aber treffend.

— Welche Themen stehen für dich im Vordergrund und welche Arten von Netzpoesie ziehst du vor?

— Ich schreibe Piroggen, Poroschki, Artischocken und Improvisationen. Was die Themen betrifft, so sind weder Politik noch generell Konjunktur willkommen. Alltagsthemen sind auch nicht wirklich populär. Wenn ein Autor seine Leser zum Beispiel nur über etwas schreibt, was garantiert gut ankommt, wie über Katzen oder Hunde, nennen wir das «cheet». Wir schätzen Gedichte ohne sozialen Rahmen. Allerdings werden meistens alltägliche Themen zu den populärsten. Ich persönlich versuche über alles zu schreiben, außer Politik und Nachrichten.

— Wie findet man «seinen» Leser?

— Das ist eine Art mystische Anziehungskraft, die ins Spiel kommt. Aber dann gibt es natürlich noch PR-Strategien, aber das ist nichts für mich. Ich hab noch nie PR für mich gemacht oder machen lassen. Ich finde, Literatur hat nichts mit Werbung zu tun. Das Schicksal jedes Werkes wird von der Geschichte geschrieben.
— Wie hat sich deiner Meinung nach Popularität als Erscheinung durch Neue Medien verändert?

— Als Kind dachte ich, Popularität ist, wenn man auf dem Olymp sitzt und die einfachen Menschen da unten beobachtet. Popularität heute, im Zeitalter der Neuen Medien, hat nichts mit meinen Kindheitsvorstellungen gemein.

Zumindest für mich: ich sitze auf keinem Thron und gucke auf die in mich verliebte Menge. Ich werde heute eher mit Kommentaren konfrontiert, in denen man meine Autorenschaft nicht anerkennt. «Kunst gehört doch dem Volk», wundern sich manche User, und «das sind doch nur vier Zeilen!» Vielleicht reden wir lieber über etwas Positives?

— Ja, also kommen wir zum Positiven: Wie ist es berühmt zu sein?

— Ein populärer Mensch wird ständig damit konfrontiert, dass man ihn oder z.B. seine Kunst kennt. Du kennst dein Gegenüber nicht, aber er kennt dich. Ich habe Glück gehabt, man weiß nicht, wie ich aussehe, man kennt nur meine Texte. Ich kann in Ruhe einkaufen und spazieren gehen. Leute, die auch ihr Gesicht «verkaufen», haben es sicher schwerer.

Wie man so schön sagt: Ich bin sehr bekannt, aber im kleineren Rahmen. Ich bin keine Berühmtheit, aber meine Texte sind es. Sie werden im Internet aktiv gelesen, ohne, dass die User wissen, wer sie geschrieben hat. Es ist wirklich wahr: Leute zitieren meine Texte, drucken sie aus, hängen sie an die Wand, lachen mit ihren Müttern über einige von ihnen. Oft finde ich auf Webseiten, Blogs oder sogar auf der Straße als Streetart, Zitate aus meinen Texten. Oft schicken mir Kollegen und Freunde Teile meiner Gedichte, die sie irgendwo gesehen haben. Das ist ein gutes Gefühl, aber eigentlich unwichtig. Alles wichtige passiert offline, fern von den Augen der Gesellschaft.
Manchmal klicke ich mich durch die Profile wildfremder Menschen in sozialen Netzwerken und entdecke meinen Vierzeiler als ihren Status, weil der gerade zur Lebensphase der Person passt. Das genießt man natürlich. Oder, wenn der Produzent meiner Lieblingsshow sich als mein Fan outet und mich in Taschkent drehen will, ist das auch ein tolles Gefühl. Neulich habe ich sogar aus dem Mund des Showmans und Opernsängers Nikolaj Baskov Zeilen aus meinem Gedicht in seinem Radiointerview gehört.

— Wenn soziale Netzwerke nicht wären, hätte man dann deine Gedichte je zu Augen bekommen?

— Es gibt auch Offlineplattformen für dieses Genre. Ich selbst habe das Genre kennengelernt, bevor ich einen Account in einem sozialen Netzwerken hatte. Also im Grunde gäbe es auch ohne das Internet diese Möglichkeit. Ein großer Teil meiner Gedichte, sprechen die Menschen persönlich an. Sie identifizieren sich mit den Geschichten, die ich erzähle. Leute mögen das und deswegen gehen sie dann viral.

— Und wenn nicht? Wie reagierst du auf Kritik?

— Kritik funktioniert nur auf Anfrage, und wenn man alleine mit ihr ist, hilft sie einem wirklich. Öffentliche Kritik meide ich. Ich kritisiere niemanden, bis man mich konkret nach Kritik fragt. Wenn man die Welt zu einem besseren Ort machen will, sollte man mehr schweigen. Man hat oft das Bedürfnis Förster zu spielen und die ganzen Äste im Wald aufzuräumen. Ich finde, man sieht dabei armselig aus. Darauf hab ich keine Lust. Ich kann meinen Kritikern für diese Erkenntnis nur danken. Und im künstlerischen Arbeiten hilft einem Wachstum und dafür braucht man Inspiration, keine Kritik.

— Und zu guter Letzt die DO und DON’TS: Wie wird man im Internet populär?

— Also wenn man sich Geschichten anderer anguckt, dann braucht man Ausdauer, Beharrlichkeit, nicht weniger als 3-5 Jahre harte Arbeit. Man sieht an Berühmtheiten eigentlich immer, wie viel Kraft sie investiert haben. Ein beharrlicher Mensch wird populär, sogar ohne Talent zu haben. Mein persönliches Rezept heißt sehr, sehr viel schreiben. Dann wird der Tag kommen, an dem etwas davon berühmt wird. Ich habe Tausende Gedichte, nur ein paar Dutzend davon sind bekannt.

Olesya Tsai


Olesya wohnt in Taschkent und arbeitet im Internetmarketingbereich. Sie interessiert sich für Poesie und Mikropoesie und ist ein Mitglied des Seminars der jungen Schriftsteller beim Schriftstellerverband Usbekistans. 2017 hat sie ihre Sammlung der Mikrogedichte "Zwanzig Klammern" veröffentlicht.

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