#MeToo-Debatte


#MeToo-Debatte

1963 wurde das Buch der Philosophin Hannah Arendt «Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen» veröffentlicht. Im Auftrag von The New Yorker fuhr Arendt nach Israel, um bei dem Prozess gegen Eichmann, der im in Nazideutschland für die endgültige Beseitigung der Juden verantwortlich war, dabei zu sein.

Wohl kaum einer weiß, was die ethnische Jüdin Hannah Arendt fühlte, als sie Eichmann über Gaskammern und die hohe Belastung der Krematorien in Konzentrationslagern sprechen hörte. Umso schwieriger ist es nachzuvollziehen, warum sie in den Titel ihres Buches die These über die Banalität des Bösen aufnahm. Sie schrieb, das Böse werde von gewöhnlichen Menschen möglich gemacht, die es als Norm und gesellschaftliche Ordnung wahrnehmen. Nicht etwa «entgegen des Willens» oder als «von außen kommend», sondern das Böse, was zur Norm wird, sich wiederholt und von der Gesellschaft akzeptiert wird, weil man schweigend beobachtet.

Im Jahr 2017, über ein halbes Jahrhundert nach dem Eichmannprozess, veröffentlichte The New Yorker einen Artikel des Journalisten Ronan Farrow (Sohn von Woody Allen, der beschuldigt wird, seine minderjährige Stieftochter vergewaltigt zu haben) mit dem Titel «From Aggressive Overtures to Sexual Assault: Harvey Weinstein’s Accusers Tell Their Stories». Dieser Artikel unterstützte die mit einem Post bei MySpace gestartete Bewegung #MeToo und beendete die Karriere des amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein, gegen den wegen sexueller Belästigung und Gewalt an vielen Frauen ermittelt wird. Die Schauspielerin Alyssa Milano war eine der Ersten, die Weinstein öffentlich beschuldigte. Sie schrieb auf ihrer Facebookseite: Wenn alle Frauen, die je sexuell belästigt oder missbraucht wurden, in ihrem Status auch «Me too» schreiben würden, dann könnten wir zeigen, wie groß das Problem in Wirklichkeit ist. (If all the women who have been sexually harassed or assaulted wrote "Me too" as a status, we might give people a sense of the magnitude of the problem).

Und so kam es auch. Hinter all den Hashtags #MeToo (und #ichHabeKeine AngstZuReden) stehen persönliche Tragödien Tausender Frauen, die gezeigt haben, wie gewaltig das Problem ist. Es zeigt, was für ein Verhalten als Norm in unserer Gesellschaft gilt.

In der westlichen Welt wurde das schon in den ersten Monaten nach Start von Metoo offensichtlich und dank der ukrainischen Journalistin Anastasia Melnitschenko, die 2016 erst im ukrainischen und dann im russischen Facebook die Kampagne #ichHabeKeine AngstZuReden initiierte, auch in Osteuropa. Normalerweise schweigt man im patriarchalen Osten zu solchen Themen, aber diese Initiative brach auch hier endlich das Schweigen.

Konverter hat beschlossen herauszufinden, wie und ob #MeToo in den Ex-Sovietstaaten aufgenommen wurde: Wie steht es um Frauenrechte in Armenien, Gleichberechtigung in der Ukraine oder Feminismus in Russland? Sieben Autorinnen haben ihre Gedanken und Erfahrungen zu #MeToo aufgeschrieben. Unter ihnen Olga Kuracheva von Pussy Riot, Anastasia Melnitschenko, Gründerin von #ichHabeKeine AngstZuReden und die Aktivistin Hasmik Adrinasyan, die sich in Armenien für Frauen- und Kinderrechte einsetzt.

Ihre Geschichten zeigen, dass es wichtig ist, darüber nachzudenken, wie unsere Gesellschaften eigentlich aufgebaut sind und ob wir wirklich bereit sind uns mit dem Bösen abzufinden, was leider in unserer Welt zur Banalität geworden ist.

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