Frauen im Beruf


"»Starke Frauen« sind keine Seltenheit in Kasan"

Über zeitgenössische Kunst in Tatarstan weiß man in Russland nicht viel: eine ausgeprägte Künstlerszene in den Neunzigern, das Zentrum für zeitgenössische Kultur “Smena” in den Nuller Jahren. Traditionelle Museen zeigen aktuelle Kunst nur stückchenweise, vorsichtig, aber das soll sich bald ändern. Das staatliche Museum für bildende Kunst in Kasan öffnet zeitgenössischer Kunst seine Türen. Die Kuratorinnen der neuen Abteilung Natalya Pankina und Luisa Nizamova, haben mit Konverter über ihre institutioneller Arbeit im Kunstbereich,“starke Frauen” und Agismus geredet.
 © Aksinya Sarycheva
Natalya Pankina

Zum staatlichen Museum für bildende Kunst der Republik Tatarstan gehört auch die Galerie für zeitgenössische Kunst. Im Grunde ist das eine Abteilung des Museums. Das Gebäude wurde 1979 erbaut und gehörte zum Künstlerverband, der aber zu moderner Kunst nur wenig Bezug hatte. Schließlich wurde dieser Teil des Museums zur Rekonstruktion geschlossen, die immer noch andauert. Hier soll aber zukünftig moderne und zeitgenössische Kunst des XX. und XXI. Jahrhunderte gezeigt werden. Ich arbeite zurzeit an eigenen Projekten in Moskau und habe keinen großen Einfluss mehr auf das Geschehen in Kasan.

Vor eineinhalb Jahren wurde ich in der Galerie stellvertretende Leiterin. Alle Mitarbeiter sprachen mich ab da immer nur mit dem Vor-und Vatersnamen an. Das war unangenehm. Ich bin es gewohnt, dass ein “Sie” und der Vornamen reichen egal, auf welcher Hierarchiestufe man steht.

Ich glaube nicht, dass mein Geschlecht irgendeine Schlüsselrolle in meiner beruflichen Identität spielt. In keiner Kunst- und Kultureinrichtung bin ich je Sexismus oder Diskriminierung begegnet. Viel schwieriger ist es zum Beispiel in Kasan mit dem Alter. In Tatarstan, aber auch in Russland allgemein hat man dir gegenüber kein professionelles Vertrauen, wenn du eine “junge Dame” bist. Egal, wie kompetent man ist. Oft hört man Sätze wie: “Lassen sie das doch ihre Mädchen machen”. Das hör ich sowohl von Frauen als auch von Männern. Ich finde das absolut unpassend und korrigiere bei jeder Gelegenheit Gesprächspartner, die sich solche Aussagen erlauben.

Dabei sind in Kasan “starke Frauen” keine Seltenheit. Allerdings hat hier die “starke Frau” und Feminismus nichts miteinander zu tun. Frauen, die an der Spitze eines Unternehmens oder Institution stehen, sind oft sehr schroffe Menschen. Ich denke, das liegt daran, dass wir für professionelle Siege härter kämpfen müssen, als Männer.
 © Aksinya Sarycheva
Luisa Nizamova

Formal wird mein Posten als “führende wissenschaftliche Mitarbeiterin” betitelt. Den Großteil meiner Arbeit bin ich mit Bildungsprogrammen, ihrer Organisation und Koordination beschäftigt. Dazu kommen noch Forschungs- und Kuratorenarbeit, die mit laufenden Ausstellungen zu tun haben.

Spricht man über zeitgenössische Kunst in Kasan, meint man das Aufblühen in den Neunzigern: unabhängige Initiativen und Künstlergemeinschaften, die Galerien gründeten. Diese Künstlergeneration hat es geschafft und stellt immer noch in ganz Russland und dem Ausland aus. Diese Künstler sind heute um die sechzig Jahre alt. Künstler bis 35 gibt es in Kasan nicht sehr viele.

Wir haben keine Schule für zeitgenössische Kunst in der Stadt, deswegen haben wir beschlossen, der jungen Generation eine Basis in aktueller Kunstbildung zu geben. Die Galerie hat allerdings weder ein eigenes Haus noch PR. Unsere Partner haben uns durch ihre Räumlichkeiten und Ressourcen die Möglichkeit gegeben, unser Bildungsprogramm bei ihnen zu realisieren. So haben wir z.B. einen Kurs mit eingeladenen Lektoren in Geschichte zeitgenössischer Kunst in einer Kunstschule organisiert.

Meinen Beobachtungen nach arbeiten im Bereich der zeitgenössischen Kunst, Museen und Galerien hauptsächlich Frauen. Auch in Kasan. Aber es gibt mehr männliche Künstler.

Ich kann nicht sagen, dass ich viele feministische Texte kenne. Aber alle arbeitenden Frauen wollen unabhängig sein: Sie sind Feministinnen, auch wenn sie das vielleicht nicht zugeben wollen. Heute haben wir Rechte, für die vor Hundert Jahren unsere Großmütter kämpfen mussten. Ob ich Feministin bin? Diese Frage bejahe ich aus diesem Grund immer. Und dafür schäme ich mich bestimmt nicht.

Ich benutze feministisches Vokabular. Zuerst hab ich mich damit unwohl gefühlt, es hat sich falsch angehört. Aber dann habe ich mehr darüber gelesen und mit der Zeit habe ich mich einfach daran gewöhnt. Aber ich sehe mich als Feministin, also rede ich auch so. In Russland gibt es damit ein Problem. Aber ich bin der Meinung, je öfter sich in unserer Sprache neue, feminine Endungen wiederfinden, desto normaler wird es. Aber man kann nicht in allen Aspekten und Taten feministisch sein.

Im Museum habe ich es größtenteils mit Kollegen zu tun, die im Schnitt 45 Jahre alt sind und sich nicht für philosophische Diskurse interessieren. Sie wollen einfach nur ihre Arbeit machen. Einige von ihnen haben immer noch eine negative Einstellung zu meinem jungen Alter. Der running Gag unter ihnen: Ich sehe noch jünger aus, als ich es bin. Einige nennen mich sogar “Häschen”.

In Tatarstans Ministerien werden Frauen mit Nachsicht behandelt. Da werden Frauen “Mädchen” genannt und persönliche Grenzen können schon mal überschritten werden. Im Museum und in der Galerie ist das natürlich nicht so sexistisch: Natalya und mich hat noch niemand “Mädchen” genannt.

Die wirkliche Schwierigkeit in unseren Job ist es die Museumsleitung in Initiativen zu überzeugen, die das traditionelle, akademische Format sprengen. Aber das hat nichts mit Fragen des Genders zu tun.

“Feminismus” spreche ich im Museum nie an. Aber ich denke meine Kollegen wissen schon mit wem sie es zu tun haben. Neulich haben wir mit der Museumsleiterin Rosalia Nurgalieva eine Ausstellung diskutiert und da sagte sie plötzlich: “Sie sind doch auch Feministin!”


Das Interview führe Angelina Burliuk, speziell für Konverter

Natalya Pankina


Ehemalige stellvertretende Vorsitzende der Galerie für zeitgenössische Kunst


Luisa Nizamova


Führende wissenschaftliche Mitarbeiterin der Galerie für zeitgenössische Kunst Kasan

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