Frauen im Beruf


Die Welt ist schon längst über die Dualität Feminismus plus Patriarchat hinweg

In Moskau hat die Artmanagerin und Kuratorin Jana Gaponenki schon viel gemacht: in der Galerie der international berühmten Künstlerin Aidan Salakhova gearbeitet und im Institut «BAZA» und der Kuratorenschule der Stiftung V-A-C studiert. In Wladiwostok hat sie einige Künstlerresidenzen des Zentrums für zeitgenössische Kunst «ZARYA» koordiniert, auch als unabhängige Kuratorin Projekte des Goethe-Instituts in Novosibirsk geleitet. 2015 eröffnete sie die Schule für zeitgenössische Kunst in Wladiwostok — ein Labor, was von Künstlern selbst organisiert wird.

Konverter hat mit Jana über #MeToo, LGBTQ und moderne Kunst in Wladiwostok gesprochen.

 © Aksinya Sarycheva
Ich organisiere und kuratiere schon seit zehn Jahren Kunstprojekte in Wladiwostok. Angefangen habe ich meine Karriere als Empfangsdame in der Galerie «Arka». Jetzt bin ich Stipendiatin bei EUNIC, einem Austauschprogramm für russische KuratorInnen am Zentrum für moderne Kunst «Witte de With» (Rotterdam, Niederlande). Bei der Auswahl der Teilnehmer am Austauschprogramm werden keine bestimmten Gender bevorzugt, aber bei Arbeit am Empfang schon: Man ist ja sozusagen das «Gesicht» des Unternehmens und dass muss weiblich sein, jung und schön. Überhaupt haftet an Kulturarbeit das Klischee, das sei nur was für Frauen. Wenn es um Technik, Geld und physische Arbeit geht — dann ist die für Männer. Nicht-materielle Arbeit wie Kultur- und Bildungsarbeit für «das schwache Geschlecht». In Russland hängt das konkret mit der Demographischen Lage zusammen, laut Statistik gibt es hier mehr Frauen.

Bei «Witte de With» habe ich das Glück von der Gastkuratorin aus Mexico, Sofía Hernández Chong Cuy zu lernen. Das ist eine unabhängige und starke Frau. Übrigens ist bei «Witte de With» auch eine Frau Leiterin der technischen Abteilung, Linn. Sie hat einen männlichen Kollegen, Paul. Beide arbeiten seit den Neunzigern hier, beide kommen mit allen technischen Aufgaben gleichermaßen wunderbar zurecht, arbeiten gleich viel und haben deswegen keinerlei Konflikte: weder mit sich selbst, noch untereinander. Ich sage da nichts Neues, aber die europäische Frau hat nahezu denselben Stellenwert in der Gesellschaft wie der Mann.

In der Welt der Kunst und der Galerien gibt es in Russland auch Beispiele erfolgreicher, starker Frauen, die am Ruder stehen. Dank ihrer Arbeit ist russische zeitgenössische Kunst auch teil des internationalen Marktes. Ich habe von 2011 bis 2013 in der Moskauer Galerie «Aidan» gearbeitet, als sie gerade zum «Aidan Studio» umgewandelt wurde. Die Gründerin ist die Künstlerin Aidan Salikhova, die in ihren Werken die Themen Feminismus und Religion behandelt, wie z.B. die Frau in islamischen Gesellschaften. Aidan hat mir eine besondere Erfahrung geschenkt und gezeigt, wie stark innere Freiheit und Kraft bei einer Frau sein können.

Was die aktuellen Feminismusdebatten anbelangt, so bin ich da entspannt und eher zurückhaltend, obwohl ich mit vielen Künstlerinnen, die auch aktive Feministinnen sind, zusammenarbeite. Natürlich habe ich auch beobachtet, wie #MeToo in Europa einschlagen hat. Etwas, was es schon immer gegeben hat, wird endlich öffentlich entblößt. Nichtsdestotrotz finde ich es wichtig zu sagen, dass es bei dieser Bewegung auch eine andere Seite der Medaille gibt. Der laute und aktive Schutz der Frauenrechte hat nicht gerade positive Auswirkungen auf einige männliche Schicksale gehabt.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich mit keinem «....ismus» assozieren will. Schließlich habe ich durch meine Schule für moderne Kunst in Wladiwostok ständig mit hauptsächlich männlichen Partnern und Geschäftsmännern zu tun, die wesentlich älter sind als ich. Trotzdem kommuniziere ich mit ihnen auf einem Level. Aufgrund meines jungen Alters und meinem doch sehr angreifbaren Arbeitsbereich werde ich von ihnen nicht immer Ernst genommen.

Meine Schule ist mit vielen verschiedenen Institutionen verpartnert, wie das Museum «Garage» in Moskau, das Zentrum für zeitgenössische Kultur «Hlebzavod» in St.Petersburg, und das Zentrum für moderne Kunst «ZARYA» in Wladiwostok. Finanzielle Partnerschaften haben wir nicht. In Wladiwostok interessiert sich die Wirtschaft nicht für aktuelle Kunst, diese Stadt gehört Autos und Dienstleistungen. Solche Kulturprojekte wie «Hlebzavod» und «Zarya» sind einzigartig. Der Investor von «Zarya» lebt in Moskau, Kunst sehen und kaufen ist sein Hobby. «Hlebzavod» ist angebunden an die örtliche Brotfabrik und deren Konzepte, wie die Popularisierung von Wissenschaft und Technik, was in Science-Art verarbeitet wird.

Geschäftsmänner in Wladiwostok haben Geld, aber sie kaufen lieber Designobjekte. Sie investieren so gut wie nie in Kunst, die Realität abbildet und sich mit ihr kritisch auseinandersetzt. Das ist so, weil diese Menschen sich selbst nicht mit der Realität kritisch auseinandersetzten wollen, deswegen interessiert sie auch diese Kunst nicht. Außerdem haben wir hier auch starken chinesischen Einfluss: Die haben wie wir auch einen Verband der Kunstschaffenden. Dort wird hauptsächlich traditionelle Kunst gefördert und dort hat man eine konservative Meinung dazu, wie Kunst zu sein hat. Trotzdem nehmen wir schon zum vierten Mal neue, junge Künstler in unsere Schule auf, sie bringen einen neuen, frischen Blick auf Kunst und auch auf das Thema Gender mit.


Das Interview führe Angelina Burliuk, speziell für Konverter

Jana Gaponenko


Gründerin der Schule für zeitgenössische Kunst in Wladiwostok. Kuratorin. Hat mit Galerien wie «Arka», Aidan Gallery», Zentrum für Moderne Kunst «ZARYA» gearbeitet. Redakteurin des Onlinemagazins NEEEST.

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